Social Media in Unternehmen Das Herrschaftswissen bröckelt

Das hört sich nach Wolke sieben an. Doch trotz des Social-Media-Hypes allerorten gilt: Die Umstellung auf Enterprise 2.0-Strukturen ist für manche Beschäftigte und Führungskräfte schwierig. So sind selbst Mitarbeiter, die privat in jeder freien Sekunde twittern, chatten und bloggen, oft unsicher, ob und wie sie im betriebsinternen Kontext agieren sollen. Ihre Zweifel: Ist meine Meinung überhaupt gefragt? Ärgert sich mein Chef über Anregungen oder Kritik? Wie reagieren die Kollegen?

Allein eine Einführung in die neuen Funktionen zu geben, motiviert nicht zu einer regen Nutzung. "Die Vorbildfunktion der Geschäftsführung oder des direkten Vorgesetzten, die sich aktiv im internen Netz bewegen, ist extrem wichtig. Mitarbeiter müssen erleben, dass ihre Beteiligung nicht nur erlaubt, sondern hoch erwünscht ist, sonst funktioniert das interne Web nicht als Wissensspeicher und Tauschbörse", sagt Professorin Andrea Back vom Institut für Wirtschaftsinformatik der Universität St. Gallen.

Wichtig sei es, dass die Mitarbeiter keine Angst vor einer Kontrolle der Arbeitsprozesse hätten. Die Teilnahme am Social Network solle freiwillig sein und könne nicht verordnet werden. Da besteht zumindest in großen Betrieben kaum Gefahr: Web 2.0-Technologien können nur mit Zustimmung des Betriebsrats eingeführt werden, der die einzelnen Funktionen daraufhin überprüft, ob sie zu einer Verletzung der Privatsphäre führen. Als mit der Einführung der E-Mail der Briefverkehr abgelöst wurde, stiegen die Mitarbeiter auch erst nach und nach um - aber freiwillig, weil sie vom Nutzen der schnellen Kommunikation überzeugt waren.

Die Führungskräfte treibt freilich eine ganz andere Sorge um. Denn Enterprise 2.0 ist weit mehr als der Einsatz von Wikis oder Blogs, "es verändert die Machtstrukturen im Unternehmen", betont Back. Herrschaftswissen war gestern. Waren Führungskräfte bisher in bilateralen Gesprächen oft Herr des Verfahrens, "müssen sie sich jetzt öfter einer offenen Kommunikation auf der Plattform stellen. Sie müssen bereit sein, sich in Diskussionen einzuschalten und ihre Argumente schlüssig zu vertreten", beschreibt Michael Wegscheider den Rollenwandel, den er bei Allianz Deutschland beobachtet. Prozesse werden eher moderiert als diktiert.

Enterprise 2.0 ist eine Herausforderung für manchen Chef, der jetzt bereit sein muss, auf Silostrukturen zu verzichten. Denn erst in einer offenen, kommunikativen Unternehmenskultur und mit der Beteiligung möglichst vieler Beschäftigten aller Hierarchieebenen können interne Web 2.0-Technologien sinnvoll und effektiv genutzt werden. Und da sind souveräne Führungskräfte mit Mut zur Transparenz und mit Lust auf Austausch gefragt.