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Schule:Das beste Abitur, wo gibt

Die G8-Reform: Bayerns selbstgemachte Bildungskatastrophe.

Von Alex Rühle

Man kann den Eindruck gewinnen, als hätte ein Regierungswechsel in Bayern stattgefunden. Was vor fünf Monaten unumstößliche Wahrheit war, ist plötzlich Quatsch. Noch heute ist auf einer CSU-Homepage ein Interview mit der Kultusministerin Monika Hohlmeier nachzulesen, in dem sie versichert: "Wir behalten das neunjährige Halbtagsgymnasium bei. Die Schüler erreichen so eine höhere Reife und solche, die später reif werden, haben die Möglichkeit, sich in Ruhe in Richtung Hochschulreife zu bewegen."

Es kam über Nacht

Auch der Ministerpräsident bekundete vor der Landtagswahl seinen Willen, an den 13 Schuljahren bis zum Abitur festhalten zu wollen. Sofort nach der Wahl verkündete derselbe Ministerpräsident, der selbst zehn Jahre für sein Abitur brauchte, jetzt werde schleunigst das achtjährige Gymnasium eingeführt. Anders gehe es gar nicht, die anderen Bundesländer machen das schließlich auch, der internationale Wettbewerb, Bayern müsse vorne dran bleiben.

Nun kann man ja seine Meinung ändern. Aber die G8-Reform, die Stoiber über Nacht in Gang gesetzt hat und die nun von der CSU-Fraktion abgenickt wurde, wirkt so absurd, als würde Saudiarabien sein Öl gedankenlos gegen Essig eintauschen. Bayern ist dabei, eine seiner wichtigsten Ressourcen, die gute Ausbildung seiner Gymnasiasten, Hals über Kopf aus dem Fenster zu werfen.

Lassen wir das haarsträubende Prozedere beiseite: Stoibers, nun ja, widersprüchliche Aussagen; den neuen Lehrplan, der zuvor vier Jahre lang für viele Millionen Euro erstellt wurde, im September bayernweit eingeführt und sechs Wochen später durch Stoibers Aktionismus zu Altpapier wurde; den Maulkorb, den Monika Hohlmeier allen bayerischen Lehrern verpassen ließ. Auf all dies hinzuweisen, ist in Hohlmeiers Augen defätistische Miesmacherei. Lesen wir also stattdessen den Bayernkurier.

Bisher schaute das Bayerische Kultusministerium auf das thüringische Gymnasium mit seiner achtjährigen Ausbildung herab. Nicht dass es sonderlich fein wäre, auf jemanden herabzuschauen: Aber besser, so schien es bislang, besser als das thüringische Gymnasium war das bayerische allemal. Die bayerischen Gymnasiasten lagen im Pisa-Test weit vor den thüringischen. 1997 verglich der Bayerische Philologenverband Abituraufgaben aus den neuen Bundesländern und aus Bayern und stellte bei den neuen Ländern große Niveaudefizite fest. Und nach der TIMS-III-Studie 1999 schlugen die Pädagogen Alarm, dass das fehlende Jahr Physik bei den Ostabiturienten zu einem eklatanten Wissensrückstand führe.

Plötzlich aber ist Thüringen das gelobte Land: Kürzlich erschien im Bayernkurier eine Reportage über ein nordbayrisches Mädchen, das im thüringischen Sonneberg Abitur gemacht hat. In Thüringen, so schwärmt das Mädchen, "steht die Vermittlung von Fähigkeiten im Vordergrund, die Auseinandersetzung mit Themen, nicht pures, auswendig gelerntes Faktenwissen". Gefragt seien "Flexibilität und Phantasie", wohingegen ihre früheren bayerischen Lehrer ja "nur Dienst nach Vorschrift" gemacht hätten.

Diagnose Lehrer

Dienst nach Vorschrift: Da ist es wieder, das wohlfeile Vorurteil von den "faulen Säcken" (G. Schröder), die sich allen Reformen widersetzen. Dabei sind die meisten Lehrer gar nicht generell gegen eine Verkürzung; sie wehren sich nur gegen den Aktionismus des Ministerpräsidenten, den nun die Lehrer, Schüler und Eltern auszubaden haben.

