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Smalltalk:Wie man im Beruf richtig plaudert

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Smalltalk im Beruf ist wichtig. Aber durch die Möglichkeiten der modernen Kommunikation leidet das Feingefühl für geschäftliche Hierarchien. Das kann bei realen Aufeinandertreffen Gift für die Karriere sein. Wer Erfolg haben will, sollte bei einer Plauderei mit beruflichem Hintergrund ein paar Dinge beachten.

André Boße

So langsam wird der innere nach oben zeigende Daumen zum Problem. Man kennt diesen Daumen von Facebook: Viele Leute nehmen sich jeden Tag die Zeit, um beinahe alles, was ihre virtuelle Freunde im sozialen Netzwerk posten, mit einem Click auf den "Gefällt-mir"-Button zu bewerten. "Daumen hoch" heißt es dann selbst für aberwitzige, banale oder problematische Postings, zumeist verbunden mit meinungsfreudigen und wenig reflektierten Kommentaren.

Im Rahmen von Facebook fällt diese Inflation von Meinungen schon gar nicht mehr auf. Die Gemeinschaft bewertet munter vor sich hin. Das soziale Netzwerk lebt davon. Schwierig wird es jedoch, wenn diese Art der Kommunikation auch die Gespräche in der Wirklichkeit prägt. Zum Beispiel den Smalltalk im Berufsleben, also den scheinbar beiläufigen Austausch mit Kollegen, Vorgesetzten oder Kunden, der für die Karriere wichtig sein kann, weil in diesen wenigen Minuten die ersten Eindrücke entstehen, die über vieles, was später folgt, mitentscheiden.

Wir leben in einer Kultur, die scheinbar von jedem verlangt, immer und überall seine Meinung kundzutun", sagt die Hamburger Kommunikationstrainerin Martina Cyriax mit Blick auf die sozialen Netzwerke. Hinzu kommt, dass durch die Möglichkeiten der modernen Kommunikation auch das Feingefühl für geschäftliche Hierarchien leidet. "Immer mehr junge Leute gehen davon aus, dass die Kluft zwischen Einsteigern und Vorgesetzten oder langjährigen Kunden heute geringer ist als früher, nur weil sie die E-Mail-Adresse dieser Leute in ihren Kontakten haben."

Bevor es E-Mail und Business-Netzwerke wie Xing gab, standen zwischen Einsteiger und Chef oft mehrere Etagen und eine strenge Dame im Vorzimmer. Da entstand Demut ganz von allein. Heute dagegen gaukeln direkte Kontakte oft eine Nähe vor, die in der geschäftlichen Realität gar nicht gegeben ist.

Zu viel Meinung, zu wenig Demut - beim Smalltalk mit geschäftlichem Hintergrund ist diese Kombination pures Gift. Martina Cyriax weiß das aus Erfahrung: Als Coach nutzt sie die Pausen ihrer Seminare für Smalltalk-Experimente, die ausdrücklich misslingen dürfen. Sie probiert dann unbequeme Haltungen oder unpassende Themen aus und merkt, wie schnell die Kommunikation ins Stocken gerät, wenn sie professionelle Distanz vermissen lässt und die anderen mit Meinungen befeuert. "Smalltalk, der stockt, erfüllt jedoch nicht seinen Zweck als Schmierstoff zwischen den Menschen", sagt sie. "Smalltalk ist im besten Sinne ein Einstiegsangebot zur Kommunikation und bietet die Grundlage für alles, was folgt. Zum Beispiel für tiefgehende Business-Besprechungen oder Personalgespräche mit dem Vorgesetzten."

Die Beraterin ist sich sicher: Wer schon beim Einstieg überzeugt, hat es später einfacher, wenn es richtig zur Sache geht. Auch deshalb, weil zwischen der Kunst des Smalltalks und einer erfolgreichen Verhandlungsführung viele Ähnlichkeiten bestehen. "Weder Smalltalk noch Business-Meetings sind Ego-Trips", sagt sie. "In beiden Gesprächssituationen nehme ich im Idealfall die Rolle eines Moderators an. Ich leite das Gespräch, statt es zu dominieren. Ich schließe andere ein, die außen vor stehen, und sende damit Signale aus, dass diese Runde keine geschlossene Gesellschaft ist, sondern sich offen für Impulse zeigt."

