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Hate-Speech:Was tun gegen Hass im Netz?

Symbolfoto: Gestellte Aufnahme zum Thema Hasskommentare in Sozialen Netzwerken. Neben dem Gefaellt mir Button von faceb

Beschimpfungen der untersten Kategorie sind keine Seltenheit auf sozialen Medien. Dagegen zu kämpfen erfordert Zeit und Zivilcourage.

(Foto: Thomas Trutschel/imago images/photothek)

Auf Sozialen Medien werden oft Sexismus und Rassismus ausgelebt. Wer vom Hass im Netz profitiert und was Betroffene gegen Angriffe tun können.

Von Johanna Pfund

Die sozialen Medien sind wie ein Dschungel - voller Möglichkeiten und voller Gefahren. Gerade Menschen, die nicht dem vermeintlichen Standard entsprechen, werden oft Zielscheibe von Beschimpfungen und Hasskampagnen. Mit dem Phänomen beschäftigt sich die Psychologin Barbara Costanzo, Vice President Group Social Engagement bei der Telekom und Mitverantwortliche der Initiative "#DABEI - Gegen Hass im Netz", schon lange. Hilfe bietet auch Juuuport, eine Online-Beratungsplattform für junge Menschen, die an der Initiative beteiligt ist und von der Niedersächsischen Landesmedienanstalt gegründet wurde. Ein Blick auf die Beweggründe und mögliche Auswege.

Wer sind die bevorzugten Opfer?

Frauen sind immer noch eines der beliebtesten Ziele für Hassbotschaften, besonders, wenn sie in der Öffentlichkeit stehen, wie Costanzo berichtet. Homophobie und Rassismus werden ebenfalls oft in Attacken auf den Plattformen ausgelebt. "Auch Transgender, die von sich berichten, müssen damit rechnen, dass sich unfassbare Dinge entladen", sagt die Expertin. Über die Algorithmen wird immer mehr von der gleichen Botschaft an die Empfänger geschickt. "Es gibt dann viele Quellen mit vergleichbaren und vermeintlich echten Botschaften, und das beeinflusst massiv", sagt Costanzo.

Barbara Costanzo

Hassbotschaften werden oft in Phasen der Unsicherheit verschickt, erklärt Barbara Costanzo. Die Psychologin, die für die Telekom arbeitet, sieht solche Kampagnen als Angriff auf die Demokratie.

(Foto: Frank Bauer/Telekom)

Wer schickt Hassbotschaften?

Zum einen sind es die, die zu einer Gruppe gehören möchten und versuchen, die Abstände nach innen zu verkleinern und nach außen zu vergrößern. "Das passiert auch in demokratisch orientierten Gruppen, aber in antidemokratischen ist es noch mehr ein Prinzip", stellt die Expertin fest. Zudem gebe es Menschen, die aufgrund einer schlechten Erfahrung andere im Netz beleidigen. Letztlich ist die Gruppe derjenigen, die gar nichts Negatives erlebt hat, die größte. "Das ist vorweggenommene Angst. Fake News kann ich viel leichter schüren, wenn ich kein Gegenstück habe, an dem ich es messen kann."

Was ist der Antrieb?

Gründe gibt es viele. Juuuport weist darauf hin, dass allein aus Langeweile oder einem Scherz heraus Mobbing im Netz entstehen kann. Hasskampagnen dagegen haben ihren Ursprung oft in Angst vor einer Phase der Unsicherheit, oft geht es um eine Verschiebung gewohnter Grenzen. Hass wird da zur Strategie, um die Gesellschaft zu spalten. "Viele haben gar keine eigene Meinung und lassen sich mitziehen", sagt Costanzo. In gewisser Weise sei Diversität durchaus anstrengend, erklärt die Psychologin - denn das bedeute im Kern, sich immer wieder zu hinterfragen. Sich mit Gleichgesinnten zu umgeben sei bequemer - die eigene Meinung wird häufiger bestätigt, man versteht sich.

Wer profitiert vom Hass?

In der Tat gibt es mehrere Wege, von Bösartigkeit zu profitieren. Ein Faktor kann Geld sein, denn Hass ist laut Costanzo auch zum Geschäftsmodell geworden. Zum anderen sei das Senden von Hassbotschaften auch mit einer eigenartigen Freude und einem Gefühl von Macht verbunden. Juuuport rät deshalb Betroffenen, nicht zu reagieren, um die Hassspirale zu stoppen. Hass kann sogar glücklich machen, sagt Costanzo: "Gerade wenn ich anti-demokratisch unterwegs bin, kann das Senden von solchen Nachrichten positive Gefühle auslösen, weil es für den Absender oder die Absenderin ein positiv wahrgenommener Kampf ist." Am häufigsten sei es jedoch so, dass die man andere im Sinne der eigenen Sache manipuliert und dadurch profitiert. "Hass wird zur Strategie, um Anhänger der eigenen Idee zu binden."

Ist Abschalten eine Lösung?

Die scheinbar einfachste Lösung wäre, sich bewusst von sozialen Medien zu verabschieden. Juuuport empfiehlt Betroffenen, beleidigende Kontakte blockieren. Komplettes Abschalten hält Psychologin Costanzo aber auch für einen Verlust - denn das Privatleben finde in der analogen und digitalen Welt parallel statt. "Es gibt Gruppen, die nicht gut ausschalten können", sagt Costanzo. "Für viele sind die Sozialen Medien zum Hauptarbeitsplatz oder Vertriebskanal geworden." Ausschalten bedeute auch, dass die Hassbotschaften ihr Ziel erreichen: jemanden auszugrenzen. "Diese Stimmen fehlen dann bei der Meinungsbildung in einer Gesellschaft. Das ist letztlich der Angriff auf die Demokratie."

Was können Betroffene unternehmen?

Juuuport empfiehlt, unangemessene Inhalte bei den jeweiligen Plattformen zu melden. Mitleser sollten digitale Zivilcourage zeigen, fordert Costanzo. Das sei zwar nicht einfach, aber Unterstützung gebe es auf Plattformen wie #ichbinhier. Den rechtlichen Weg beschreiten bislang wenig Opfer von Hass im Netz. "Das muss man ändern", findet Costanzo. Denn nur nicht die Androhung von Strafe wirke, sondern auch, wenn Täter tatsächlich verfolgt werden und die Gesellschaft das Gefühl bekomme: "Das Netz ist kein rechtsfreier Raum. Hass ist ein gesellschaftliches Problem, wir alle sind aufgefordert, dies nicht zu ignorieren."

© SZ
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