Schule: Softskills Lehrer sollen richten, woran Eltern scheitern

Disziplin, Verantwortung, Toleranz: Schüler sollen neben Mathe und Deutsch auch soziale Kompetenzen in der Schule lernen. Das stellt Lehrer mitunter vor Probleme.

Von Angelika Steffen

Carina Hausladen erinnert sich noch genau an das Ergebnis ihrer Persönlichkeitsanalyse aus der achten Klasse: "Ich bin ein Herztyp gemischt mit einem Macher", erzählt die heute 17-Jährige. Eine Selbst- und Fremdbildanalyse am Joseph-von-Fraunhofer-Gymnasium im oberpfälzischen Cham war ihre erste Berührung mit Persönlichkeitserziehung in der Schule. Natürlich hatten sie in der Unterstufe bereits im Religionsunterricht über Werte gesprochen - doch nun ging es um sie persönlich: Ist ihre Persönlichkeit gut entwickelt? Wie verhält sie sich gegenüber anderen, wie sehr lässt sie sich beeinflussen?

Kinder sollen die Schule selbstbewusst verlassen und wissen, was Werte sind. Keine leichte Aufgabe für die Lehrer.

(Foto: dpa)

Die Schüler sollen lernen, ihre sozialen Kompetenzen, welche die Wirtschaft immer wieder als zu schwach ausgeprägt bei Berufseinsteigern bemängelt, zu reflektieren. Disziplin, Verantwortung und Toleranz sind nur einige der Werte, die verstärkt von der Schule gefördert werden sollen. "Wir wollen diese Soft Skills in unserer Persönlichkeitserziehung herausarbeiten", sagt der Lehrer Franz Rackl. "Wir lernen, das Verhalten des Menschen von der Basis auf verstehen", sagt Hausladen. "Die Persönlichkeit bleibt in der Schule oft auf der Strecke. Der Erfolgsdruck lässt einen regelrecht verkümmern."

Neben Rechtschreibung und Mathematik gehört Persönlichkeitsentwicklung zum Bildungsauftrag von Schulen. Erst kürzlich forderten bei einer Allensbach-Umfrage 65 Prozent der Eltern, die Schule solle ihren Kindern helfen, Selbstbewusstsein zu entwickeln. Fast ebenso viele zählten die Vermittlung von Hilfsbereitschaft und guten Manieren zum schulischen Auftrag. Lehrer Rackl möchte sein Konzept ausbauen und eine "werteorientierte Menschenbildung" an den Schulen etablieren, die über die gesamte Schulzeit trägt.

Eine Gefahr liegt darin, dass schablonenhaft und unkritisch Ratgeberliteratur und esoterische Ideen von Persönlichkeitstypen übernommen werden. Eine andere Gefahr: das Abschieben der Wertevermittlung auf einen Spezialunterricht.

Ein umfassendes Konzept propagiert Volker Ladenthin von der Universität Bonn, der seit 20 Jahren dazu forscht: "Wir dürfen die Kinder nicht zu Werten erziehen, sondern zum Werten." Die Lehrer müssten die Themen und Probleme, die im Unterricht vorkommen, mit Werten in Verbindung bringen. "Im Chemieunterricht lernen die Jugendlichen, dass Stickstoff ein prima Gartendünger ist. Daran muss sich aber auch die Diskussion anschließen, ob man einfach bedenkenlos düngen darf."

Doch bislang gibt es ein solch ganzheitliches Konzept noch in keinem Bundesland, wenngleich alle Kultusminister das Thema in den Blick nehmen. Rheinland-Pfalz zum Beispiel setzt stark auf Gewaltprävention: Kritisches Denken, positives Selbstwertgefühl sowie der Umgang mit Gruppendruck sollen gefördert werden. Nordrhein-Westfalen bietet den Schülern Projekte in Altenheimen und Kindergärten an, um sich über Werte bewusst zu werden. Und manche Schulen lassen sich in Eigenregie Initiativen einfallen, schicken Schüler zum Beispiel zum Boxtraining, um sie auch in ihrer Persönlichkeit zu stärken.

Immerhin führt auch solch eine punktuelle Arbeit zu Erfolgen: Das zeigt die Hauptschule im oberbayerischen Wasserburg. Seit zehn Jahren werden dort Sozialkompetenzen als Grundlage für den Umgang miteinander geschult. Es gibt "Streitschlichter" und klare Regeln; das wöchentliche Fach "Soziales Lernen" und sogenannte Erziehungskonferenzen mit Problemschülern und deren Eltern helfen, Konflikte zu vermeiden und zu lösen. Seitdem geht es auch friedlicher auf dem Pausenhof zu, die Gewaltbereitschaft sinkt. Und vor allem: die Schüler sind selbstsicherer geworden.

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