Daher komme es beim geschäftlichen Smalltalk weit mehr auf ein gutes Gespür für das Gegenüber als auf einen hohen Wortanteil an. "Es geht nicht darum, möglichst viel zu reden. Das Ziel sollte sein, durch den Smalltalk etwas Neues bei meinem Gegenüber zu entdecken und nach Gemeinsamkeiten zu fahnden. Darum sind Selbstdarstellungen unter dem Motto ,Mein Haus, mein Auto, mein Boot' echte Killer", warnt Cyriax.

Smalltalk funktioniert also wie ein kommunikatives Abtasten. Auf Belehrungen oder großmundige Prophezeiungen sollte man daher genauso verzichten wie auf Themen, die zu kompliziert sind, um sie in einer kurzlebigen und losen Runde zu besprechen. "Lieber übers Wetter reden als über Politik" - diese Faustregel gilt heute mehr denn je, findet Stephan Lermer, Kommunikationscoach aus München. "Als geübter Internet-Nutzer meint man heute, über viele noch so komplizierte Dinge Bescheid zu wissen. Doch wenn wir darüber reden, entlarvt sich das, was wir sagen, sehr häufig als fatales Halbwissen."

Bei politischen Themen ist die Gefahr des Missverstehens besonders groß. "Nehmen Sie eine Person wie Franz Josef Strauß", sagt Lermer. "Das politische Wirken dieses Mannes ist so ambivalent, dass man sich bei einer Meinungsäußerung über ihn schnell in die Nesseln setzt. Und wenn ich mich nach meiner Aussage erst einmal umständlich erklären muss oder inhaltlich zurückrudere, dann ist die Leichtfüßigkeit, die einen gelungenen Small Talk auszeichnet, längst ruiniert."

Mit dieser Leichtigkeit ist es auch vorbei, wenn die Gesprächsstimmung plötzlich ins Negative kippt. Zum Beispiel, wenn Themen wie Fitness und Gesundheit in eine Krankheitslitanei münden. In dieser Hinsicht gefährlich sind - besonders heute - die Themen Wirtschaft und Finanzen: Die Krisen dauern an, und es gibt gute Gründe für dunkle Prognosen, erst recht auf geschäftlichem Parkett. Doch im beruflichen Smalltalk darf nach Ansicht von Lermer die Apokalypse keinen Platz bekommen. "Ich will schließlich, dass der Smalltalk zur Eintrittskarte in ein Netzwerk wird. Mit düsteren Prophezeiungen oder Lästereien ist man dort jedoch wenig erwünscht."

Unverkrampft üben

Trotz der vielen Fallen: Smalltalk ist kein Hexenwerk. "Man sollte auch nicht übertrainiert in die Gespräche gehen, da man sonst nur noch wie eine Schablone wirkt und nicht mehr wie ein Mensch", sagt Beraterin Cyrax, die ungeübten Smalltalkern rät, gezielt nach Situationen Ausschau zu halten, in denen sie unverkrampft üben können: "Man kann zum Beispiel in Ruhe zu Hause bei der Zeitungslektüre nach Themen fahnden, die einen interessieren, und dann das Gespräch mit dem Nachbarn suchen, um diese zu testen."

Lermer gibt Lernwilligen gleich zwei Orte an die Hand: "Erstens die USA, wo die Leute es einfach drauf haben, sich zunächst abzutasten, sich dadurch kennenzulernen - und dann zur Sache zu kommen. Und zweitens die Taxis. Die Gespräche mit dem Fahrer sind Smalltalk pur. Wer auf den Weg zu Bewerbungsgesprächen in verschiedenen Städten die diversen Smalltalk-Mentalitäten kennenlernt, den wirft später so leicht nichts mehr um."

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Quelle:
SZ vom 17.12.2011
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