Süddeutsche Zeitung

Pro und Contra zur Frauenquote:Die weibliche Wirtschaft

Lesezeit: 5 min

Männerrunde Aufsichtsrat: Damit soll nun Schluss sein und Frauen mehr Führungspostitionen übernehmen. Aber wie? Ein Pro und Contra zur Frauenquote.

Daniela Kuhr und Karl-Heinz Büschemann

Ja zur Frauenquote: Nur eine Quote wird mehr Frauen in Führungspositionen bringen.

Von Daniela Kuhr

Frauenquote - gerade als man meinte, der Begriff sei ein Fall für die Mottenkiste, taucht er wieder auf. Ganz oben in den Schlagzeilen der Wirtschaftsblätter. Bei der an diesem Mittwoch beginnenden Konferenz der Regierungskommission Corporate Governance Kodex - die Leitlinien für gute Unternehmensführung ausarbeitet - wird die Frauenquote eines der Kernthemen sein.

Nicht etwa, weil Bundesfamilienministerin Kristina Schröder (CDU) soeben ein Gesetz ins Gespräch gebracht hat, das Unternehmen zwingen soll, eine individuelle Frauenquote einzuführen. Nein, die Mitglieder der Kommission haben das Thema von selbst auf die Agenda gesetzt.

Sie wollen in ihrem Kodex künftig empfehlen, dass jeder Aufsichtsrat konkrete Ziele benennt, wie er den Frauenanteil in seinen Reihen erhöhen möchte. Die Wirtschaft läuft Sturm dagegen. Bei der Besetzung von Posten müsse allein die Qualität des Kandidaten entscheiden, nicht sein Geschlecht, so die Kritik. Doch wer so argumentiert, hat sich entweder mit dem Thema noch nicht ernsthaft befasst. Oder: Er ist von gestern.

Es sind nicht etwa Gutmenschen, die eine Frauenquote fordern. Vielmehr sprechen handfeste wirtschaftliche Gründe dafür. Einen hat Telekom-Chef René Obermann genannt, als er im März überraschend ankündigte, bis 2015 jede dritte Führungsposition in dem Dax-Konzern mit einer Frau besetzen zu wollen.

Die 30 Prozent entsprechen in etwa dem Anteil der Frauen in der gesamten Belegschaft. Es gebe insgesamt zu wenig qualifizierte Leute in der Industrie, sagte Obermann damals. Gerade deshalb sei es so wichtig, alle, wirklich alle Talente zu fördern. Damit hat der Telekom-Chef ein wichtiges Argument geliefert.

Ein zweites, mindestens ebenso bedeutendes, lautet: Unternehmen mit einem höheren Frauenanteil erzielen ein signifikant besseres Ergebnis und eine höhere Rentabilität. Das haben Studien ergeben. Das Problem an diesen Untersuchungen ist nur: Man mag das Ergebnis auf den ersten Blick nicht so recht glauben. Es klingt ein wenig gewollt. Wieso sollten Unternehmen umso besser abschneiden, je mehr Frauen sie beschäftigen?

Neue Ideen für mehr Kreativität

Die Erklärung ist einfach. Frauen haben eine andere Sicht auf die Dinge. Keine bessere, aber eine andere. Das allein ist schon bereichernd für ein Unternehmen. Je mehr diskutiert wird, je mehr in Frage gestellt wird, umso mehr Raum entsteht für neue Ideen, für Kreativität.

Und deshalb tragen auch Ausländer oder Angehörige fremder Religionen - eben jeder, der in irgendeiner Form andere Erfahrungen gemacht hat als der bislang noch typische deutsche Mann - dazu bei, dass eine Firma sich weiterentwickelt, und zwar wirklich "weiter" . Weiter nämlich, als wenn die Ideen immer nur aus derselben Denkrichtung kommen.

Funktionieren kann das aber nur, wenn die "Andersdenkenden" nicht allein sind. Besteht ein Aufsichtsrat aus 19 Männern und einer Frau, wird sie es schwer haben, ihre Vorstellung von einer wirksamen Kontrolle des Vorstands einzubringen. Vielleicht wird sie als lästig gelten oder als inkompetent, weil sie andere Fragen stellt, als die Herren es gewöhnt sind. Womöglich dauert die Sitzung ihretwegen sogar länger, wo man sich doch früher immer so schnell so schön einig war.

Genau aus diesem Grund führt an einer Quote kein Weg vorbei. Nur sie stellt sicher, dass die Gremien zügig mit einer ernst zu nehmenden Zahl von Frauen besetzt werden.

Ohne Quote würde das viel zu lang dauern. Schließlich sind trotz der jahrelangen Diskussion in Deutschland immer noch gerade einmal 2,5 Prozent der Vorstände und zehn Prozent der Aufsichtsräte weiblich. Und das liegt nicht etwa an einem Mangel an qualifizierten Frauen, sondern daran, dass nach ihnen gar nicht Ausschau gehalten wird.

