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Problemberatung im Job:Der neutrale Blick

Berufliche Veränderungen, Konflikte mit Kollegen oder Überlastung: Bei Problemen im Job hilft Supervision oft weiter. Auf maßgeschneiderte, neue Methoden hoffen Klienten aber vergeblich.

Petra Meyer

Die Postkarte ist knallrot. Nur in einer Ecke, unten rechts, schiebt sich ein kleiner schwarzer Fleck ins Bild. Werbung? Moderne Kunst? "Nein", sagt Wolf Hinsching, "das ist Supervision." Eigentlich handele es sich bei dem Punkt um einen Marienkäfer. Allerdings aus nächster Nähe aufgenommen. Deshalb erkenne der Betrachter nur viel Rot und ein Pünktchen Schwarz. Im Job sei das oft genauso. "Meine Klienten sind manchmal irritiert, wissen nicht mehr weiter, weil sie zu nah dran sind." Supervision helfe ihnen, auf Distanz zu ihrer beruflichen Situation zu gehen. "So klärt sich ihr Blick, und die Dinge sortieren sich neu."

"Aufregende Übungen, die den Klienten faszinieren, gibt es nicht" - eher ein hilfreiches Gespräch mit dem Supervisor.

(Foto: Foto: iStock)

Dass Wolf Hinsching, der bereits seit vielen Jahren als Supervisor arbeitet, auf die Postkarte zurückgreift, um seinen Beruf zu erklären, kommt nicht von ungefähr. Wer weiß schon, was sich hinter diesem Wort versteckt? Allerlei Phantasien geistern durch die Köpfe derjenigen, die zu ihm in die berufliche Beratung kommen. Einige denken, Supervision meine Kontrolle, andere hoffen, der Berater serviere ihnen maßgeschneiderte Lösungen für ihr Problem. Oder sie erwarten ein Feuerwerk neuer Methoden, die sichtbar machen, wo es in ihrem Job brennt.

All diese Erwartungen enttäuscht Hinsching bereits im ersten Gespräch. "Wir sprechen miteinander, das ist meist alles. Aufregende Übungen, die den Klienten faszinieren, gibt es bei mir fast gar nicht." Zumindest nicht im Einzelgespräch, schon eher für Teams oder Gruppen. Denn da sind sie seiner Meinung nach manchmal durchaus sinnvoll.

Eine gemeinsame Suchbewegung

Supervision ist für ihn eine gemeinsame Suchbewegung. Nach den Dingen, die den Blick verstellen. Gut zuhören, auf die innere Stimme achten, möglichst viel wahrnehmen bei sich selbst und beim Gegenüber, das ist sein Handwerkszeug. Wenig spektakulär und doch sehr ungewöhnlich in einer Zeit, in der so viele am liebsten sich selber reden hören. Hinsching sieht sich als eine Art Bergführer, der in schwierigem Gelände erfahren, aber nicht unbedingt der bessere Wanderer ist. Allein seine fachkundige Begleitung, so sagt er, vermittle den Klienten ein sichereres, gelasseneres Gefühl. Beides ist wichtig, denn manch einem wächst im Job vieles über den Kopf: die Führungsrolle, Konflikte mit Kollegen, Veränderungen oder undurchsichtige Arbeitsabläufe.

Thorsten (Name geändert) ist so einer. Er fühlt sich überfordert. "Ich muss etwas verändern, wenn wir am Markt bleiben wollen", sagt der Mittfünfziger, der seit etwa 20 Jahren eine kleine Firma mit 14 Angestellten leitet. Becker gesteht auch: "Ich brauche Hilfe. Aber ich habe Angst vor diesem Schritt." Der Berliner fürchtet, dass ein Supervisor auf seinen Schwächen herumreiten und ihn zu Schritten drängen könnte, die er seit langem scheut. "Du musst" - dieser innere Druck hängt wie ein Damoklesschwert über Becker. Und noch ein weiteres Schreckgespenst hält ihn ab: der Gedanke an Therapie.

