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Schülerpraktikum:Schnuppern an der eigenen Zukunft

JOB 2017

In der zehnten Klasse bekommen Schüler erstmals Kontakt mit der Arbeitswelt.

(Foto: Niels P. Joergensen)

In der zehnten Klasse steht für viele Gymnasiasten ein Berufspraktikum an. Welchen Job sie testen, ist dabei noch nicht einmal das Wichtigste.

Pilot oder Anwältin, Polizist oder Tierärztin? Die Frage, was man später einmal machen will, ist längst nicht mehr so einfach zu beantworten wie zu Zeiten der Quizsendung "Heiteres Beruferaten". Zumal für Abiturienten: Heute haben sie die Auswahl unter 340 Ausbildungsberufen und gut 18 000 Studiengängen. Da zögern sie die Berufswahl lieber noch eine Weile hinaus. Erst mal einen guten Abschluss machen und dann - wie viele der G-8-Abiturienten, die erst 18 Jahre alt sind - eine Auszeit vom Lernen nehmen und etwas von der Welt sehen.

Die meisten Abiturienten beginnen anschließend mit einem Studium. Doch eine Abbrecherquote von 30 Prozent und der Fachkräftemangel bereiten Politikern und Wirtschaftsvertretern Sorgen. Gymnasiasten sollen sich schon früh und stärker mit ihrer beruflichen Zukunft beschäftigen, heißt es: Die Berufsorientierung war 2017 für die Kultusministerkonferenz ein zentrales Anliegen.

Das Thema soll in der Lehrerbildung verankert werden: In Bayern etwa werden zurzeit Lehrer gesucht, die sich für ihre Schule als "Koordinatoren" fortbilden wollen. Seit diesem Schuljahr ist in Baden-Württemberg "Studien- und Berufsorientierung" ein Abiturwahlfach, ähnlich wie die Projekt-Seminare in Bayern, in denen kleine Schülergruppen drei Halbjahre an einem selbstgewählten Projekt, etwa einer Schülerfirma, beruflich relevante Fähigkeiten erproben.

In der Mittelstufe der Gymnasien ist das Thema Berufswahl schon bundesweit etabliert: Allgemeine Kenntnisse vermitteln Fächer wie Wirtschaft oder Gemeinschaftskunde von der achten Klasse an. Mit Beratern der Arbeitsagentur lernen Schüler Berufsfelder kennen und können ihre Stärken und Vorlieben erkunden. Andere gehen in einen Betrieb oder besuchen eine Berufsmesse. Eltern stellen an Infoabenden den Schülern ihre Jobs vor. Ein fünftägiges Sozialpraktikum verschafft erste Erfahrungen mit der Arbeitswelt. Viele Schüler begleitet ein Portfolio, mit dem alle Maßnahmen in und außerhalb der Schule dokumentiert werden.

Das Herzstück der Berufsorientierung ist aber das Schülerpraktikum. In der neunten und zehnten Klasse erkunden Schüler eine bis drei Wochen lang einen bestimmten Beruf - und zwar an einer Stelle, für die sie sich eigenständig beworben haben. In einem ausführlichen Bericht gleichen sie diese Erfahrung mit ihren Vorstellungen von der Arbeitswelt und mit den eigenen Berufswünschen ab.

"Das Praktikum ist für die Schüler ein eindrückliches Erlebnis", sagt Stefanie Pommée, Wirtschaftslehrerin am Wildermuth-Gymnasium in Tübingen. "Sonst wird für sie ja alles vorbereitet und strukturiert. Da ist der Entscheidungsprozess und vor allem die Eigeninitiative bei der Bewerbung erst mal eine große Hürde. Für viele ist es eine Herausforderung, aus dem Klassenverband herausgerissen zu sein, allein in einer fremden Umgebung."

"Die Schüler kommen häufig motivierter in den Unterricht zurück"

Was allen klar ist: Der Nutzen dieser punktuellen Schnupperphase für die konkrete Berufswahl ist abhängig von zufälligen Umständen, von den Betreuern, von der Vorbereitung. Doch der persönliche Gewinn ist oft groß. Außerdem ahnt man endlich, wofür die Schule gut ist: "Die Schüler kommen häufig motivierter in den Unterricht zurück, sie sind bewusster im Hinblick auf später", sagt Elisabeth Marberger, Lehrerin am Sankt-Anna-Gymnasium in München.

Was die Firmen vom Schülerpraktikum haben, reicht von der Nachwuchssicherung, der regionalen Standortwerbung bis hin zu beruflichem Stolz oder persönlichem Engagement. "Natürlich ist es eigentlich mühsam", sagt die Architektin Dorothea Menzel aus Stuttgart, die ab und zu Schülerpraktika vergibt. "Aber wir sind neugierig auf den Nachwuchs. Ein bisschen soziale Verantwortung spielt auch mit, und wenn es junge Leute sind, die sich nicht zu gut sind, auch mal zu fegen, und wissen, wo man anpacken kann, dann macht es richtig Freude."

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Eine validierbare Auswertung der Schülerpraktika gibt es nicht - zu viele Beteiligte und zu viele Einflussfaktoren. Wenn es aber wie geschmiert läuft, dann wird das sichtbar. Das Netzwerk "Schule und Wirtschaft" hat Qualitätsstandards zusammengestellt für die Berufs- und Studienorientierung in der Sekundarstufe und vergibt ein "Berufswahlsiegel". Eine mit dem Siegel ausgezeichnete Schule ist zum Beispiel das Ulrich-von Hutten-Gymnasium im Süden Berlins: Ein umfassendes Konzept von Klasse acht bis zwölf, Schülerfirmen, Kooperationen mit Hochschulen und großen Firmen, Mitglied in Netzwerken - die Lehrer sind sehr engagiert.

Michael Dannenberg, Lehrer für den Oberstufenkurs "Studium und Beruf", betont den größeren Zusammenhang: "Unsere Schüler sollen sich vielfältig und frei ausprobieren können. Wir wollen alle Facetten der Berufsorientierung im Auge behalten. Von der Kenntnis über das offene Bildungssystem und Alternativen zum Studium bis zu Lebensplanung und Selbsteinschätzung."

Die Schule ist gut vernetzt mit Betrieben in der Nachbarschaft und mit den Eltern, oft auch in Personalunion. Und die engagieren sich gern für den Nachwuchs, für den Stadtteil, für Projekte ihrer ehemaligen Schule. Dannenberg hat viele Ideen: "Zum Beispiel noch mehr Eins-zu-eins-Kontakt. Weil es am wichtigsten ist, dass die Schüler herausfinden können, was für sie passt. Am liebsten würde ich es einem Schüler ermöglichen, eine Woche lang mit einem Azubi oder einem Studierenden dessen Alltag zu teilen." Je mehr Einblick in die Realität, umso besser.

Stefanie Pommée sagt, sie möchte "nicht nur output-orientiert unterrichten", sie sieht Schule also nicht in erster Linie als berufsvorbereitende Maßnahme. "Aber ich kann als Lehrkraft dazu beitragen, dass sich die Schüler mit dem Berufsleben und mit ihrer Zukunft frühzeitig auseinandersetzen. Ich möchte, dass meine Schüler am Ende sagen können: Darin bin ich gut. Dass sie erfahren, wo sie es einsetzen können und wie sie damit im Idealfall auch ihren Lebensunterhalt verdienen können." Denn es geht es ja auch um Lebensplanung - um ein Schnuppern an der eigenen Zukunft.

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