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Selbstausbeutung bei Amazon:Arbeit als "Droge" oder wie versucht wird, das Unerklärliche zu erklären

In der New York Times berichten ehemalige und aktuelle Amazon-Mitarbeiter von permanenter Erreichbarkeit, Überarbeitung. Rückblickend sagen manche, sie hätten ihre Arbeit dort "als Droge" empfunden. Wie erklärt sich das?

Ich denke es ist ein Versuch, das Unerklärliche zu erklären. Warum tut man sich das an? Ich denke, weil einem durch Überidentifikation mit der Arbeit und der Firma der Abstand zur eigenen Tätigkeit irgendwann abhanden gekommen ist. Es fehlt das psychologische "detachment" von der Arbeit, das etwa durch Familie, Freunde oder Freizeit erlebbar wird.

Was bedeutet eine selbstausbeuterische und denunzierende Firmenkultur auf längere Sicht für eine Organisation?

Das Konkurrenzdenken steigt und ist irgendwann das vorherrschende Thema. Für Aufgaben, die in Teams bewältigt werden müssen ist das Gift. Bei Teams dominiert der soziale Aspekt. Sie müssen vertrauenswürdig sein und den Mitgliedern eine Art Heimat bieten können. Amazon kompensiert das durch einen hohen Durchlaufwert. Der Nachschub an Menschen, die dort arbeiten wollen, geht bislang nicht aus. Die Aufgaben in den Teams sind genauestens strukturiert und getaktet, so dass sie auch jemand nach einer relativ kurzen Einarbeitungszeit erledigen kann. Jeder ist ersetzbar, das ist die McDonaldisierung der Unternehmenskultur auf Managementebene.

Die Amazon-Mitarbeiter berichten von digitalen Tools, die die Produktivität und Aktivität der Mitarbeiter überwachen. Gibt es Branchen, die für diese Art der digitalen Steuerung und Messung von Arbeitskraft prädestiniert sind?

Möglich, dass es besonders in digitalen Gründerorten wie dem Silicon Valley besonders gute Voraussetzungen dafür gibt. Was mich dabei erstaunt, ist die Naivität, mit der die Personalabteilungen solche Werkzeuge einsetzen. Ich habe den Eindruck, die Digitalisierung beraubt sie ihrer moralischen Grundwerte. Eine Firmenkultur zu entwickeln, ist ein aktiver Prozess, der sich nur gemeinsam erarbeiten lässt - mittels Gesprächen, Transparenz und Menschenkenntnis. Big Data steht dem entgegen. Was man jedoch nicht außer Acht lassen darf ist, dass es sich bei diesen Unternehmen wirklich nur um einen kleinen Bereich handelt. Es gibt so viele traditionsreiche Firmen, die mit ihren Mitarbeitern gut und nachhaltig umgehen. Die gehen in dieser Debatte völlig unter.

© SZ.de/gal/mikö
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