Süddeutsche Zeitung

Sechsjährige Grundschule:Mehr Zeit für alle

In Hamburg soll es künftig eine sechsjährige Grundschule geben. Doch Wissenschaftler sind sich alles andere als einig, ob eine längere gemeinsame Schulzeit der richtige Weg zu größerem Bildungserfolg ist.

Tanjev Schultz

Wenn darüber debattiert wird, ob Schüler bereits nach zwölf oder erst nach 13 Schuljahren Abitur machen sollten, betonen Politiker, zwölf Jahre seien in Europa Standard. Nach diesem Argument müssten nun alle Bundesländer dem Beispiel der schwarz-grünen Koalition in Hamburg folgen, die die Grundschulzeit verlängern will. Denn auch längeres gemeinsames Lernen ist europäischer Standard. Eine Aufteilung der Schüler bereits im Alter von zehn Jahren gibt es so nur noch in Österreich.

Die OECD hat Deutschland gerade erst wieder ermahnt, den Zeitpunkt zur Trennung der Schüler zu verschieben, um die Bildungschancen von Kindern aus (bildungs-)armen Familien zu verbessern. Viele Grundschulpädagogen klagen seit langem, vier Grundschuljahre seien zu kurz. Bereits in der dritten Klasse laste ein enormer Druck auf den Kindern, den Wechsel auf ein Gymnasium zu schaffen. Auch von Eltern kommen solche Klagen. Diejenigen, deren Kinder es auf Gymnasien geschafft haben, wollen dann allerdings vom gemeinsamen Unterricht mit Leistungsschwächeren oft nichts mehr wissen.

In Berlin, wo sechs Jahre Grundschule seit jeher die Regel sind, sorgen sich viele, ihr Kind könnte zu wenig lernen. Sie drängen deshalb zunehmend an Gymnasien, die die Kinder ausnahmsweise auch schon nach der vierten Klasse besuchen können. Der vorzeitige Wechsel soll vor allem dazu dienen, die humanistischen Gymnasien in Berlin zu erhalten, die frühzeitig in die alten Sprachen einführen wollen. Zweifel an der sechsjährigen Grundschule nährt nun auch eine Studie des Bildungsforschers Rainer Lehmann, der im Auftrag des Berliner Senats die Leistungen Tausender Grundschüler und Gymnasiasten verglichen hat.

Vergleich unterschiedlicher Systeme

In der "Element-Studie" verfolgt der Professor von der Humboldt-Universität die Lese- und Mathematikleistungen von der vierten bis zum Ende der sechsten Klasse. Sein Ergebnis: Bei gleicher Ausgangslage lernen Berlins Schüler an Gymnasien deutlich mehr als an Grundschulen. Leistungsstarke würden in der Grundschule nicht ausreichend gefördert; am Gymnasium hingegen sei der Lernfortschritt auch bei Schwächeren groß. Der Philologenverband sieht die Studie als "eindeutigen Beweis" für ein Scheitern der sechsjährigen Grundschule. Bisher gibt es aber nur Äußerungen Lehmanns, die Studie selbst ist noch nicht publiziert, dem Berliner Senat als Auftraggeber liegt sie erst seit wenigen Tagen vor. Dort ist man ungehalten über Lehmanns Vorpreschen, mit dem er in Hamburgs aktuelle Debatte eingreift.

Lehmanns Studie macht auf Defizite der Berliner Grundschule aufmerksam. Doch für eine grundsätzliche Antwort auf die Frage nach der optimalen Grundschuldauer halten sie viele Bildungsforscher von der Anlage her für ungeeignet. Denn Lehmann hat eben nicht ein System, in dem alle Schüler nach vier Jahren aufgeteilt werden, mit einem System verglichen, in dem dies später geschieht. Er bezieht sich stattdessen auf eine erlesene, leistungsstarke Gruppe, die innerhalb des sechsjährigen Systems vorzeitig auf Gymnasien ausweicht.

Auf der nächsten Seite: Was eine sechsjährige Grundschule für Migranten und Kinder aus (bildungs-)armen Familien bedeutet.

Mehr Zeit für alle

Geringer Einfluss des Elternhauses

Ein eindeutiges Votum für oder gegen sechs Jahre Grundschule in Deutschland sei derzeit wissenschaftlich nicht möglich, betonen sowohl Jürgen Baumert als auch Olaf Köller. Es handle sich um eine politische Frage. Baumert ist Direktor am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin, Köller leitet das Institut zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen. Was man aus vorliegenden Studien aber weiß: Empfehlungen und Entscheidungen zum Übertritt nach der vierten Klasse sind sehr fehleranfällig. Migranten und Kinder aus (bildungs-)armen Familien haben es selbst bei gleichen Fähigkeiten schwerer, auf ein Gymnasium zu kommen, als ihre Mitschüler. Dies könnte jedoch auch nach sechs Jahren Grundschule noch so sein.

Aus den Pisa-Studien weiß man außerdem, dass in Berlin und Brandenburg, wo die Grundschulzeit sechs Jahre beträgt, der Einfluss des Elternhauses auf die Schulleistungen der 15-Jährigen geringer ist als in anderen Bundesländern. Dies deutet auf ausgleichende Effekte der Grundschule hin. Die durchschnittlichen Leistungen in Berlin und Brandenburg sind dafür jedoch auch viel schlechter als etwa in Bayern oder Sachsen.

Staaten wie die Schweiz, Finnland oder Kanada wiederum zeigen, dass Schulen, in denen alle Kinder sechs Jahre oder noch länger zusammenbleiben, durchaus zu sehr guten oder sogar exzellenten Leistungen führen können. Als Schlüssel dafür gelten eine hohe Professionalität der Lehrer und Unterrichtsmodelle, die sowohl die Starken als auch die Schwachen besonders fördern. Genau darin sehen Schulexperten noch große Defizite in Deutschland.

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SZ vom 21.4.2008/bön
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