bedeckt München 31°

Privatschulen:Beten und lernen

Weil sie dem Staat misstrauen, schicken in Bayern immer mehr Eltern ihre Kinder auf kirchliche und private Schulen.

Kriegsführung wird nicht mehr unterrichtet in Ettal, und auch sonst hat das Benediktinergymnasium nichts vom elitären Gehabe einer einstigen Ritterakademie. Fechten gehört zwar immer noch zum Sportunterricht, auch die Sprachen und der Tanzkurs sind geblieben, trotzdem ist der adelige Nachwuchs längst in der Minderheit in der Klosterschule. Das Internat, idyllisch eingebettet im Graswangtal nahe Garmisch-Partenkirchen, ist eine von über 500 Privatschulen in Bayern, die derzeit einen Aufschwung erleben. Jeder zehnte Schüler im Freistaat besucht mittlerweile eine private Schule, das liegt deutlich über dem Bundesdurchschnitt von 6,7 Prozent.

Schulparadies im oberbayerischen Graswangtal: Kloster Ettal beherbergt ein angesehenes Internat. Das morgendliche Gebet gehört zum selbstverständlichen Ritual.

(Foto: Foto: Gerard)

Die meisten bayerischen Privatschulen werden von kirchlichen Trägern geführt, daneben entstehen ständig neue Montessori- und Waldorf-Schulen. Ob Reformpädagogik, anthroposophische Methoden oder christliche Erziehung tatsächlich besser funktionieren, ist ungewiss, zuverlässige wissenschaftliche Untersuchungen über den Bildungserfolg von Privatschulen gibt es bislang nicht. Der Pisa-Schock und das schwindende Vertrauen in das staatliche Schulsystem lassen dennoch immer mehr Eltern nach Alternativen suchen.

Schonraum für die Kinder

Weil die Zöglinge "von jenem, was etwan in der Stadt der Jugent mechte Gefehrliches anscheinen, entfehrnet" seien, gründete Abt Placidus 1711 seine Ritterakademie bewusst im abgelegenen Ettal. Die Schüler abgeschottet von der Welt zu erziehen war der Gedanke, unbeeinflusst von Ablenkungen und Vergnügungen.

Auch 300 Jahre später streitet Schulleiter Pater Maurus Kraß nicht ab, dass es die abgeschiedene Lage seiner Klosterschule ein bisschen leichter macht, die Schüler von eventuellen schädlichen Einflüssen fernzuhalten. Einen "Schonraum für die Kinder" nennt er Schule und Internat. "Aber wir können und wollen keine Käseglocke sein", sagt der Benediktinerpater, der die Schule seit zehn Jahren leitet. So ist die Welt in Ettal nicht heiler als anderswo, auch die Schüler sind nicht durchwegs Musterknaben.

Allgemeine Unsicherheit

Wie andere Schulleiter musste sich auch Pater Maurus schon mit Drogen auseinandersetzen, mancher Schüler bleibt auch in dieser Schule sitzen - und trotzdem ist Pater Maurus sicher, dass es insgesamt ein bisschen besser läuft in Ettal. Dass immer mehr Eltern ihre Kinder auf kirchliche Schulen schicken wollen, führt Internatsleiter Frater Thomas Neumann auf eine allgemeine Unsicherheit zurück. Das Bildungssystem werde von vielen Eltern derzeit kritisch gesehen, ein kirchlicher Träger genieße dagegen mehr Vertrauen.

Werte sollen ihre Kinder lernen, das erhoffen sich die Eltern vom Ettaler Schulleben, das dem Kirchenjahr folgt, von regelmäßigen Gebeten geprägt ist, vom obligatorischen Sonntagsgottesdienst. Getauft müssen die Kinder sein, die aufgenommen werden wollen, ob katholisch oder evangelisch spielt keine Rolle. Klösterlich geht es trotzdem nicht zu auf dem Schulgelände, das Fußballspiel im Schatten der Basilika gehört genauso zum Alltag. Werteerziehung hat in Ettal mit Frömmelei nichts zu tun, "man muss es den Kindern vorleben", sagt Pater Maurus.

Auf den kirchlichen Aspekt lässt er seine Schule ohnehin nicht reduzieren. Er ist stolz darauf, dass in Ettal die Umstellung auf das achtstufige Gymnasium nahezu problemlos abgelaufen ist und der vielerorts beklagte Unterrichtsausfall bei ihm gegen Null tendiert. Sein Rezept heißt Flexibilisierung. "Wir wollen keinen geklonte staatliche Schule sein", betont er und so steht er zum Wochenend-Unterricht. Jeden Samstag müssen die Schüler in Ettal die Schulbank drücken - und haben eigentlich gar nichts dagegen. "Dafür haben wir keinen Nachmittagsunterricht", erzählen schon die Fünftklässler mit einem gewissen Stolz, um gleich noch aufzuzählen, welche Instrumente sie am Nachmittag spielen und wie viel Zeit für die vielen Sportangebote bleibt. "Die Kinder sollen Zeit haben, sich daheim in Vereinen zu engagieren und im Internat brauchen wir die Zeit zum gemeinsamen Leben", erklärt Pater Maurus die Entscheidung für den Samstagsunterricht.

In Ettal setzt man auf kleine Gruppen, so werden die Klassen im Latein- und Mathematikunterricht gedrittelt, um intensiver lernen zu können. Seine Lehrer seien möglicherweise engagierter als anderswo, es gebe tatsächlich Bewerber, die den sicheren Staatsdienst verlassen und für weniger Geld in Ettal arbeiten wollten.