Gleichstellung:Junge weibliche Elite auf der Überholspur

Gleichstellung: Christina Reuter, 34, ist die jüngste Frau, die jemals in Deutschland Mitglied in einem Aufsichtsrat wurde.

Christina Reuter, 34, ist die jüngste Frau, die jemals in Deutschland Mitglied in einem Aufsichtsrat wurde.

(Foto: Dirk Bruniecki/laif)

Christina Reuter wurde mit 31 Deutschlands jüngste Aufsichtsrätin. Topqualifizierte Frauen wie sie profitieren von der Digitalisierung, der Quote und harter Pionierarbeit.

Von Ann-Kathrin Eckardt

Hier irgendwo zwischen den 1200 Menschen muss sie doch sein, die versteckte Kamera. Kurz nachdem der ältere Herr auf der Hauptversammlung von Beiersdorf im Hamburger Congress Centrum das Mikro ergriffen hatte, beginnt Manuela Rousseaus Blick zu schweifen. Vom Podium aus scannt sie den Saal. Der Aktionär hat soeben erklärt, dass Frauen für Führungsaufgaben nicht geeignet sind. Als er sich wieder setzt, gibt es vom überwiegend männlichen Publikum: Applaus. Der Vorstandsvorsitzende schweigt, der Aufsichtsratsvorsitzende schweigt, drei Frauen auf dem Podium schweigen. Es ist der 31. März 2015.

Wenn Manuela Rousseau heute in ihrem Büro mit Blick über Hamburg-Eimsbüttel davon erzählt, hört man ihr die Verwunderung darüber, dass "so ein Auftritt" im Jahr 2015 noch möglich war, immer noch an. Sie weiß allerdings auch: Der aufgebrachte Aktionär vertrat keine Einzelmeinung.

Ramona Pisal, ehemalige Präsidentin des Deutschen Juristinnenbunds, berichtet Ähnliches. Vertreterinnen des Verbandes besuchten, zeitweise mit staatlicher Unterstützung, seit 2009 Hauptversammlungen vor allem der Dax-30-Unternehmen, um dort immer wieder dieselben Fragen zu stellen: Wie viele Frauen sitzen im Nominierungsausschuss des Aufsichtsrats? Welche Zielquote haben Sie sich für den Vorstand gesetzt? Wie sieht es in der Führungsebene darunter mit der Beförderung von Frauen aus? "Das Publikum hat uns meist deutlich zu verstehen gegeben, dass es davon nichts wissen wollte", sagt Pisal, die selbst etwa 30 Hauptversammlungen besucht hat. "Die Leute buhten oder standen demonstrativ auf." In jüngeren Jahren jedoch bemerkte Pisal einen Wandel. "Da gab es dann auch mal Applaus."

Der Wandel kam nicht von selbst. Er ist, wenn man so will, staatlich erzwungen. Genau einen Monat nach der Hauptversammlung von Beiersdorf trat am 1. Mai 2015 das umstrittene FüPoG in Kraft, das "Gesetz für die gleichberechtigte Teilhabe von Frauen und Männern an Führungspositionen". Es legt fest, dass 30 Prozent der Aufsichtsräte in börsennotierten und mitbestimmungspflichtigen Großunternehmen von 2016 an Frauen sein müssen. Gut hundert Firmen sind davon betroffen. Wird bei einer Neubesetzung die Quote nicht erfüllt und für einen frei werdenden Posten keine Frau gefunden, muss der Stuhl unbesetzt bleiben (wie 2018 geschehen bei Villeroy & Boch ). Etwa 3500 weitere Unternehmen sind außerdem verpflichtet, sich eigene Zielgrößen zur Erhöhung des Frauenanteils in Aufsichtsräten, Vorständen und obersten Managementebenen zu setzen.

Doch ist dem Gesetz in den vergangenen vier Jahren tatsächlich geglückt, was zuvor jahrzehntelang nicht gelungen ist, nämlich einen generellen Kulturwandel in Deutschlands Unternehmen einzuleiten? Oder wird nur getan, was von Gesetzes wegen unbedingt sein muss?