Monika Hohlmeier kommentierte die Mehrbelastung, die mit dem G8 auf die Lehrer zukommt, mit dem schmallippigen Satz: "Auch für Lehrer gilt die 40-Stunden-Woche." Laut einer OECD-Studie arbeiten Lehrer zwischen 42 und 50 Stunden. Allein für Korrekturen braucht ein Deutsch-Lehrer jährlich 1000 Stunden. Mit den G8-Reformen kommen auf die Lehrer sechs bis zehn Wochenstunden an Mehrarbeit zu. Das wird selbst der treueste Anhänger der Ministerin, so es in der bayerischen Lehrerschaft noch einen gibt, nicht schaffen.

Deutschland hat weltweit die ältesten Lehrer. Der bayerische Gymnasiallehrer hat im Durchschnitt 48 Jahre auf dem Buckel. Den Job wollen immer weniger Leute machen. Kein Wunder: Die Universität Potsdam untersuchte kürzlich die gesundheitliche Belastung von Lehrern. Die Ergebnisse waren so verheerend, dass ein Berliner Psychologe sagte, Lehrer sei ja kein Beruf mehr, sondern eine Diagnose: Jeder dritte Lehrer leidet an einer chronischen Krankheit oder einem so starken Burn-out-Syndrom, dass er frühzeitig in Ruhestand geschickt werden muss. Lehrer erleben ihren Beruf als anstrengender als Polizisten oder Feuerwehrleute; jeder fünfte leidet unter einer Schülerphobie.

Und da ja jeder Deutsche mal auf der Schule war, weiß auch jeder, wie man's besser macht als die inkompetenten Pauker, die das eigene Kind unterrichten. Um so dringlicher stellt sich die Frage, wie man Abiturienten noch für den Lehrberuf gewinnen kann. Nach der überhasteten G8-Reform wird die Frage nicht leichter zu beantworten sein.

McKinseyscher Furor

Parallel zum Gerede über die arbeitsscheuen Lehrer wird in den Zeitungen viel von der "Entrümpelung" oder vom längst überfälligen "Abspecken" des Lehrplanes geschrieben, so als sei der bisherige bayerische Lehrplan ein Dachboden voller grotesk veralteter Gerätschaften. Weiß eigentlich noch jemand, dass Bayerns Gymnasiasten, die in all diesem Gerümpel hausen, bei der Pisa-Studie in Mathematik, Lesekompetenz und naturwissenschaftlicher Grundbildung besser abgeschnitten haben als die Finnen?

Das G8 soll angeblich weit weniger Stoff vermitteln als das alte Gymnasium; dennoch soll es laut CSU zum weltweiten "Vorzeigestück" werden. Wo aber soll man den Deutschunterricht "abspecken", wenn schon heute die Universitäten über das rudimentäre Ausdrucksvermögen vieler Abiturienten so entsetzt sind, dass sie über Eingangsprüfungen nachdenken? Und warum wird über den bayerischen Lehrplan, auf den man bislang mit Recht stolz war, plötzlich geredet wie über ein übergewichtiges Kind?

Mit McKinseyschem Furor wird dem "Wettbewerb" das Wort geredet: "Das schlanke, flexible Konzept des G8 macht bayerische Jugendliche fit für die Zukunft," jubelt der Bayernkurier. Zum einen ist die Schule keine wirtschaftliche Einrichtung, bei der Produktionsabläufe zu rationalisieren sind. Zum anderen gibt es viele Gründe für das hohe Durchschnittsalter akademischer Berufsanfänger. Deutsche Schüler werden erst mit sechs oder sieben Jahren eingeschult; die zeitliche Lücke zwischen Abitur und Studienbeginn wird immer größer.

Nach altdeutscher Ableitung heißt Lehren, "durch Nachspüren wissend machen". Das Wort leitet sich vom altirischen "lenaid" her, was soviel bedeutet wie "bleibt, haftet". Es steht zu befürchten, dass nach der "Entschlackung" so gut wie nichts mehr haften bleibt: Die erste Fremdsprache und Deutsch werden im G8 spürbar gekürzt. Dabei ist Deutschland jetzt schon beim muttersprachlichen Anteil am Gesamtunterricht europaweites Schlusslicht. Und während auch der Mathematikunterricht um viele Stunden reduziert wird, tüftelt die bayerische Regierung an der Quadratur des Kreises: Es wird kein zusätzlicher Druck auf Schüler entstehen; "wir wollen eher entlasten", erklärt Hohlmeier. Gleichzeitig wird ein Neuntklässler, der heute 30 Stunden in die Schule geht, in Zukunft 36 Wochenstunden haben.

