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Schulsysteme in Deutschland:Klassenkampf und Kleinstaaterei

Mittelschulen, Werkrealschulen, Stadtteilschulen: Jedes Bundesland bastelt am Erziehungssystem und will damit besser sein als die anderen.

Johann Osel

Der Erfolg des Hamburger Volksentscheids hat die Gegner struktureller Schulreformen bundesweit beflügelt. Heinz-Peter Meidinger, Vorsitzender des Deutschen Philologenverbandes, sprach von einem "phantastischen Votum für den Erhalt eines leistungsfähigen Gymnasiums". Von Hamburg gehe nun "ein Signal an alle Landesregierungen aus, endlich von teuren und unnützen Strukturreformen die Finger zu lassen". Es gebe in Deutschland keine gesellschaftliche Mehrheit für längeres gemeinsames Lernen, sagte Meidinger, in dessen Verband vor allem Gymnasiallehrer organisiert sind.

Endspurt für Volksentscheid in Hamburg

In jedem Bundesland lernen Kinder anders.

(Foto: dpa)

Er forderte die Bildungspolitiker auf, in den nächsten zehn Jahren auf Eingriffe, die auf keinen breiten Konsens stießen, zu verzichten - und sich stattdessen auf bessere Unterrichtsqualität zu konzentrieren. Auch der Deutsche Lehrerverband begrüßte das Hamburger Votum gegen eine sechsjährige Primarschule, es komme "einer bürgerlichen Revolte gleich".

Die traditionell eher linke Bildungsgewerkschaft GEW warf der siegreichen Bürgerinitiative hingegen "eine Angstkampagne" vor. "Es ist ihnen gelungen, bei vielen Menschen Verlustängste für die Lernbedingungen ihrer Kinder zu erzeugen", sagte GEW-Chef Ulrich Thöne. Die Probleme der sozialen Ausgrenzung im mehrgliedrigen Schulsystem seien aber nicht von der Hand zu weisen. Außerdem dürfe es gerade für Flächenstaaten wie Nordrhein-Westfalen keinen Stopp in der Schulentwicklung geben, um trotz sinkender Schülerzahlen attraktive Schulstandorte in Wohnortnähe anbieten zu können.

An Rhein und Ruhr hatten SPD und Grüne im Wahlkampf stark auf das Thema Schulpolitik gesetzt. Die rot-grüne Regierung plant, Gemeinschaftsschulen einzuführen, an denen Jugendliche bis zur zehnten Klasse unter einem Dach sind, in Stufe fünf und sechs gemeinsam unterrichtet werden. Ob die Klassen von der siebten Jahrgangsstufe an aufgeteilt werden, sollen Eltern, Schule und Schulträger vor Ort entscheiden. Man gehe "einen sanften Weg", betont die neue grüne Schulministerin Sylvia Löhrmann. Das Beispiel Hamburg zeige, "wie sensibel systematische Veränderungen in der Schulpolitik sind". Gerade deshalb wolle man längeres gemeinsames Lernen nicht von Düsseldorf aus verordnen, sondern im regionalen Konsens gestalten.

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