Schulen für Sinti und Roma Bauchweh vor jedem Schulbesuch

Überzeugung gegen Herz

Alles sieht leicht aus. Doch dann erzählt Christiane Weiss, wie ihre älteste Tochter vor jedem Schulbesuch über Bauchweh klagte. Anfangs habe ihre Überzeugung häufig gegen ihr Herz verloren. Das Kind durfte zu Hause bleiben, bis am Ende das Schuljahr verpasst war und die erste Klasse wiederholt werden musste. Die Mutter weiß, auch anderen fällt es schwer, ihr Kind gehen zu lassen, nicht nur einer Sintezza. Aber dann sagt sie, dass eine Mutter ihr Kind um sich haben will. "Ob die Kinder fünf oder sechzehn Jahre alt sind, da haben wir immer Angst."

Sie selbst hat einst eine Ausbildung abgebrochen. "Jetzt will ich, dass meine Kinder ihr Geld später selbst verdienen. Das ist doch so wichtig." Ihr Kampf wurde eine grundsätzliche Sache. "Es war schwierig für meine Tochter zu sehen: Die Mama schickt mich doch zur Schule. Es hilft nicht, über Bauchschmerzen zu klagen." Jetzt geht sie täglich. "Auch wenn es mir im Herzen weh tut." Aber, fügt sie an: "Die Eltern müssen manchmal viel mehr lernen als die Kinder."

Druck von außen

Die Pädagogin Olga Andersch, die das Schulprojekt von Maro Temm seit seinem Start vor einem halben Jahr betreut, weiß, dass Druck von außen nicht hilft. "Durch Strafe kämen wir nicht weiter." Stattdessen sollen Schule und Kindergarten Orte werden, die keine fremde Welt mehr sind. In der Matthias-Claudius-Schule, die viele Sinti-Kinder besuchen, gibt es dafür Mediatorinnen. Vier Frauen aus der Gemeinde der Sinti, sie bieten Hilfe an und halten Kontakt zu den Eltern. Dieses Angebot gibt es schon seit einigen Jahren, und die Schüler erscheinen nun zumindest regelmäßiger.

In Maro Temm soll Olga Andersch Eltern und Kinder noch besser erreichen. "Ich gehe nicht zu den Familien und hole sie." Das würde nach Zwang aussehen. Die junge Lehrerin hat abgewartet, bis die Kinder neugierig wurden. Nun wird sie nachmittags erwartet. Sie konnte auch Christiane Weiss für das Projekt gewinnen, obwohl die anfangs zögerte. Heute ist die Sinti-Frau voller Enthusiasmus, und dieser soll andere Eltern anstecken, von denen einige ihre Kinder selten schicken, andere gar nicht.

Viele Blitze

Und es gibt ja "die soziale Kontrolle", erzählt die Pädagogin Andersch. Die Wandzeitung ist nur eine Spielerei, und doch: "Jeder kann sehen, ob sein Kind einen Stern oder einen Blitz bekommen hat." Es sieht vor den Alten, die bei den Sinti viel Respekt genießen, nicht gut aus, wenn der Enkel viele Blitze hat. Die Initiatoren des Projekts verschweigen dann auch nicht die Geschichten anderer Kinder aus Maro Temm, die gelegentlich kurz und fröhlich bei Olga Andersch und Christiane Weiss auftauchen, aber trotzdem nur selten zur Schule gehen. "Es ist", sagt Renate Schnack, "wirklich ein Projekt mit offenem Ausgang. Wir können den Erfolg nicht versprechen."

Und selbst die Engagiertesten sind nicht immer perfekt. Christiane Weiss erzählt lächelnd, dass sie vor kurzem mal verschlafen hat. "Jetzt schaffen wir es nicht mehr in die Schule", schimpfte ihre Tochter. "Du bekommst einen Blitz." Das hat ihr gefallen.