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Sozialbericht kritisiert Bildungschancen:Deutschland, setzen, Sechs!

Einmal arm, immer arm: In kaum einem europäischen Land hängen die Bildungschancen der Kinder so stark vom Ausbildungsstand der Eltern ab wie in Deutschland. Und in kaum einem Nachbarstaat ist der soziale Aufstieg so mühsam wie hierzulande. Ein Armutszeugnis für das ökonomisch stärkste Land Europas.

Thomas Öchsner

Es ist ein Mantra, das die Politiker ständig wiederholen: Wenn in Zukunft genug Fachkräfte zur Verfügung stehen sollen und sich das Jobwunder nicht in Luft auflösen soll, braucht Deutschland mehr junge Menschen mit Schul- und Berufsabschluss. Bildung ist in einem rohstoffarmen Land der Schlüssel zum Wohlstand der Nation.

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Im Schneckentempo zu mehr Chancengleichheit: Einen Teilerfolg weist der neue Sozialbericht aus - Bildung wird immer weiblicher.

(Foto: dpa)

Doch der neue Sozialbericht des Statistischen Bundesamts und des Wissenschaftszentrums Berlin zeigt, dass die Bildungschancen immer noch maßgeblich vom Ausbildungsstand der Eltern abhängen. Zugleich ist der soziale Aufstieg im Vergleich zu anderen Ländern in der Bundesrepublik ungewöhnlich schwer.

Wer einmal arm ist, bleibt dies oft für immer. Und das ist für das ökonomisch stärkste Land Europas ein Armutszeugnis.

Gewiss, auch dies ist ein Befund des neuen Datenreports, es gibt erste Erfolge: Bildung wird weiblicher. Frauen sind besser qualifiziert als früher. Generell schaffen es mehr Schüler zum Abitur. Das hat allerdings nichts daran geändert, dass ein Viertel der deutschen Bevölkerung und gut die Hälfte der in Deutschland lebenden Ausländer ab 25 Jahren 2009 überhaupt keinen beruflichen Bildungsabschluss hatten.

Deutschland gibt nach wie vor viel zu wenig Geld für Bildung aus. Und die Programme, die es gibt, erreichen die bildungsfernen Schichten nicht in ausreichendem Maß. Seit Jahren beklagen Bildungsforscher die mangelnde Chancengleichheit im deutschen Bildungssystem. Sie fordern Ganztagesschulen und warnen vor der frühen Aussortierung von Schülern im dreigliedrigen Schulsystem.

Immer mehr Kultusminister denken deshalb um, schaffen die Hauptschule ab und fördern die Vollzeitbetreuung von Kindern. Die Reformen kommen aber zu langsam. Der Fortschritt in der Bildungspolitik ist eine Schnecke.

© sueddeutsche.de/jobr

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