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Schauspieler:Unsicherer Traumjob

Franziska Nylén entwirft lieber einen Plan B als voll auf den Schauspieler-Beruf zu setzen.

(Foto: Hammarstrom Agency)

Das Fernsehen verschwindet, die Sehgewohnheiten verändern sich. Was das für ihren Beruf bedeutet, erzählt die Schauspielerin Franziska Nylén.

Franziska Nylén fürchtet ein wenig, ihren bisher größten Auftritt zu verpassen. In diesem Frühjahr hat sie in der schwedisch-deutschen ZDF-Krimi-Serie "Der Kommissar und das Meer" die Hauptverdächtige gespielt. "Ich weiß gar nicht, ob ich mitkriege, wann die Folge im Fernsehen läuft", sagt sie. Nylén schaut selten fern.

Damit liegt sie im Trend: Fast zwei Drittel der 18- bis 29-Jährigen glauben laut einer Studie der Initiative Next Media Hamburg sogar, dass das lineare Fernsehen in den nächsten zehn Jahren aussterben könnte. Filme und Serien sehen sie sich immer noch an, aber sie nutzen dafür Streamingdienste und Videoplattformen. Deren Inhalt ist jederzeit abrufbar, unabhängig vom TV-Programm.

Selbst die öffentlich-rechtlichen Sender versuchen nicht mehr, die jüngere Zielgruppe über den Fernseher zu erreichen. Stattdessen haben ARD und ZDF "funk" gegründet - ein gemeinsames Netzwerk, das speziell Online-Formate für 14- bis 29-Jährige auf Drittplattformen wie Facebook, Youtube und Snapchat anbietet. Der ZDF-Krimi "Der Kommissar und das Meer" gehört allerdings nicht dazu.

"Klar vergrößert sich der Markt dadurch, dass die Menschen die ganze Zeit mit ihren Smartphones unterwegs sind und neue Unterhaltung suchen", sagt Nylén. Das sei einerseits gut, weil es mehr Jobs für die Künstler gebe. Andererseits bestehe die Gefahr, dass Qualität verloren gehe. "Immer soll etwas passieren. Die Leute haben nicht mehr die Geduld, beispielsweise einen langsameren Ingmar-Bergman-Film anzuschauen."

Die tariflich festgelegte Einstiegsgage liegt bei 850 Euro am Tag

Nylén ist in Schweden aufgewachsen - als eines von fünf Kindern eines schwedischen Zahnarztes und einer deutschen Krankenschwester. "Ich war ein Mittelkind, ich hatte das Bedürfnis, gesehen zu werden", erklärt sie ihren Berufswunsch, der ausgerechnet vor dem guten alten Fernseher entstand. In der Freizeit saß ihre Familie oft davor und verfolgte begeistert das Programm. Diese Aufmerksamkeit wollte Nylén auch.

Leicht war der Start nicht. Die Familie gehörte der Moon-Sekte an. "Ich sollte folgsam sein, eine ordentliche Arbeit erlernen. Selbstverwirklichung war tabu." Doch Nylén bewarb sich einfach ohne Wissen der Eltern an der renommierten schwedischen Schauspielschule "Calle Flygare". Und nachdem sie die Aufnahmeprüfung dort bestanden hatte, zahlten ihr die Eltern sogar die Studiengebühren. "Letztendlich wollte mich meine Mutter wohl doch einfach glücklich sehen", sagt sie.

2013 reiste sie als Besucherin zur Berlinale nach Deutschland. Und weil die Beziehung zu ihrem schwedischen Freund gerade zerbrochen war, blieb sie gleich da. Nach dem Filmfestival war ihr Traum, Schauspielerin zu werden, aber erst einmal vorbei: "Ich hatte so viele Schauspieler kennengelernt und war geschockt", sagt Nylén. "Sie redeten nur über sich, waren ununterbrochen im Selbstvermarktungsmodus." So wollte sie nicht werden.

