Schule und Integration Kreuzberger Dialoge

Die deutsch-türkische Lehrerakademie will die Integration an Schulen verbessern - ein ehrgeiziges Ziel, wenn der Migrantenanteil zuweilen an der 100-Prozent-Marke kratzt.

Von Johann Osel

Das bunte Blumengebinde mit weißen Rosen, Margeriten und allerlei Deko-Krimskrams, das Anna Homuth gerade angefertigt hat, nennt sich in der Floristensprache "aufgelockerter Strauß". Knapp 30 Bewerbungen hatte die Berlinerin nach ihrem Hauptschulabschluss geschrieben, eine Chance geben wollte ihr niemand. Dass sich die 21-Jährige nun dennoch um Schnittblumen, Gestecke und Hochzeitsschmuck kümmern kann, liegt an der Besonderheit ihres Ausbildungsbetriebs.

"Oft sagen Leute, sie kennen sich mit Türken aus, weil sie einmal durch Kreuzberg gefahren sind", sagt die Berliner Lehrerin Annette Nawroth. Doch zur Kenntnis der Kultur gehört doch noch etwas mehr.

(Foto: Foto: dpa)

Im Berufswerk Berlin-Kreuzberg bekommen die Schüler eine Chance, die sonst meistens keiner einstellen will; vermittelt werden sie über die Arbeitsagentur. "Spannend" findet Anna auch, dass ihre Kollegen - vom Schneider bis zum Frisör, vom Mechaniker bis zum Hotelfachmann - aus der ganzen Welt kommen, oder zumindest deren Eltern.

Migrantenanteil nahe der 100 Prozent

Ein Großteil der Jugendlichen, die hier ausgebildet werden, hat einen Migrationshintergrund, alleine 300 einen türkischen. In den Schulen im Kreuzberger Kiez kratzt der Migrantenanteil zuweilen an der 100-Prozent-Marke. "Manche haben hier im Berufswerk erste Kontakte zu deutschen Gleichaltrigen", sagt Einrichtungsleiter Nihat Sorgec.

Wo also, wenn nicht hier, wäre ein geeigneterer Treffpunkt für Deutsche und Türken, um ins Gespräch zu kommen? Die deutsch-türkische Lehrerakademie, ein Projekt der Herbert-Quandt-Stiftung, hat sich eine Woche lang in Berlin getroffen. Etwa 30 Lehrer und weitere Akteure der Bildungspolitik aus beiden Ländern tauschten sich aus, in Workshops und Gesprächen, bei Vorträgen wie zum Beispiel von Alt-Bundespräsident Richard von Weizsäcker oder bei Exkursionen wie der zum Kreuzberger Berufswerk. Vor kurzem wurde die Akademie in die Ernst-Reuter-Initiative für Dialog und Verständigung zwischen den Kulturen aufgenommen, die vom Auswärtigen Amt koordiniert wird.

Kein Pisa-Schock

"Es soll kein One-Way-Austausch sein, sondern ein richtiger Dialog", sagt Roland Löffler, der Leiter der Initiative von der Herbert-Quandt-Stiftung. So erfahren die deutschen Lehrer auch vieles über das Bildungssystem der Türkei - etwa dass der Pisa-Schock wegen fehlender öffentlicher Debatte dort ausgeblieben ist, obwohl das Land unter den Schlusslichtern rangierte. Der Schwerpunkt der Woche ist aber ein anderer: Was können deutsche Lehrer von den türkischen Kollegen lernen, um mit Migrantenkindern besser umgehen zu können?

"Oft sagen Leute, sie kennen sich mit Türken aus, weil sie einmal durch Kreuzberg gefahren sind", sagt die Berliner Lehrerin Annette Nawroth etwas zugespitzt. Dabei sei die Kenntnis der anderen Kultur im Alltag mit türkischen Jugendlichen unabdingbar. Es gehe ihr vor allem um eine Sicherheit in der Argumentation, zum Beispiel, wenn Schüler sagen, dies oder jenes als Türken nicht tun zu können, etwa wenn Türkinnen nicht auf Schulausflüge mitfahren dürfen.

Eben das hat Meserret Avci als junges Mädchen erlebt. Heute unterrichtet sie an einer Grundschule im türkischen Izmir, aufgewachsen ist sie Anfang der achtziger Jahre zeitweise in Kiel. "Ich wollte so sein wie die Mitschülerinnen, einfach eine von denen", erinnert sie sich. Doch als es um die Teilnahme an einer Klassenfahrt ging, lehnten die Eltern ab. Auch ein Besuch der Klassenlehrerin zu Hause brachte keinen Erfolg. Eine Abschottung sei jedoch der falsche Weg, es müsse viel mehr für die Integration getan werden. Und je umfassender Lehrer die türkische Mentalität kennen, desto besser werde dies gelingen.

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