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Privatschulen für Migrantenkinder:Die Türkei als Vorbild

Durch ihre Gespräche sind sie mit der Zeit für ihre Umgebung in eine Vorbildrolle hineingewachsen, und so trugen sie beim diesjährigen Nachbarschaftsfest des Bezirks T-Shirts mit der Aufschrift "Türkische Väter gegen Gewalt". Sie beziehen auch Stellung in öffentlichen Angelegenheiten: Ein Betreuungsgeld für Kinder, die nicht in den Kindergarten gehen, lehnen sie ab, das Geld sei in den Bildungseinrichtungen besser angelegt. Und sie verteilen Einladungen: Die "Väter" haben Sarrazins Buch gelesen und dann eine Pressekonferenz einberufen. Erwartet hatten sie "vielleicht drei Journalisten", es kamen 30, die Empörung und Entrüstung bei den Türken dokumentieren wollten. Stattdessen sprachen die "Väter" sehr freundlich eine Einladung an den ehemaligen Bundesbanker Sarrazin aus, sie wollten mit ihm diskutieren. Inzwischen gibt es solche Vätergruppen auch in Köln und in Frankfurt, in Hamburg soll demnächst eine gegründet werden.

Es bewegt sich doch etwas

Die oben beschriebenen Beispiele von Veränderungsprozessen weisen auf eine neue gesellschaftliche Dynamik hin. Diese bezieht sich auf die Motivationslage und die Aktivitäten der Eltern. Die Dynamik hat sich noch nicht in der Statistik niedergeschlagen. Bis eine Entwicklung auf den Begriff gebracht oder in korrekte Zahlenkolonnen gegossen ist, dauert es, möglicherweise hat sich die Gesellschaft dann schon wieder weiter verändert.

So gelten vielen Erziehungswissenschaftlern und Pädagogen Sarrazins Thesen nicht als völlig falsch, wohl aber für überholt. Sybille Volkholz, die ehemalige Berliner Schulsenatorin, meint dazu: "Die Daten haben sich inzwischen verändert. Auch der Anteil der Gymnasiasten ist kontinuierlich gestiegen. Es stimmt einfach nicht, dass sich bei den Schülern mit Migrationshintergrund nichts bewegt."

Hoher Bildungsanspruch

Nun ist auch eine empirische Untersuchung erschienen, die die oben beschriebene Dynamik in der Tendenz bestätigt. Der Soziologe Jörg Dollmann hat auf Grundlage der Daten, die das Mannheimer Zentrum für Europäische Sozialforschung erhoben hat, eine Dissertation über "Türkischstämmige Kinder am ersten Bildungsübergang" veröffentlicht.

Das Fazit: Bei gleichen Leistungen und vergleichbarem sozialen Hintergrund wechseln türkischstämmige Grundschulkinder häufiger auf anspruchsvolle Schultypen als deutsche Kinder. Dollmann schreibt: "Mich hat interessiert, ob Türken aufgrund ihrer allgemein oft schlechteren Bildungssituation auch zurückhaltendere Bildungsentscheidungen treffen. Aber ganz im Gegenteil: Der Bildungsanspruch ist in den türkischen Familien höher, dies wirkt bestehenden Defiziten entgegen."

Bei Musa Özdemir, Lehrer an einer Brennpunktschule in Berlin-Kreuzberg, rufen inzwischen immer mehr Eltern an. Sie wollen, dass ihre Kinder aufs Gymnasium oder in die Realschule gehen, und sie bitten ihn um Hilfe. Derweil ärgert sich seine Kollegin Christel Lager darüber, dass das Bild der Türken bei den Deutschen anscheinend unverrückbar feststeht. "Türken, das heißt bei vielen: Die liegen uns auf der Tasche, sind ungebildet und entweder Gemüse- oder Drogenhändler. Doch was wissen sie schon über den türkischen Mittelstand?"

Kleinere Wohnung für teurere Schule

Die Ausdifferenzierung der türkischenCommunity in Mittel- und Unterschicht ist längst in vollem Gange. Für den sozialen Aufstieg spielt nicht nur der ökonomische Hintergrund der Familie eine Rolle, wesentlich ist der Bildungswille. "Ich kenne Familien, die in kleinere Wohnungen umgezogen sind, um mit dem gesparten Geld die Schule zu bezahlen." Irfan Kumru ist der Koordinator der privaten deutsch-türkischen Bildungseinrichtungen von "Tüdesb" in Berlin.

1994 hat es mit Nachhilfeunterricht für die Migrantenkinder angefangen, heute gehören drei Kindergärten, eine Grundschule, die sich an der Montessori-Methode orientiert, eine Realschule und ein Gymnasium dazu. "Tüdesb" werden Berührungen mit der Gülen-Bewegung nachgesagt. Aber was ist die Gülen-Bewegung? "Im Wesentlichen eine religionsfreundliche Aufstiegsbewegung der kleinen Leute, die dabei sind, wohlhabend zu werden und Bildungschancen für ihre Kinder wollen", erklärt Kumru. "Dabei setzen sie auf Integration durch Bildung und Dialog."

Bildung, Bildung, Bildung

"Tüdesb" hat inzwischen so viele Anträge, dass gar nicht alle Kinder aufgenommen werden können. Das Schulgeld fürs Gymnasium beträgt rund 350 Euro im Monat, für die Grundschule rund 300. Es gibt aber auch Ermäßigungen und einige Stipendien.

Bildung, Bildung, Bildung - der Trend kommt auch aus der Türkei zu den türkischen Familien in Deutschland. "Heute will in der Türkei jeder und jede studieren." Drei Millionen bewerben sich jedes Jahr, 450.000 können an den Hochschulen aufgenommen werden. Inzwischen gibt es in allen achtzig Provinzen des Landes eine Universität. "Die Türkei", sagt Irfan Kumru, "ist zum Vorbild für die deutschen Türken geworden."