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Selbstmarketing:Anbieten ohne anbiedern

Alina Gause ist Diplom-Psychologin, Schauspielerin und Coach.

(Foto: Sabine Hillbrand)

Die Berliner Psychologin Alina Gause erklärt, wie Künstler ihre Scheu vor Selbstvermarktung überwinden können.

Alina Gause ist Diplom-Psychologin und ausgebildete Schauspielerin, Sängerin und Tänzerin. Seit zehn Jahren arbeitet sie in Berlin als Coach, berät Künstler aller Richtungen und bietet Workshops mit Titeln wie "Anbieten ohne Anbiedern" oder "Autonomie statt Prekariat" an.

SZ: Viele entscheiden sich für einen künstlerischen Beruf, obwohl nur sehr wenige ihren Lebensunterhalt damit bestreiten können. Ist das nicht naiv?

Alina Gause: Wohl kaum jemand wird Maler, Musiker oder Schriftsteller, um reich und berühmt zu werden, sondern aus innerem Antrieb. Natürlich will man gesehen, gehört, gelesen werden - aber das ist nicht die ursprüngliche Motivation. Die Tätigkeit selbst trägt den Belohnungswert in sich. Viele sind realistisch und erwarten nicht, davon leben zu können.

Warum ist es so schwer?

Der Kunstmarkt hat eine völlig eigene Dynamik, die mit der Ausbildung und der Arbeit im Atelier nichts zu tun hat. Da prallen Welten aufeinander. Und leider gibt es nur wenige Möglichkeiten, sich von seiner Kunst zu ernähren. Zudem ist das Ansehen schlecht. Künstler werden oft belächelt, oder man nimmt ihnen ihre Tätigkeit übel nach dem Motto: Könnt ihr mal was zum Bruttosozialprodukt beitragen, anstatt euch selbst zu finden?

Bereiten sich Studierende denn gut genug auf ihren künftigen Beruf vor?

An den Hochschulen wird die Berufsvorbereitung immer noch stiefmütterlich behandelt. Ich staune immer wieder, wenn zum Beispiel Schauspieler ohne professionelle Fotos aus dem Studium kommen. Auch die Herausforderungen einer Selbstständigkeit sind kaum jemandem bewusst. Während Spitzensportler ganz selbstverständlich mit Strategie, Team und Zeitplan trainiert, käme das Künstlern nicht in den Sinn. Career Center an den Hochschulen sind ein erster Schritt. Aber es reicht nicht, den Studierenden etwa eine To-do-Liste an die Hand zu geben, weil es ihnen zuwider ist, ihre Kunst anbieten und verkaufen zu müssen.

Also ist das Kernproblem die fehlende Selbstvermarktung?

Die eigene Arbeit dem Markt anzubieten, fällt den meisten enorm schwer. Viele haben das Gefühl, sich zu prostituieren - Sie glauben gar nicht, wie oft ich dieses Wort höre. Das ganze Thema Selbstvermarktung ist mit viel Scham verbunden. Aber ein Künstler ist ja selbst Teil seines Produktes, da kommt er natürlich nicht umhin, sich und seine Kunst sichtbar zu machen. Das wird jedoch nur funktionieren, wenn er eine für sich verträgliche Art des Selbstmarketings findet.

Was raten Sie?

Zunächst, die individuelle Nische zu finden. Daher arbeiten wir an der Profilschärfung und schauen: Wo passe ich gut hin? Wenn man das herausgefunden hat, ist es einfacher, sich und seine Arbeit zu präsentieren, weil man sich dabei wohl in seiner Haut fühlt. Alles andere frustriert und saugt Kreativität ab. Dabei hilft es zu verstehen, dass ein Künstler drei Persönlichkeitsanteile in sich trägt: die Privatperson, die kreative Person und die dritte Person, die sich um die Karriere kümmern, die Steuern machen oder auf Vernissagen netzwerken muss. Allen ist klar, dass diese dritte Person notwendig ist, aber niemand mag sie. Es entlastet Künstler, wenn sie wissen, dass sie diese dritte Person hassen und trotzdem die Aufgaben erledigen können. Wie der Abwasch, der halt gemacht werden muss. Das Ziel ist zu verstehen, dass man durch diese Arbeiten kein schlechter Künstler ist.

Woran liegt es, dass einige erfolgreich am Kunstmarkt sind, andere nicht?

Erstens an der Menge des Inputs. Bildende Künstler haben mehr als einen Fulltime-Job. Der extrem hohe persönliche Aufwand wird oft unterschätzt. Zweitens, so simpel es klingt, am Durchhaltevermögen. Manchmal heißt es einfach nur dranbleiben. Und drittens die Pflege der eigenen kreativen Substanz.

Welche Rezepte geben Sie mit?

Kein Rezept zu nutzen! Weil sich Erfolg auf Entwicklung der Kreativität und Persönlichkeit begründet. Schließlich suchen wir bei der Kunst nicht das Rezept, sondern die Erfindung, die uns inspiriert.