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Sick-Building-Syndrom:"SBS-Betroffene sind keine Hypochonder"

Entscheidend für die SBS-Beschwerden ist auch eine psychologische Komponente. Der ProKlima-Studie zufolge sind persönliche Faktoren und Empfindungen der Betroffenen, ihre Tätigkeit und die Benutzerfreundlichkeit ihres Arbeitsplatzes oft entscheidender für das Auftreten von SBS als das Bürogebäude selbst. Auch Wolfram Neumann weiß aus der Praxis, dass objektive Messwerte nicht die subjektive Behaglichkeit abbilden können: "Oft sind die Symptome ein Ventil für andere Missstände im Büro." Einig sind sich Experten und Studien, dass die Arbeitszufriedenheit entscheidend dafür ist, ob bei jemandem SBS auftritt.

Trotzdem sind die Beschwerden nicht reine Einbildung. "Dass es sich bei SBS-Betroffenen um Hypochonder handle, ist ein häufiges Argument von Firmenleitern, das so nicht stimmt", sagt Nowak. Angesichts der hohen Zahl von Betroffenen gehen Mediziner inzwischen von einer "normalen Reaktion des Menschen auf unnormale Innenraum-Verhältnisse" aus.

Bei SBS wirken chemische, biologische, physikalische und psychologische Faktoren zusammen. Häufig sei das Syndrom auch ein Spiegelbild von insgesamt belastenden Arbeitsbedingungen wie Stress, Monotonie, einer als unangemessen empfundenen Bezahlung oder schlechter Führungskultur im Unternehmen. Nowak plädiert dafür, SBS-Betroffene ernst zu nehmen: "Zunächst muss man prüfen, ob tatsächlich ein Problem festzustellen ist: Was ist physikalisch, biologisch oder chemisch mit der Raumluft nicht in Ordnung und was können wir dagegen tun?" Oft reiche es schon, die Klimaanlage stärker aufzudrehen, damit die Luftwechselrate steigt. "Da muss die Firma die höheren Stromkosten in Kauf nehmen, denn wenn die ersten Krankmeldungen kommen, ist es eigentlich schon zu spät", sagt Nowak.

"Nur bei konkreten Regeln entsteht Handlungsbedarf"

Mitarbeitern, die selbst an SBS-Symptomen leiden, die nachlassen, sobald sie nicht mehr im Büro sind, rät er, sich an Betriebsarzt und Betriebsrat zu wenden. Um Symptome und Ursachen abzuklären, haben Fachleute Fragebögen zur Hand. Außerdem kann in einem nächsten Schritt ein Ingenieur ins Haus kommen, der Messungen der Luftqualität vornimmt und die Raumluft auf Schadstoffe wie Formaldehyd oder Schimmel untersucht. Für die meisten Stoffe in Innenräumen gibt es allerdings keine gesetzlichen Grenzwerte, das Umweltbundesamt hat lediglich Richtwerte erarbeitet, die für die Qualität der Raumluft gelten sollten.

Wolfram Neumann würde sich für seine Messungen mehr Richtwerte für Innenräume wünschen. "Nur wenn es konkrete Regeln gibt, entsteht auch tatsächlich Handlungsbedarf für Unternehmen, wenn die Werte überschritten werden", sagt Neumann.

Haben die Messungen ergeben, dass tatsächlich Schadstoffe in der Luft sind, muss das Unternehmen reagieren. "Einmal habe ich eine Klimaanlage besichtigt, die Luft direkt vom Parkdeck angesaugt hat", berichtet Mediziner Nowak. In solchen Fällen besteht Handlungsbedarf: Schimmel und Nässe müssen beseitigt werden, Klimaanlagen saniert und sorgfältig gewartet und im Zweifelsfall Schadstoffe aus Möbeln und Baumaterial entfernt werden. Sonst kann das Sick-Building-Syndrom die Firma durch erhöhten Krankenstand eine ganze Menge Geld kosten.