"Manche Männer sagten 'Mädchen' zu mir"

Stellt man Rousseau diese Frage, bekommt man erst heißes Ingwerwasser aus der Thermoskanne, dann die Antwort: "Bei uns hat sich viel verändert. Wir achten heute bei Beiersdorf zum Beispiel viel mehr auf gemischte Führungsteams." Vor Kurzem erst wurde das Unternehmen mit dem Helga-Stödter-Preis für Mixed Leadership ausgezeichnet. Als Rousseau 1984 bei Beiersdorf anfängt, hat man gerade von Karteikarten auf SAP umgestellt, Frauen in Führung sind die absolute Ausnahme. "Alle Frauen trugen Röcke, manche Männer sagten 'Mädchen' zu mir", erinnert sich die 63-Jährige. Ihr Selbstbewusstsein damals: eher gering. Trotzdem traut sie sich, als sie zehn Jahre später gefragt wird, ob sie für die Arbeitnehmerseite für den Aufsichtsrat kandidieren wolle. Die erste Wahl verliert sie, doch fünf Jahre später tritt sie erneut an - und gewinnt.

Es gibt wenige Frauen, die in deutschen Aufsichtsräten so lange dabei sind wie Rousseau. Vor ein paar Wochen wurde sie zum fünften Mal in den Aufsichtsrat gewählt, in dem sie nun auch stellvertretende Vorsitzende ist. Inzwischen sind neben ihr noch vier weitere Frauen dabei. Es gab Zeiten, da saß sie allein mit elf Männern vor niveablauer Wand am großen Tisch im fünften Stock. Vier bis sechs Mal im Jahr treffen sie sich, um zum Beispiel Geschäftsstrategien, Unternehmenskäufe oder Finanzierungsrahmen zu genehmigen. Außerdem ernennen sie die Vorstandsmitglieder. Aus wichtigem Grund kann der Aufsichtsrat sie aber vorher wieder abberufen. Neben den Sitzungen findet die Arbeit in Ausschüssen statt.

"Beschlüsse werden heute intensiver diskutiert, die Arbeitsatmosphäre ist offener geworden, weniger formalistisch", sagt Rousseau. "Ich kann mir heute keine Sitzung mehr vorstellen, in der ich mich nicht zu Wort melde." Eine Szene wie bei der Hauptversammlung 2015? Für Rousseau heute unvorstellbar. Auch Klaus-Peter Müller, Ehrenvorsitzender des Aufsichtsrats der Commerzbank, sagt: "Die Stimmung hat sich grundlegend gewandelt. Bis auf ein paar uneinsichtige Herren haben inzwischen alle verstanden, dass wir mit gemischten Aufsichtsräten besser fahren."

Bereits 1980 hatte Bundeskanzler Helmut Schmidt angekündigt, prüfen zu lassen, ob die Situation der Frauen in Deutschland durch ein Antidiskriminierungsgesetz verbessert werden könne. Doch trotz zahlreicher Appelle und freiwilliger Selbstverpflichtungen stagnierte der Frauenanteil in deutschen Führungsetagen jahrelang. Erst durch die drohende Quote begann er leicht zu steigen. Das Gesetz hat die Entwicklung beschleunigt: In den Unternehmen, die unter die gesetzliche Quote fallen, ist der Anteil von Frauen im Aufsichtsrat seit 2015 von 22 Prozent auf durchschnittlich 31 Prozent gestiegen.

Digitalisierung und Quote fördern den Aufstieg

Ein Erfolg? "Ja, die Quote wirkt", sagt Elke Holst, Forschungsdirektorin für Gender Studies am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung. In Unternehmen ohne Quote liege er bei 13 Prozent. Doch die erhoffte Strahlkraft auf die Vorstände sei bislang weitgehend ausgeblieben. Anders gesagt: Der "Thomas-Kreislauf" ist ungebrochen. Noch immer gibt es in deutschen Unternehmen laut aktueller Studie der Allbright-Stiftung mehr Vorstandsvorsitzende, die Thomas heißen, als Frauen. In den Top-100-Unternehmen wurde 2018 zwar erstmals die Zehn-Prozent-Marke geknackt, doch der Wandel, so Holst, gehe im Schneckentempo voran. Am wenigsten bewegt sich ganz oben: Vorstandsvorsitzende sind noch zu 99 Prozent Männer.

