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Religionsunterricht:"Religion in der Schule ist unverzichtbar"

Soll Religion zum Wahlpflichtfach an öffentlichen Schulen werden? Kirchen und Politiker fordern Glaubensvermittlung und ein Ende des Ethik-Unterrichts.

Die Diskussion um Religionsunterricht an Berliner Schulen hat nach den Kirchen und der Initiative "Pro Reli" auch die Politik erreicht. Bei einem Forum der Evangelischen Akademie zu Berlin sprachen sich am Donnerstag Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU), sein Stellvertreter Wolfgang Thierse (SPD) und die Grünen-Politikerin Andrea Fischer dafür aus, Religion zum Wahlpflichtfach an öffentlichen Schulen zu machen. "Was es in einer Gesellschaft an Überzeugungen und Werten gibt, speist sich im ganz Wesentlichen aus Religion", sagte Lammert. Diese sei auch "Voraussetzung für die Vitalität unserer Demokratie."

Religionsunterricht, ap

Religionsunterricht: Wie wichtig ist religiöse Bildung an Schulen?

(Foto: Foto: ap)

In Berlin ist Religion seit Kriegsende kein reguläres Schulfach mehr. Kinder, die einen Religionsunterricht besuchen wollen, können dies tun, allerdings nur außerhalb der regulären Unterrichtszeit. Das Land finanziert die Lehrer und stellt Schulräume zur Verfügung. Der Unterricht ist freiwillig und wird nicht benotet. Im Gegensatz dazu ist Ethik seit 2006 Pflichtfach für Berliner Schüler ab der siebten Klasse, egal zu welcher Religionsgruppe sie gehören. Im Ethikunterricht werden alle Weltregionen, aber auch Fragen unterschiedlicher gesellschaftlicher Wertvorstellungen aus möglichst objektiver Perspektive diskutiert.

Diskussion über kontroverse gesellschaftliche Werte

Seit September läuft nun das Volksbegehren "Pro Reli" in Berlin, das durchsetzen will, dass Schüler künftig gleichberechtigt zwischen Ethik und Religion wählen können. Sollte das Volksbegehren Erfolg haben, wäre Religionsunterricht ein reguläres Schulfach, Ethik dagegen wäre nicht mehr obligatorisch. Gegner der Initiative "Pro Reli" wie die Initiative "Christen pro Ethik" oder einige kritische evangelische Pfarrer warnen davor, Schüler nur noch von Vertretern ihrer eigenen Religionsgruppen in Weltanschauungsfragen unterrichten zu lassen. Die zahlreichen muslimischen Schüler der Stadt etwa seien dann nicht mehr verpflichtet, in einem verbindlichen Forum mit Schülern christlicher oder atheistischer Herkunft über kontroverse gesellschaftliche Werte zu diskutieren.

Bei der Podiumsdiskussion der Evangelischen Akademie zu Berlin, die im Französischen Dom stattfand, wollte eine Mehrheit der Diskussionsteilnehmer solche Einwände nicht gelten lassen und plädierte für das Wahlpflichtfach Religion. Seine Erfahrungen in der DDR machten ihn skeptisch gegenüber jeder staatlich orchestrierten Weltanschauungslehre, sagte Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse. "Das ist eine Parteinahme, die ich für hochproblematisch halte." Vielmehr müsse es den einzelnen Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften überlassen bleiben, ihre Überzeugungen selbst darzustellen. Die Schüler hätten die "Freiheit der Wahl", die zu verteidigen der Kirche gut anstehe. Auch das Argument, Ethikunterricht fördere im Gegensatz zum Religionsunterricht Toleranz zwischen den Religionen führe in die Irre. Tatsächlich finde dort die "absichtsvolle Relativierung der religiösen Überzeugungen" statt.

Einbruch um 25 Prozent

Die Grünen-Politikerin Andrea Fischer wandte sich gegen das Argument, die multikulturelle Identität der Stadt Berlin spreche gegen Religionsunterricht. Dort werde weder "verlangt, dass man ein Bekenntnis abgibt" noch schließe er "Offenheit gegen andere Kulturen" aus. Der Parteivorsitzende der Linken, Lothar Bisky, der zu der Debatte als einziger Vertreter der kirchenfernen Gruppen eingeladen worden war, überraschte das Forum mit Kritik am DDR-Schulsystem. "Dass der Religionsunterricht nicht angeboten wurde, betrachte ich als einen Fehler", sagt er. Dennoch müssten die Kirchen zur Kenntnis nehmen, dass in Berlin 42 Prozent der Menschen religiös nicht gebunden seien.

Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Wolfgang Huber, hat sich tatkräftig an der Initiative "Pro Reli" beteiligt. Diese muss bis zum 21. Januar 170.000 Unterschriften sammeln, um erfolgreich zu sein. Bisher hat sie erst 70.000. Dass Huber Druck auf die Gemeinden gemacht haben soll, mehr Unterschriften zu sammeln, wurde von Pfarrern öffentlich kritisiert. Huber verwahrte sich gegen die Kritik. Wenn die Kirche sich für Religionsunterricht einsetze, setze sie sich für das Allgemeinwohl ein. Religion als Lehrfach sei "unverzichtbar". Seit der Einführung des Pflichtfaches Ethik sei die Beteiligung am Religionunterricht um 25 Prozent eingebrochen. Die sei inakzeptabel. Für die Katholische Bischofskonferenz sagte Erzbischof Robert Zollitsch, religiöse Bildung sei wichtig für den Einzelnen und die gesamte Gesellschaft.