Das Kultusministerium dekretiert ferner, das Niveau am Gymnasium lasse sich auch bei achtjähriger Gymnasialzeit halten, obwohl der Unterrichtsstoff stark gekürzt wird. Die Lösung liefert wieder einmal der Bayernkurier: Faktenwissen ist oldfashioned. Was es mit der Doppelhelix auf sich habe, sollen sich die Schüler in Zukunft ergoogeln: "Der Brockhaus hat das Faktenbüffeln überflüssig gemacht. Auch das Internet bietet eine Plattform zur Faktenvermittlung."

Bloß weg mit den Fakten

Also noch ein paar ergoogelte Fakten: Im Saarland, das jetzt auch als Musterländle vorgeführt wird, weil es vor zwei Jahren aufs achtjährige Gymnasium umgestiegen ist, stöhnt man inzwischen über die Mehrbelastung der Schüler. Die Direktorin eines Völklinger Gymnasiums antwortete auf die Frage nach einem pädagogischen Ruck als Konsequenz aus der Pisa-Studie: "Der einzige Ruck bei uns ist die achtjährige Gymnasialzeit. Wir haben keine Spielräume zu weiterem Rucken. Wir müssen die Lehrpläne gnadenlos durchziehen." Den bayerischen Lehrern und Eltern wird das Gegenteil erzählt: Durch die als Allheilmittel gepriesenen "Intensivierungsstunden" soll das G8 flexibler, individueller, pädagogischer und überhaupt rundherum besser werden.

In Bayern war man bisher stolz darauf, dass fast jedes Gymnasium ein Orchester hat; im Bildungswunderland Thüringen gibt es an 10 Prozent der Schulen ein Orchester. Und im tollen Saarland klagen Sportvereine, der Pfadfinderverband und Musikschulen, dass die Jugendarbeit durch die erhöhte Belastung der Schüler über Nacht verkümmert sei. Die Leiter der Knabenchöre aus Regensburg und aus Windsbach sehen dem G8 mit Grausen entgegen. Wie beruhigend zu wissen, dass das bayerische Kultusministerium dennoch verspricht, dass sich in Bayern rein gar nichts in den Theatergruppen, Chören, Vereinen ändern wird.

Da die Deutschen seit der Pisa-Studie mit hysterischer Erlösungssehnsucht auf die finnischen Schulen starren, da auch im Rahmen der Diskussion um das G8 bayerische Politiker wieder die finnische Schule anführen, sei auf das Zentralamt für Unterrichtswesen in Helsinki verwiesen, das die finnische Schulphilosophie auf den Satz brachte: "Kein Kind darf verloren gehen." Die finnische Einheitsschule, in der die Schüler bis zur neunten Klasse zusammenbleiben, führt nicht zu laschem, weil an den Schwächsten orientiertem Unterrichtsgemauschel. Fast alle Schüler lernen drei Fremdsprachen, 60 Prozent erreichen die Hochschulreife.

Im flexiblen Bayern aber wird ab kommendem Jahr ein starres System durch ein noch starreres ersetzt: Es wird noch schwerer werden, von der Realschule aufs Gymnasium zu wechseln. In Sachsen und Thüringen, die nach der Wende als einzige Bundesländer beim achtjährigen Gymnasium geblieben sind, scheitern drei- bis sechsmal so viele Schüler bei den Abiturprüfungen wie im Bundesdurchschnitt; zudem liegt die Studienabbrecherquote dort weit höher. Und schon jetzt hängt nirgendwo in Europa der Schulerfolg so sehr von der sozialen Herkunft ab wie in Deutschland. Da der Großteil der Schüler am G8 aber zusätzliche Hilfe brauchen wird, kann man sich ausrechnen, wer dort erfolgreich sein Abitur ablegen wird und wer nicht.

Aber wurscht: Wir entrümpeln jetzt das Alphabet um alle Umlaute, specken Mathematik auf die Zahlen eins bis hundert ab, googeln bissl rum zum Stichwort "faule Säcke" und dann machen wir das beste Abitur, wo gibt.

© SZ vom 13.2.2004
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