Die Gründe sind vielfältig. "Unconscious Bias" nennen Psychologen das Phänomen, wenn Stereotype derart verinnerlicht sind, dass sie Personalentscheidungen oft unbewusst beeinflussen, Männer also lieber eine jüngere Ausgabe ihrer selbst befördern als eine Frau. Zudem fehlen Ganztagsschulplätze und vor allem in den technischen Bereichen schon im Studium die Frauen. Doch selbst in Branchen, in denen mehr als die Hälfte der Beschäftigten Frauen sind, etwa im Gesundheits- oder Finanzwesen, sitzen in den Vorständen und direkt darunter fast nur Männer (bemerkenswert: vor allem die öffentlich-rechtlichen Banken schneiden schlecht ab) - da Vorstände meist im Unternehmen aufsteigen und selten von außen kommen, ein schlechtes Zeichen. "Die Frauen-Pipeline für den Vorstand ist in vielen Unternehmen immer noch leer", sagt Monika Schulz-Strelow von Fidar, der Initiative "Frauen in den Aufsichtsrat".

Dass es auch anders geht, zeigt der Gabelstaplerhersteller Kion. Die Nummer zwei auf dem Weltmarkt hat eine Finanz- und eine Digitalvorständin sowie fünf Frauen im Aufsichtsrat. Eine von ihnen ist Christina Reuter. Als sie per Mail die Anfrage eines Headhunters für das Mandat bekam, saß sie gerade in einem Meeting. "Ich war schon sehr überrascht und habe mich gefragt, ob es da einen Haken gibt", erzählt sie in einer Mittagspause. Ihre Worte wählt sie mit Bedacht. Obwohl sie für ihr Hobby keine Zeit mehr findet, hat sie noch immer die aufrechte Körperhaltung einer Dressurreiterin.

Als die anfänglichen Zweifel beseitigt sind, geht alles schnell. Nach einem Treffen mit drei Kion-Häuptlingen und dem Headhunter, alles Männer, die meisten doppelt so alt wie Reuter, ist ihr klar: Sie wollen wirklich mich und meine Expertise zur Industrie 4.0. Nicht nur eine Frau. Auf der Hauptversammlung wird sie für die Seite der Anteilseigner in das Kontrollgremium gewählt. Mit 31.

So jung wie Reuter wurde noch nie zuvor eine Frau in Deutschland in den Aufsichtsrat gewählt. Sie ist Teil einer neuen jungen weiblichen Elite, die Karriere auf der Überholspur macht - mit gesundem Selbstbewusstsein und Lebensläufen, von denen man fast annehmen könnte, sie seien getunt. 1985 in Aachen als Älteste von fünf Geschwistern einer Geigenbauerfamilie geboren, besucht Reuter ein Mädchengymnasium, wählt Mathe und Physik-LK und studiert Wirtschaftsingenieurwesen mit Fachrichtung Maschinenbau. Frauenanteil: maximal zehn Prozent.

"Wenn du als Frau zu spät in den riesigen Hörsaal kamst und nach einem Sitzplatz gesucht hast, musste der Prof die Vorlesung unterbrechen, weil alle gepfiffen haben", erzählt sie. Danach geht es rasant voran: mit 23 Auslandsjahr in Peking, mit 28 Promotion am Werkzeugmaschinenlabor in Aachen und Aufstieg zur Abteilungsleiterin, mit 31 Wechsel zu Airbus, dort Produktionsleiterin für Space-Elektronik.

