Schule: Religion als Pflichtfach:Beten statt diskutieren

In Berlin ist Religion anders als in den meisten Bundesländern kein Pflichtfach. Seit vielen Jahren diskutieren Schüler aller Kulturen in der Hauptstadt im Ethikunterricht. Das soll sich nun ändern.

C. v. Bullion

Es ist jetzt mehr als drei Jahre her, dass Hatun Sürücü an einer Berliner Bushaltestelle erschossen wurde. Sie war 23, stammte aus einer kurdischen Familie, und ihr kleiner Bruder feuerte ihr drei Kugeln ins Gesicht, weil er fand, sie lebe nicht wie eine anständige Muslimin. Der Mord entsetzte viele, ein paar Berliner Migrantensöhne aber sagten damals in der Schule, die junge Frau habe den Tod verdient. Sie habe sich wie eine Deutsche benommen. Eine Bemerkung mit großen Folgen war das, denn der Berliner Senat führte daraufhin das Schulfach Ethik ein, das Schüler aller Kulturen dazu bringen sollte, miteinander zu reden: über Werte, Religion, Sexualität, das Anderssein. Interreligöses Nachdenken ist seit 2006 obligatorisch für Berliner Schüler von der 7. Klasse an, nun aber könnte aus der Pflicht eine Kür werden.

Schule: Religion als Pflichtfach: Religionsunterricht ist in dem meisten Bundesländern selbstverständlich. Anders in Berlin: Im Schmelztiegel Deutschlands setzt man auf integrierenden Ethikunterricht.

Religionsunterricht ist in dem meisten Bundesländern selbstverständlich. Anders in Berlin: Im Schmelztiegel Deutschlands setzt man auf integrierenden Ethikunterricht.

(Foto: Foto: ddp)

Am Dienstag hat in der Hauptstadt das Volksbegehren "Pro Reli" begonnen, das statt des verpflichtenden Ethikunterrichts für alle traditionelle Religionsstunden einführen will. Die Initiative wird von den Kirchen und der CDU unterstützt sowie einem katholischen Rechtsanwalt und fordert, Schülern von der ersten Klasse an die Wahl zwischen Ethik- und Religionsunterricht zu geben. Gelänge es den Aktivisten, 170.000 Unterschriften zu sammeln und dann bei einem Volksentscheid 610.000 Wahlberechtigte zu überzeugen, wäre der Senat zu einer Gesetzesänderung gezwungen, die einer historischen Kehrtwende gleichkäme.

Anders als in den meisten Bundesländern ist Religion in Berlin schon seit Jahrzehnten kein reguläres Schulfach. Die sowjetischen Stadtkommandanten hielten religiöse Unterweisung in Staatsschulen für Teufelzeug und schafften sie ab, auch im Westen der Stadt. Die Trennung vom Staat ist nur in Brandenburg und Bremen so strikt. Wer dennoch Religionsunterricht will, kann ihn kriegen - nach Unterrichtsschluss in Extrastunden.

In neun Berliner Schulen aber ist auch das vorbei, hier kommen seit der Einführung des Pflicht-Ethikunterrichts keine Religionsstunden mehr zustande. Mal fehlt es an Religionslehrern, meistens aber an Kindern, vielen Eltern sind die Stundenpläne ihrer Kinder schon voll genug. Bei Schülern ab der 7. Klasse, klagt Berlins Erzbischof Georg Sterzinsky, ist die Teilnahme am katholischen Religionsunterricht sogar um fast 20 Prozent eingebrochen ist, seit Ethik Pflicht ist.

Nun irrt aber, wer glaubt, dass die gottlosen Berliner dem Religionsunterricht bald ganz den Garaus machen. In den Grundschulen der Stadt wächst das Interesse an katholischem Religionsunterricht neuerdings, katholische Schulen sind wieder gefragt, besonders bei Immigranten aus dem Ausland und katholisch geprägten Regionen Westdeutschlands. Im Prenzlauer Berg sind evangelische Kirchen voll mit Kindern und taufbegeisterten Jugendlichen. Die Nachfrage steigt, heißt es bei "Pro Reli", nur der Senat bleibe ideologisch verbohrt.

Einwände gegen ein Wahlpflichtfach Religion aber hat auch die Lehrergewerkschaft GEW, die fürchtet, dass Schüler unterschiedlicher Kulturen über ihre Werte dann nur untereinander statt miteinander diskutieren. "Wir finden nicht gut, wenn ein Teil der Schüler nur mit den eigenen Glaubensbrüdern lernt", sagt GEW-Chefin Rose-Marie Seggelke. Gemeint sind die muslimischen Schüler der Stadt, aber auch Juden, Buddhisten und Zeugen Jehovas. Käme "Pro Reli" durch, hätten auch sie Anspruch auf eigenen, staatlichen Religionsunterricht. Was allerdings da gelehrt werden sollte, weiß keiner.

© SZ vom 23.09.2008/gut
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