Wolf Hinsching kennt derartige Befürchtungen. "Die Menschen haben viel Angst vor Psychologie, sie ist so wenig greifbar für sie", sagt er. Berufliche Störungen haben zwar seiner Meinung nach durchaus auch etwas mit der eigenen Biographie zu tun. Darüber zu sprechen bedeutet für ihn aber längst nicht Therapie. Er stellt auch mal persönliche Fragen, doch verliert er dabei nie die berufliche Rolle und das Unternehmen aus dem Blick. Es geht ihm vor allem darum, seine Klienten im Job wieder handlungsfähig zu machen.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, warum fremde Tipps oft nicht helfen und das Vertrauen zum Supervisor so wichtig ist ...

Der neutrale Blick

Ohne die persönliche Situation zu verstehen, geht das indes nicht. "Bei der Supervision schält jemand aus dem Dickicht seiner Gefühle und Erfahrungen eigene Lösungen heraus", sagt er. Es sei wichtig zu sehen, was alles an einem Problem dranhängt. "Erst dann kann sich der Klient ans Aufräumen machen und die Dinge wieder in Bewegung bringen", sagt der Berater, der auch im Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Supervision ist (DGSv).

Besserwisserei, also den Klienten hereinreden und ihnen vorschreiben, was sie tun sollen, lehnt Hinsching ab. Statt mit dem Finger auf andere zu zeigen, blickt er humorvoll auf seine eigenen Erfahrungen zurück. "Nach meiner Supervisionsausbildung war ich so begeistert von dem Gelernten, dass ich dachte, ich wüsste, wie es geht. Ganz nach dem Motto: Gestern konnte ich das Wort Inschenjör noch nicht schreiben, heute bin ich schon einer." Über die Versuchung, sich plötzlich für jemand Größeres zu halten, sei er anfangs gestolpert. Heute plädiert er klar für eine innere Haltung, die den Klienten auf Augenhöhe wahrnimmt, ihn wertschätzt. Und ihm so ermöglicht, sich weiterzuentwickeln.

Ohne Hilfe geht es nicht

Denn fremde Tipps haben einen entscheidenden Nachteil: Sie passen oft nicht, gehen am Kern des eigenen Problems vorbei. Doch wer Hilfe sucht, spürt meist großen Leidensdruck. Und der soll ja weichen. Wie bei einem Paar, das ihn aufsuchte. Die Schwierigkeiten begannen, als die Ehefrau in die aufstrebende Agentur mit einstieg. "Schon nach kurzer Zeit waren wir derart in gegenseitigen Vorwürfen und Verletzungen verfangen, dass auch die Ehe zu scheitern drohte", sagt sie. Drei Jahre lang wursteln sich die beiden durch, lieben und quälen sich gleichermaßen. Dann ist klar: Ohne Hilfe geht es nicht.

Heute ärgern sie sich ein wenig, dass sie sich nicht schon früher Unterstützung geholt haben. "Es ist so entlastend, in einem geschützten Rahmen miteinander zu streiten und die Dinge zu entzerren", sagt die Frau. Der neutrale Blick von außen wirkt wie Balsam. Und hilft, Privates von Beruflichem zu trennen, klare Rollen sowie Rechte und Pflichten im Job festzulegen. Oder schwierige Mitarbeitergespräche vorzubereiten. Störungen, die im beruflichen Alltag passieren, schreiben sie auf und besprechen sie in der nächsten Sitzung.

Das Vertrauen zum Supervisor spielt dabei eine große Rolle. Und natürlich Diskretion. Bei der Suche nach einem geeigneten Supervisor sei daher eine Empfehlung für beide Seiten am besten, so Hinsching. Natürlich könne man auch nach einem Supervisor googeln, das Telefonbuch wälzen oder auf eine Anzeige reagieren. Letztlich aber, davon ist er überzeugt, entscheide die Chemie, ob Supervisor und Klient zueinander kommen. "Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Berater oft die Kunden haben, die zu ihnen passen. Oder umgekehrt."

© SZ vom 09.08.2008/cag
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