Helge Gabler will sich trennen. Oder vielmehr, er soll sich trennen. "Leider", sagt er und setzt ein sachliches Gesicht auf, "müssen wir uns zum nächsten Ersten von Ihnen trennen." Bitte wie? "Sie haben mich doch gerade erst befördert", schießt es zurück. Helge Gabler gerät in Erklärungsnot. Ein paar "Ähs", und so sei das nun einmal, und schon ist die Argumentationskette am Ende.
"Da habe ich nicht hinter gestanden", wird Gabler später einräumen, "so eine fähige Mitarbeiterin wollte ich doch gar nicht entlassen." Egal, sagt die Psychologin Irene Sus, die Entscheidung der Firma steht und muss so erklärt werden, dass der Gekündigte sie versteht. Schließlich ist es sozialverträglich, dass die Jungen als Erste entlassen werden.
Gut, dass dies nur Rollenspiel ist. Wenn Helge Gabler, der im wirklichen Leben anders heißt, demnächst bei einer Textilfirma ein paar Kollegen vor die Tür setzen muss, wird er es nach dem Seminar "Führen von Trennungsgesprächen" wahrscheinlich besser machen.
Gekündigt per E-Mail
Jeden Tag steht es in der Zeitung: Ein paar Hundert bei der Bank, ein paar Tausend beim Autohersteller, Massenentlassungen in der Chemieindustrie. Erst war es eine kleine Woge, dann eine Welle, jetzt eine Sturmflut: Jeden Tag werden Arbeitsplätze weggeschwemmt. Tagtäglich in ganz Deutschland derselbe Satz: "Sie sind entlassen." Oder: "Wir müssen Ihren Arbeitsplatz abbauen, die Zusammenarbeit einstellen." Oder all das wird nicht gesagt, weil der Entlasser den Augenkontakt zum künftigen Ex-Kollegen einfach nicht hinbekommt. Lieber sagt er: "Vielleicht finden wir ja doch noch eine Lösung für Sie." Und suggeriert Hoffnung, wo längst alles verloren ist.
"Die Betroffenen biegen sich das dann so lange zurecht, bis es in die Seele passt", mahnt Irene Sus. Und: "Es ist haarsträubend, was wir alles zu hören bekommen." Da wird vor dem Rausschmiss erst mal nach dem Hund und dem letzten Urlaub gefragt. Oder eine E-Mail verschickt mit der Betreffzeile: Ihre Kündigung. Das sei allerdings keine Böswilligkeit, sagt die Psychologin, sondern Hilflosigkeit und Unvermögen.
Die Kündigung ist auch für den Vorgesetzten ein Alptraum. Den Kollegen entlassen, fähige Menschen zur Hausarbeit verdammen, Freunde in die Depression schicken. Ehen zerstören, Kredite zum Platzen bringen, Lebenspläne zerreißen. Und morgen vielleicht selber dran sein. Auch für die Unternehmen werden unprofessionelle Kündigungsgespräche zunehmend ein Problem: Gekündigte, die rachsüchtig die Restarbeitszeit ins Ausland vertelefonieren, durch gruselige Erzählungen die Noch-Kollegen in Angst versetzten, die Arbeitsmoral gezielt zum Erliegen bringen. Ein teurer Schaden.
Wie man Unglück abfedert
Dienstagmorgen in der Frankfurter Filiale der Personalberatung Von Rundstedt und Partner. Die Räume riechen frisch renoviert, Designerlampen schmücken den Aktenschrank, schicke Stahlrohrsessel stehen für die Seminarteilnehmer bereit. Kürzlich musste die Filiale neue Räume beziehen - allein im Jahr 2002 wuchs das Düsseldorfer Unternehmen um 40 Prozent. In Zeiten der Wirtschaftskrise expandiert der Marktführer, der sich auf Kündigungsberatung spezialisiert hat.
Das Wort Trennungskultur ist in vielen deutschen Unternehmen noch nicht wirklich angekommen. Wie immer sind die Angelsachsen da viel weiter. Die Länder, in denen der Reim "hire and fire" geprägt wurde, haben schon länger begriffen, dass die Kündigung ein Teil der Corporate Identity ist. Wer stümperhaft 'rausschmeißt, ruiniert den Ruf und zahlt drauf. In Deutschland, wo lebenslange Firmenzugehörigkeit ein die Gesellschaft stabilisierendes Moment ist, tun sich die Unternehmen schwer mit den Erfordernissen der lahmenden Wirtschaft - auch aus Erfahrungsmangel.
Zehn von ihnen wollen nun endlich Schluss machen mit dem "Rumgeeier" und haben ihre Personaler zu einer Fortbildung geschickt. Damit sie lernen wie das geht: kündigen. Man kann so viel falsch machen. Zum Beispiel: Wann würden Sie 'rausschmeißen? Dienstag oder Donnerstag? "Freitag", sagt eine Seminarteilnehmerin. Denn dann könne der Gekündigte gleich nach Hause gehen und sich trösten lassen, statt weiter in der Firma herumzulaufen. Und am Ende noch durch seine bloße Existenz die ehemaligen Kollegen zu erschrecken.