Heute weiß sie, dass die Kollegen nicht unbedingt extrem oberflächlich waren, sondern vor allem auf Jobsuche. In der Film- und Fernsehbranche liegt die tariflich festgelegte Einstiegsgage zwar bei 850 Euro am Tag, und je nach Bekanntheitsgrad verdienen Schauspieler auch wesentlich mehr. Allerdings dauert ein Dreh selten länger als sechs Wochen. "Die wenigsten verdienen bei einem Job so viel, dass sie die Lücken überbrücken können", sagt Heinrich Schafmeister, der im Vorstand des Bundesverbands Schauspiel (BFFS) für die Ressorts Finanzen, Sozialer Schutz und Tarifpolitik zuständig ist.

Manche Filme werden erst in der Mediathek zum Erfolg - doch dafür gibt es selten Honorar

Zwar sieht auch Schafmeister das Potenzial, das die Entwicklung der Medienlandschaft mit sich bringt. "Aber wir schwimmen noch nicht in Aufträgen", sagt er. Vielmehr sei es so, dass gerade die etablierten Sender die gleiche Menge produzierten wie bisher. Sie nutzten eben nur mehr Abspielmöglichkeiten. Der ZDF-Quotenhit "Ku'damm 59" etwa fand in der Mediathek mehr Zuschauer als zur Sendezeit.

"Allerdings werden die Mitwirkenden für Wiederholungen in der Regel nicht bezahlt", kritisiert Schafmeister. Das verstoße gegen das Urheberrecht. Positive Ausnahme sei Pro Sieben Sat 1. Mit dem Sender hat der Schauspielerverband 2014 einen Vertrag geschlossen, der stufenweise die Gewinnbeteiligung an Wiederholungen regelt und auch für die Abrufe von Videoplattformen gilt. Für die Abwicklung gründete der Verband extra die deutsche Schauspielkasse, deren Geschäftsführer Schafmeister ist. Wenn beispielsweise ein Spielfilm von 8,37 Millionen Zuschauern gesehen wurde, fließen 18 000 Euro in die Kasse. Die werden dann unter allen Mitwirkenden aufgeteilt.

Die Arbeit vor der Kamera habe sich durch die neuen Sehgewohnheiten nicht verändert, sagt Schafmeister. Ein Smartphone-Bildschirm sei zwar viel kleiner als der eines Fernsehers oder gar eine Leinwand, aber der Zuschauer sei ja näher dran. "Der Unterschied, als die Plasma- und LCD-Fernseher die alten Röhrengeräte abgelöst haben, war viel größer", sagt er. Nicht so sehr für die Schauspieler, sondern für die Beleuchter und Requisiteure. "Alles wurde aufwendiger, weil man im Bild plötzlich viel mehr Details wahrnahm: den Hintergrund eines Raumes oder ob sich irgendwo das Kamerateam spiegelte."

Nachdem Nylén in Berlin eine Weile als Verkäuferin gearbeitet hatte, ging sie doch wieder zu Castings: "Die Arbeit als Schauspielerin ist so inspirierend, man trifft andere Menschen, wird für eine gewisse Zeit eine Gemeinschaft, und teilweise erstaunt man sich selbst, weil man so aus sich herausgeht." Das habe sie vermisst. Bis sie dieses Jahr ihre erste große Fernsehrolle bekam, spielte sie in Kurzfilmen, in Werbe- und Musikclips, etwa in "Shed a light" von Robin Schulz, David Guetta und Cheat Codes. Jobben musste sie meistens trotzdem nebenher.

"Schauspielen bleibt wohl eine unsichere Arbeit", sagt sie. Und weil sie und ihr Freund im vergangenen Jahr Eltern geworden sind, ist ihr der Beruf zu unsicher. Darum ist sie gerade dabei, ein zweites Standbein aufzubauen. Genaueres möchte sie aber noch nicht verraten. Die Krimi-Folge mit ihr als Hauptverdächtige wird wahrscheinlich erst nächstes Jahr ausgestrahlt.