Süddeutsche Zeitung

Problemfall Alterspyramide:Nachsitzen für neues Wissen

Vielen Betrieben ist die Weiterbildung ihrer älteren Mitarbeiter zu teuer - doch das könnte sich bald rächen.

Marco Finetti

Deutschland altert. Die Menschen werden immer älter - und damit auch die Beschäftigten in Unternehmen und Betrieben.

Aber wie weite Teile der Gesellschaft sind auch Berufswelt und Arbeitsmarkt nicht auf die Probleme vorbereitet, die mit dem demographischen Wandel auf sie zukommen. Der weltweit größte Personaldienstleister Adecco stellte jüngst in einer Studie fest, die deutsche Wirtschaft sei "nicht demographie-fit." Dabei ist das ihre einzige Chance, zu bestehen.

Denn das so genannte "Potential an Erwerbspersonen", also die 20- bis 64-Jährigen, wird in Deutschland von Tag zu Tag kleiner. Derzeit nehmen noch etwa 45 Millionen Menschen aus dieser Altersgruppe am Arbeitsleben teil.

Immer weniger Erwerbstätige

Von 2010 bis 2050 wird ihre Zahl um acht bis zwölf Millionen sinken, zur Mitte des Jahrhunderts wird es voraussichtlich nicht mehr als 33 Millionen Erwerbstätige geben. Und von diesen haben immer mehr das erreicht, was heute noch landläufig als "Seniorenalter" gilt.

Wie es dereinst in Betrieben und Unternehmen aussehen wird, lässt sich schon jetzt erahnen. In den neuen Bundesländern waren, worauf die Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft (vbw) kürzlich hinwies, 2006 erstmals mehr Arbeitnehmer über 50 als unter 30 Jahre alt. In den alten Bundesländern wird diese Schwelle bereits 2008 erreicht sein.

Was aus alledem folgt, liegt für Arbeitsmarkt- und Berufsforscher, Personaldienstleister, aber auch für manchen Wirtschaftslobbyisten auf der Hand: "Wir müssen weit stärker als bisher mit den Älteren planen", sagt Bertram Brossadt, der Hauptgeschäftsführer der vbw. Auf den Alterswandel der Gesellschaft möglichst früh und umfassend zu reagieren, sei "für die Wirtschaft eine überlebenswichtige Frage".

Die Alten wurden vernachlässigt

Doch eben diese Planung haben Großkonzerne, Mittelständler und kleine Firmen lange versäumt. Die Entwicklung ging eher in die entgegengesetzte Richtung: Nur noch knapp 40 Prozent der Deutschen im Alter zwischen 55 und 64 Jahren sind derzeit erwerbstätig - Folge jahrelanger "Frühverrentungen" und eines Jugendwahns, der selbst Topmanager aufs unfreiwillige Altenteil schickte, sobald sie die Sechzig überschritten hatten.

Paradoxes Ergebnis: Ältere Arbeitnehmer werden immer mehr gebraucht - und immer weniger eingesetzt. Fast noch fataler aus Sicht von Berufsforschern aber ist: Für ältere Beschäftigte wird viel zu wenig getan, damit sie ihr vor Jahren, wenn nicht vor Jahrzehnten erworbenes Wissen auf den neuesten Stand bringen können.

Weiterbildung führt in deutschen Betrieben ein Schattendasein. Dabei wäre gerade sie der Schlüssel, um mit immer älteren Arbeitnehmern im Wettbewerb zu bestehen.

Die Realität aber sieht so aus: Die 55- bis 64-jährigen Deutschen wenden pro Jahr gerade einmal 26 Stunden für ihre Weiterbildung auf - deutlich weniger als ihre gleichaltrigen Kollegen in anderen Industriestaaten, wie erst unlängst der Bildungsbericht 2006 der Organisation für wirtschaftliche Entwicklung und Zusammenarbeit (Oecd) zeigte.

Dieses verschwindend geringe Maß an Weiterbildung ist freilich nur in den wenigsten Fällen eine Frage von Fleiß oder Faulheit des Einzelnen. Es gibt schlicht zu wenig Angebote, sowohl inner- als auch überbetrieblich.

Auch dies hat mehrere Ursachen. In wirtschaftlich schlechten Zeiten sparen viele Unternehmen ebenso gern wie kurzsichtig zunächst an der Weiterbildung. Oft auch erschwert der Firmenalltag in der Praxis, was in der Theorie so wünschenswert ist.

Mangelndes Problembewusstsein

Mehr noch offenbart sich in der geringen Weiterbildung älterer Beschäftigter aber eine allgemeine Ignoranz der Unternehmen gegenüber allen Altersfragen. Jede dritte Firma in Deutschland hat, einer Studie der Adecco zufolge, nicht einmal eine Altersanalyse ihrer Beschäftigten erstellt, von konkreten Weiterbildungsprogrammen oder eine Karriereplanung für Beschäftigte über 50 ganz zu schweigen.

Diese Ignoranz beginnt erst langsam der Einsicht in die Notwendigkeit zu weichen. Die Impulse hierfür kommen, wie etwa beim vbw, teilweise aus der Wirtschaft selbst, vor allem aber aus der Wissenschaft.

Großer Aufholbedarf

Am Center for Lifelong Learning der privaten Jacobs-Universität in Bremen etwa oder an der Fachhochschule Deggendorf untersuchen Wissenschaftler, wie sich betriebliche Weiterbildung möglichst früh etablieren und zugleich besser auf die ältere Generation zuschneiden lässt.

Ihre Studien zeigen freilich bislang vor allem, dass sich dafür vom Arbeits- und Rentenrecht über die Hygieneverordnungen bis hin zur Bildungsfinanzierung noch vieles ändern muss.

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Quelle:
SZ vom 03.01.2007
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