Während Frauen wie Rousseau sich meist noch entscheiden mussten zwischen Kind und Karriere, machen Frauen wie Reuter heute beides: Fünf Tage nach einer Aufsichtsratssitzung bei Kion bringt Reuter 2017 ihr erstes Kind, eine Tochter, zur Welt. Kinderwagenschiebend nimmt sie an Telefonkonferenzen teil. Ihr Mann hat bei BMW auf 75 Prozent reduziert. Gibt man "junge Aufsichtsrätinnen" bei Google ein, will die Suchmaschine die Eingabe zwar noch in "junge Aufsichtsrat" korrigieren, doch in Fränzi Kühne bei Freenet hat es inzwischen noch eine weitere Frau Mitte 30 ins Kontrollgremium eines Dax-Konzerns geschafft. Und in Österreich bereitet seit vergangenem Jahr sogar ein Lehrgang mit dem Titel "Aufsichtsrat next generation" Berufseinsteiger auf die Aufgabe vor. Fast die Hälfte der ersten Abschlussklasse ist weiblich. Die Chancen junger Frauen auf einen Aufsichtsratsposten sind derzeit so gut wie nie. Die Digitalisierung, Kernkompetenz der Jungen, hilft, aber eben auch die Quote. "Ich bin davon überzeugt, dass sie nötig ist", sagt Reuter.

Der Rat der Vorreiterin: Mehr Risikobereitschaft, mehr Unvollkommenheit

Und natürlich haben Wegbereiterinnen wie Manuela Rousseau zum Wandel beigetragen. Ihre Startvoraussetzungen waren damals noch ganz andere. Rousseaus Weg an die Spitze gleicht eher einer gewundenen Bergstraße als einer Überholspur. Mit dem offenen Bedauern der Mutter, als erstes Kind nicht einen Jungen, sondern ein Mädchen geboren zu haben, wächst sie als Tochter einer Näherin und eines Lokführers in Neumünster auf. Als sie zehn ist, trennen sich die Eltern, etliche Umzüge und Schulwechsel folgen. Mit 14 muss sie die Schule verlassen, um Geld zu verdienen. Bei einer Lehre im Einzelhandel lernt sie ihren Mann kennen. Mit 19 heiratet sie, steigt zwei Jahre später in ein Geschäft für "braune Ware", also Unterhaltungselektronik, ein. Mit 26 steht sie unverschuldet vor dem Nichts: Der Laden ist pleite, ihre Ehe am Ende, die Wohnung weg.

Manuela Rousseau

Arbeiterkind im Aufsichtsrat: Beiersdorf-Kontrolleurin Manuela Rousseau hat sich seit ihrer Kindheit gegen viele Widerstände durchgesetzt - auch gegen ihre inneren.

(Foto: Henriette Pogoda)

"Diese Existenzangst damals, die hat mich geprägt", sagt Rousseau. Nach Monaten der totalen Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit notiert sie sich drei Ziele in ein Notizbuch: 1. für ein renommiertes Industrieunternehmen arbeiten, 2. eine Wohnung kaufen, 3. ein Leben lang arbeiten und unabhängig sein. Dass ausgerechnet sie einmal ganz oben mitspielen und mit wichtigen Männern und Namensschildern an gestärkten Tischdecken zu Mittag essen würde, hätte damals am allerwenigsten sie selbst geahnt. Doch nach und nach befreit sie sich vom Frauenbild ihrer Mutter - nicht ohne sich immer wieder selbst zu hinterfragen. Lange Zeit hadert sie mit ihrem fehlenden Studium, vor allem, als sie selbst zur Professorin für Kultur- und Medienmanagement ernannt wird. Und nach der Hauptversammlung 2015 fragt sie sich: Warum habe ich nicht selbst das Wort ergriffen, sondern erwartet, dass einer der Männer uns Frauen verteidigt?

Um andere Frauen zu ermutigen, hat sie ihre ungewöhnliche Aufsteiger-Biografie aufgeschrieben ("Wir brauchen Frauen, die sich trauen", Ariston). Sie rät zu mehr Risikobereitschaft, zu freiwilligem Engagement, aber auch zu mehr Unvollkommenheit. Denn nicht nur die Unternehmen müssten sich verändern. "Frauen müssen ihre Chance auch ergreifen", sagt Rousseau. Und sei sie anfangs noch so klein.

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