Wer oben sitzt, und das ist ja meist ein Mann, ist - vermutlich nicht ganz zu Unrecht - davon überzeugt, dass er vieles richtig gemacht hat. Deshalb fördert er vor allem solche Leute, die ihm ähnlich sind. Es liegt in der Natur der Sache, dass sein Blick dabei eher auf Männer fällt als auf Frauen. Es sei denn, eine Quote zwingt ihn, sein Blickfeld zu öffnen.

Nein zur Frauenquote: Aufsichtsräte brauchen Qualität, keine Quote.

Von Karl-Heinz Büschemann

Es ist vieles faul in deutschen Aufsichtsräten. Sie tun ihre Arbeit nicht in der nötigen Qualität, und wenn ein Konzern in Schwierigkeiten gerät, hat der Aufsichtsrat meist nichts gewusst. Die Kontrollgremien der Konzerne sind meist zu groß, zu unprofessionell, zu deutsch. Deutsche Aufsichtsräte sind den Anforderungen international agierender Konzerne oft nicht gewachsen.

Deshalb haben jetzt manche das vermeintliche Ei des Kolumbus gefunden. Es müssten mehr Frauen in die Räte, und das per Quote verordnet. So würde die Kontrolle verbessert.

Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) und die Familienministerin Kristina Schröder (CDU) wollen die Unternehmen zwingen, eine individuelle Frauenquote festzulegen.

Damit mögen es die Politikerinnen für ein paar Tage in die Zeitung schaffen. Der Arbeit in den Aufsichtsräten helfen sie mit dieser Idee nicht. Die deutschen Aufsichtsräte brauchen bessere Mitglieder, egal welchen Geschlechts. Die Frage, wie die Kontrollarbeit verbessert werden kann, auf den Anteil der Frauen in den Gremien zu reduzieren, ist populär. Aber sie ist eine fahrlässige Verengung des Blickwinkels.

Deutsche Aufsichtsräte waren jahrzehntelang Ansammlungen alter Herren, die sich die Jobs zuschoben. Man kam alle drei Monate zusammen, rauchte Zigarren, hakte Tagesordnungspunkte ab und dann ging man zum Abendessen. Das war die gefürchtete Deutschland AG, in der ein Freund den anderen kontrollierte und die Aufsicht versagte.

Ganz klar: Die Aufsichtsräte brauchen mehr Frauen. Sie bringen andere Blickwinkel in die Diskussionen, und sie können die männlichen Seilschaften sprengen. Für diese Aufgabe kommt es aber allein auf die Kompetenz der Frauen an, nicht auf ihre Anzahl im Rat. Die Gremien brauchen mehr Qualität, keine Quote.

Armutszeugnis Aufsichtsrat

Beispiel Infineon: Der Münchner Chip-Konzern hat seinen Aufsichtsrat von 20 auf zwölf Mitglieder verkleinert. Er hat zwei Frauen auf der Kapitalseite in seinen Reihen. Das ist ein Drittel der Mitglieder. Vorbildlich, könnte man sagen. Das schützte den Konzern Ende 2009 nicht vor der peinlichsten Management- und Führungskrise der Republik.

Die Arbeit der Aufsichtsräte ist besser geworden. Die Veränderung reicht aber noch nicht. Die Mitglieder müssen Profis sein, die das Geschäft verstehen und die den manchmal aus dem Ruder laufenden Vorständen entgegentreten können. Sie müssen so gut bezahlt werden, dass sie motiviert sind, sich ständig und nicht nur alle paar Monate um das Unternehmen zu kümmern.

Das ist nicht als Nebenbeschäftigung zu machen und schon gar nicht als Beschäftigungstherapie für Ex-Manager, die sich im Ruhestand langweilen.

Die Aufsichtsräte müssen mit den besten Experten besetzt werden, die zu finden sind, egal ob Mann oder Frau. Schon heute gibt es nicht nur unfähige Männer, es gibt auch inkompetente Frauen in Unternehmen. Zudem müssen die Aufsichtsräte internationaler besetzt werden. In Deutschland gibt es nur wenige Vertreter aus dem Ausland in den Kontrollgremien und zu viel Cliquenwirtschaft alter Seilschaften. So dauert es lange, bis neue Blickwinkel in die Strategie der Konzerne Einzug finden.

Es ist ein Armutszeugnis: Aber viele deutsche Unternehmen trauen sich nicht, ausländische Vertreter oder Vertreterinnen in ihren Aufsichtsrat zu holen, weil die vielleicht kein Deutsch sprechen, die Arbeitnehmervertreter aber oft des Englischen nicht mächtig sind. Diese schädliche Provinzialität kann auch durch eine Frauenquote nicht beseitigt werden.

Sollte die Bundesregierung den Fehler begehen, jeden fünften Sitz in einem Aufsichtsrat für eine Frau zu reservieren wird die Veränderung gehemmt, die gerade begonnen hat. Dann haben die Strippenzieher, die Aufsichtsräte besetzen, eine neue Ausrede für Fehlentscheidungen der Kontrolleure. Sie werden sich auf die Quotenfrauen herausreden, die nach Geschlecht und nicht nach Leistung berufen wurden. Das schadet den Unternehmen und dem Ansehen der Frauen.

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Quelle:
SZ vom 16.06.2010/stl/pak
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