bedeckt München

Schnell Schreiben:Zehn kleine Fingerlein

Jeder Finger, jeder Buchstabe, alle Sinne

Nach dem suggestiven "Lernkonzert" ermuntert Grübl alle aufzustehen und sich locker zu machen. Er wirft einen Ball mit Farbfeldern in die Runde. Verena fängt ihn auf, mit dem grünen Feld nach oben. "Grün ist der Dill", sagt sie, "und der gehört - wie D - zum linken Mittelfinger." Jeder kommt an die Reihe: jeder Teilnehmer, jeder Finger, jeder Buchstabe, alle Sinne. "Hier werden die spielerisch erarbeiteten Inhalte der beiden vorangegangenen Phasen aktiviert", erläutert Grübl. Und die Zuordnungsübungen, die zum Schluss jeder still für sich in seinem Arbeitsbuch ausfüllt, zeigen: Die ersten fünf Buchstaben der linken Hand sind gelernt.

Die rechte Hand wird in Urlaub geschickt, nach Österreich, weil der kleine Finger der rechten Hand das Ö bedient. Man fährt mit einer gelben Lokomotive, trägt einen grünen Koffer und hält eine rote Jause in einer roten Hütte. Der Lerneffekt ist verblüffend. Horizontal, vertikal, diagonal - die Geschichten vom Restaurantbesuch und der Österreich-Reise markieren nach und nach alle Tasten. Im blauen Aquarium schwimmen blaue Quallen, zur gelben Suppe gibt es sonnenverwöhnten Wein. Der grüne Dill kostet 4 grüne $.

Auswendiglernen funktioniert

Die Vertiefungsübungen führen dazu, dass sich jeder Teilnehmer innerhalb kürzester Zeit - wie versprochen nach fünf Stunden - die Lage der Buchstaben, Ziffern und Sonderzeichen auf der Tastatur merken kann und tatsächlich auch im Gedächtnis behält. Für den Seminar-Viel-Besucher stellt sich das Ganze als Melange aus Anteilen von Neurolinguistischer Programmierung, Suggestopädie und einer Mnemotechnik dar, die für Siegerwetten bei Thomas Gottschalk taugt. Das Gute für den Teilnehmer ist: Das Auswendiglernen hat funktioniert.

Doch das heißt noch lange nicht, dass er jetzt auch schreiben kann. Denn ohne Training an der realen Tastatur führt auch die ganzheitliche Lernmethode von Klaus Grübl nicht weiter. Im InhouseSeminar kommt es aber erst gar nicht dazu, weil die firmeninterne Firewall den Zugriff auf das Online-Lernprogramm, das zum Gesamtpaket des Seminaranbieters gehört, verhindert. Es bleibt bei Trockenübungen. Also findet das Training später statt, daheim.

Was beim Lernkonzert spielend klappt, nämlich mit sanftem Druck auf die Oberschenkel imaginär die richtigen Knöpfe zu drücken, erweist sich in der Realität als schwieriger. Erstens fehlen auf der Tastatur daheim die versprochenen Hubbel auf der F- und J-Taste, die man erfühlen kann und die einen beim blinden Ansetzen immer in die richtige Ausgangsposition bringen. Zweitens sind die echten Tasten widerspenstig: Der kleine linke Finger muss das Y ziemlich heftig drücken. Leider nimmt man dabei auch ungewollt das F und das D mit.

Ja, ja, ja, öd, öd, öd

Zum Glück verschafft das Online-Üben aber jede Menge Erfolgserlebnisse. Auf einer Displayzeile werden Buchstabenkombinationen - später ganze Texte - vorgegeben, die man innerhalb eines Zeitlimits korrekt tippen muss. Zur Orientierung kann, wer will, auf eine Tastatur auf dem Bildschirm schauen, die wie in den Trockenübungen farbig unterlegt ist. So übt man also: DA DA DA, gas, fass, ass.

Und wer sagt's denn: Das Schreiben geht in kurzer Zeit leicht und relativ fehlerfrei von der Hand. Nur die Sehnen ziehen. Aber davor hat Grübl gewarnt: "Nicht länger als eine halbe Stunde trainieren!" Also nur noch einmal, dann ist Schluss bis morgen. Geübt werden muss, bis es blind funktioniert, und das dauert nun mal länger als fünf Stunden: ja, ja, ja, öd, öd, öd.

© SZ vom 13.9.2008/bön
Zur SZ-Startseite