Arbeitswelt Ein soziales Minenfeld namens Stehkonferenz

Prinzipiell tut es der Gesundheit gut, zwischendurch immer mal zu stehen.

(Foto: imago stock&people)

Meetings im Stehen könnten effektiv und förderlich für die Gesundheit sein. Wenn sich die Mitarbeiter nur nicht so schrecklich exponiert fühlen würden.

Von Werner Bartens

Wer nicht von Natur aus mit berückender Lässigkeit gesegnet ist, der muss den optimalen Stand oft erst üben: Stehen Spielbein und Standbein im passenden Winkel zueinander, ist der Oberkörper zwar gerade, aber nicht zu stramm - und wohin noch mal mit den Händen, wenn es nicht schon wieder die Raute sein soll? Hält man sich im Stehen nicht an solche Vorgaben, sieht das schnell unsicher, gedanklich abwesend oder orthopädisch zwielichtig aus. So kann eine amöbenhafte Körperspannung während der Stehrunde im Büro den aufstrebenden Mitarbeiter schnell zum Kollegen von der traurigen Gestalt werden lassen.

Kein Wunder, dass sich viele Arbeitnehmer unwohl fühlen, wenn sie neuerdings von innovationsfreudigen Vorgesetzten zu Konferenzen und Kurz-Meetings im Stehen aufgefordert werden. Eine qualitative Untersuchung im Fachblatt Plos One zeigt nun, dass sich in Bürorunden aus dem Stand oft Unbehagen einstellt. "Bei Besprechungen im Stehen kann sich ein soziales Minenfeld auftun", sagt der Psychologe Benjamin Gardner vom King's College in London. "Den Teilnehmern unserer Studie war es oft peinlich, dass sie im Stehen so viel sichtbarer waren. Zudem befürchteten sie, von anderen für Aufschneider gehalten zu werden - oder zumindest für jemanden, der ständig in den Vordergrund drängt."

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Andere Probanden waren irritiert oder kamen sich schlicht blöd vor, wenn sie während der Besprechung stehen sollten. Gerade bei sensiblen Themen hätten sie sich im Sitzen wohler gefühlt, so die Teilnehmer. Aus dem sozialen Druck heraus und um nicht gegen ungeschriebene Regeln des Büro-Daseins zu verstoßen, wählten sie als Standort deshalb scheu die Seite oder den hinteren Teil des Raums - was wiederum ihre Mitarbeit in den Konferenzen beeinträchtigte.

Es ist verhext: Seit Sitzen als das neue Rauchen gilt und der aufrechte Stand und Gang im Büro Schutz vor jähem Herztod und verkalkten Gefäßen verspricht, werden vermehrt Stehpulte geordert und Konferenzen aus dem Stand organisiert. "Bei manchen Arbeitgebern wie Software-Entwicklern ist das längst Standard", sagt Gardner. "Wir müssen so weit kommen, dass Stehen in Konferenzen normal ist und Sitzen als ungewöhnlich gilt."

Schließlich schätzen es etliche Angestellte, dass sie im Stehen engagierter sind und die aufrechte Haltung alle motiviert, schneller fertig zu werden. Wer Konferenzen im Stehen leitet, füllt seine Rolle den Forschern zufolge zudem oft selbstbewusster und zielstrebiger aus - was manche Untergebene womöglich einschüchtert, sodass sie sich unbehaglich fühlen.

"Im Meeting zu stehen, ist nicht passend für alle", sagt Louise Mansfield von der Brunel University. "Es geht vielmehr darum, neue Formen des Umgangs im Büro zu ermöglichen, bei denen sich die Mitarbeiter mehr bewegen und vielleicht sogar umherlaufen können." Der DDR-Propaganda-Song "Sag mir, wo du stehst", könnte auf diese Weise eine ganz neue Bedeutung erhalten. Sitzen zu bleiben, sollte allerdings auch weiterhin erlaubt sein, schließlich drücken die besonders Sensiblen damit manchmal schlicht eine soziale Schonhaltung aus.

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