"Falsch", sagt Irene Sus, "schließlich weiß man nicht, in welche Situation der Gekündigte am Wochenende gerät". Vielleicht ist er allein, vielleicht hat er einen Ausflug geplant und wird von der Familie im gepackten Auto erwartet. Soll er etwa mit den Kindern auf dem Rücksitz seiner Frau erzählen, dass er ein Versager und ihre gemeinsame Existenz bedroht ist? Auf keinen Fall, bringt die Diplom-Psychologin ihren Kunden bei, denn es geht um die faire Kündigung. Oder das, wovon man glaubt, dass es das Unglück am effizientesten abfedert. Montag ist also besser. Die Seminarteilnehmer sind nicht überzeugt. Soll der arme Mensch den Rest der Woche der Neugier und Angst der Kollegen ausgesetzt bleiben? Naja, sagt Irene Sus: "Wichtig ist, dass Sie sich überhaupt Gedanken machen."
Zeitpuffer nach dem K-Satz
Die Gedanken beginnen bei der Wahl der Person und der Wahl des Ortes. Bestenfalls spricht der Vorgesetzte die Kündigung in einem blickgeschützten Büro aus. Bietet kein Wasser oder Kaffee an, sondern nur einen Platz. Dann bitte ohne Umschweife zur Sache kommen. Im dritten Satz, soll das K-Wort fallen nach dem Motto: "Herr Müller, wir können nicht auf Sie verzichten, aber am nächsten Ersten versuchen wir es trotzdem." Nach solchen Sätzen sollte man einen großräumigen Zeitpuffer einplanen, empfiehlt die Theorie. Man weiß ja nie.
Denn in der Praxis kommen noch die Emotionen hinzu. Eine junge Frau hat bereits hundert Leute entlassen: "Jede Kündigung ist anders. Ich frage mich dann: habe ich richtig reagiert? Das beschäftigt mich noch abends zu Hause." Besonders schlimm war der Fall einer Mitarbeiterin, die ihren Ehemann zur Kündigung mitgebracht hatte. Beide zusammen wurden ausfällig. Der aggressive Typ.
Außerdem kennt die Branchenbibel "Trennungskultur" von Laurenz Andrzejewski, auf die sich viele Kündigungsseminare beziehen, noch den Beherrschten, den Schockierten und den Konstruktiven. Umgehen muss der Kündiger mit allen Reaktionstypen. Den Aggressiven auswüten lassen, dem Geschockten vielleicht ein Protokoll mit nach Hause geben, weil der Gesprächsinhalt an seinem Gedächtnis vorbeirauscht. Wer sich als welcher Typ entpuppt, kann niemand voraussehen - selbst dann nicht, wenn man den Betroffenen gut kennt.
Standarad-Argumente
Ein Argumentationsleitfaden probt Standardsituationen durch: "Ist das die Kündigung?" - "Ja. Wir müssen Ihnen leider die Kündigung aussprechen."
"Was kann ich dagegen tun?" - "Nichts. Die Entscheidung ist definitiv."
"Sie konnten mich noch nie leiden?"- "Auch wenn es zwischen uns Meinungsverschiedenheiten gegeben hat, war dies für die Entscheidung zur Trennung von Ihnen nicht ausschlaggebend. Ihr Arbeitsplatz entfällt, und wir können Ihnen keinen anderen anbieten."
Vielleicht kann man nach solchen Argumenten zumindest von einer aus ökonomischer Sicht erfolgreichen Kündigung sprechen. Manchmal sogar für beide Seiten. Wenn die Firma den Abschied nicht nur mit einer Abfindung vergoldet, sondern auch ein Outplacement-Seminar spendiert, eine Individual-Berufsberatung und Rundum-Betreuung. Outplacement ist nach Angaben der Firma Rundstedt ein durchaus erfolgreiches Geschäft, dass nach kurzer Zeit bis zu 90 Prozent der Gekündigten in die Arbeitswelt zurück bringt.
Insgesamt ist die Trennungskultur also etwas, wovon Arbeitnehmer nur träumen können: die Optimierung der Katastrophe. Aber natürlich bleibt die letzte Wahrheit, das große W. Unter dem Titel "Emotionen im Trennungsprozess" zeichnet Irene Sus ein großes W an die Schautafel. Unter den ersten Tiefpunkt des Buchstabens schreibt sie das Wort "Freisetzung", unter den zweiten Zacken das Wort "Depression". Bei einigen geht es dann wieder aufwärts, dorthin, wo sie vor der Kündigung standen. Dass der eine oder andere allerdings am unteren Ende des W hängen bleibt, verrät das Schaubild nicht.