Schulen für Sinti und Roma "Da ist jetzt wieder ein Zigeunerlager."

Eine Stadt mit Vorbehalten

Die Siedlung Maro Temm liegt weit außerhalb des Kieler Stadtzentrums. Von einer Schnellstraße führt der Weg in ein Industriegebiet, vorbei an einem Recyclinghof, einer Autowaschanlage, an Lagerhallen. Dann erst tauchen 13 weiße Häuser auf. Dahinter kommt nur noch ein Bahndamm. "Ist doch immer so gewesen" sagt Ewald Weiss, der in einem der Häuser lebt: "Für unsere Leute ist immer der Platz am Gleis geblieben." Aber der junge Mann ist zufrieden mit der Lösung, denn dies ist ihre Siedlung. In einem Genossenschaftsmodell haben sie Maro Temm aufgebaut, unterstützt von öffentlichen Darlehen, Spendern und einem Förderkreis. Es war nicht leicht. In der Stadt gab es Vorbehalte, aber nun leben hier die Generationen zusammen, vom Enkel bis zu den Urgroßeltern.

Obwohl jede Familie ihr Haus hat, leben sie doch zusammen. Draußen in der Tür von Ewald Weiss steckt der Schlüssel. So machen es alle. "Bei uns kommt jeder rein. Das ist unsere Art." Fast jeden Tag sind sie zusammen, und es kommen nicht nur Nachbarn, sondern "oft auch unsere Leute aus Kiel oder Lübeck".

Treffen von Clans, Musik, viel Lärm

Auch dieser Lebensstil war es, der den Sinti das Leben anderswo schwergemacht hat. In Wohnsiedlungen haben sich Nachbarn beschwert über Treffen von Clans, über Musik, viel Lärm. "Es ist für viele eine Erlösung", sagt der Chef des Landesverbands. "Jahrzehnte haben sie aufs eigene Leben verzichten müssen, um den Nachbarn nicht zu verärgern."

Gerade hält vor der Zufahrt ein Auto mit zwei Männern, sie steigen nicht aus, sondern blicken nur herum. Nach wenigen Minuten sind sie wieder weg. "Ach, Leute kommen oft und gucken", sagt Ewald Weiss. "Die sagen: Da ist jetzt wieder ein Zigeunerlager." Was die Neugierigen sehen, wirkt langweilig. Reihenhausvorgärten, davor Autos, Bobby-Cars, Plastikbagger. Auch die Wohnung von Ewald Weiss würde kaum überraschen. Da ist eine Sofa-Garnitur, ein Tisch und ein Fernseher, neben dem eine akustische und eine E-Gitarre stehen.

Kampf gegen Klischees

Wenn die Sinti zu einem Fest laden, dann ist der Platz voll von Fremden, die Musik lieben und mitfeiern. "Dies ist kein Ghetto", sagt der Chef des Landesverbands, "wir sind immer offen." Aber der ältere Herr, dessen Mutter im Dritten Reich im Lager war, glaubt nicht, dass alle Vorurteile verschwunden sind. "Man erwartet, dass wir liederlich, dreckig und verwahrlost sind", sagt er.

Bis heute wissen viele Besucher nicht, das merkt Weiss an Fragen, dass Tausende Sinti in Deutschland leben. In der Nachkriegszeit hat es lange gedauert, bis überhaupt wahrgenommen wurde, dass Sinti im Dritten Reich verfolgt wurden. Weiss möchte aufklären, aber seine Stimme klingt auch ärgerlich, weil er ständig gegen Klischees ankämpfen muss. "Wir sind keine umherstreunenden Zigeuner", sagt er.

Verfolgung und Ausgrenzung

Rund 60.000 Sinti gibt es in Deutschland, etwa 5000 in Schleswig-Holstein. Die meisten leben mit ihren Familien seit Jahrzehnten am selben Ort. Es gibt einige Sippen, für die das Herumreisen ein Lebensprinzip ist. "Aber wir waren immer sesshaft"', sagt Weiss. "Dieses Herumziehen, dazu hat man unsere Leute gezwungen. Wir leben seit 600 Jahren hier." Durch die vielen Jahre der Verfolgung und Ausgrenzung hatten manche Ältere Vorbehalte gegen Maro Temm. Sie warnten, die Sinti würden sich aufgeben und am Ende stehe die Anpassung an die deutsche Gesellschaft. Hier soll ja auch versucht werden, den Kindern die Chance auf ein Leben in zwei Welten zu eröffnen.

Ja, ihr Vater sei auch skeptisch gewesen, sagt Christiane Weiss. Nun aber sitzt sie im Gemeinschaftsraum neben der Pädagogin Olga Andersch und hilft Kindern bei den Hausaufgaben. Die Schule soll für die Kinder werden, was sie für die Eltern nicht war: Normalität. Sie sollen die eigene Sprache nicht verlieren, aber früh genug auf den Unterricht in Deutsch und das Lernen in fremder Umgebung vorbereitet werden.

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