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Ein geglückter Tandemsprung hat manches mit einer erfolgreichen Weiterbildung gemeinsam: Dafür muss man sich gut mit seinem Partner abstimmen.

(Foto: Mauritius Images)

Wer sich neben dem Beruf fortbilden will, braucht das Einverständnis seiner Familie, auch der eigenen Kinder. Wie man es gewinnt.

Von Christine Demmer

Die vor ihm liegenden Jahre würden nicht einfach werden, das war dem 32-jährigen Industriekaufmann Patrick Dülmen aus Sindelfingen bereits zu Beginn seiner Weiterbildung, die vor wenigen Monaten begann, vollkommen klar. Aber weil er, seine Frau und die sechsjährigen Zwillinge auf zwei regelmäßig aufs Konto fließende Gehälter angewiesen sind, kann sich der Familienvater eben nur nach Feierabend auf die Prüfung zum staatlich geprüften Betriebswirt vorbereiten. "Ich habe mir einen Zeitplan überlegt und will den konsequent durchziehen", sagt Dülmen. Er beschreibt, wie die Woche nach seinen Vorstellungen während der Weiterbildung ablaufen soll: An drei Abenden online lernen, am Samstag die Pflichtlektüre durchackern, Hausarbeiten schreiben und für Klausuren üben. "Meine Frau hat versprochen, mir den Rücken weitgehend freizuhalten", sagt der Kaufmann. Er hat damit beste Voraussetzungen geschaffen, um bis zum Abschluss die Motivation zu behalten.

"Ohne das Einverständnis der Familie hält man die Doppelbelastung einer berufsbegleitenden Weiterbildung nicht lange aus", warnt Robert Nabenhauer, systemischer Coach und Familientherapeut aus Steinach am Bodensee. Er selbst habe momentan beruflich so viel um die Ohren, dass er sich dasselbe Rezept verschrieben hat: Haarklein hat er Frau und Kindern auseinandergesetzt, warum er in diesem Herbst Entlastung von den alltäglichen Aufgaben braucht und lediglich an lange geplanten Gemeinschaftsaktivitäten teilnehmen kann. Bei ihm sei der Grund der ungewöhnlich hohe Arbeitsanfall, bei anderen sei es vielleicht die anstrengende Pflege eines Verwandten oder eben eine berufliche Weiterbildung, von der am Ende die ganze Familie profitiere. "Nur wenn alle den Grund verstehen und ausdrücklich damit einverstanden sind, dass es eine Zeit lang anders laufen muss als bisher, bekommt man das Commitment der Familie und damit den Kopf frei für andere Dinge", sagt der Coach.

Selbst kleinen Kindern, sagt Nabenhauer, könne man erklären, dass Mama oder Papa für eine gewisse Zeit eine Extra-Aufgabe übernommen hätten, für die es freilich am Ende eine Belohnung gebe - einen anderen Job mit mehr Freizeit oder mehr Geld auf dem Konto, was letztlich auch der Familie zugutekomme. Wenn seine Tochter fragt, warum er keine Zeit für sie habe, dann packt er die Erklärung in eine Geschichte, die sie versteht: "Du magst doch Pizza. Die können wir uns leisten, wenn der Papa arbeiten geht." Oder: "Du weißt doch, dass wir in Urlaub fahren wollen. Dafür muss ich jetzt ein bisschen mehr arbeiten." Die Methode sei nicht nur pädagogisch wertvoll, sondern habe den erfreulichen Nebeneffekt, dass man in Durchhängephasen freundschaftlich von der Familie angestupst werde: "Hey Papa, mach weiter, Du wolltest doch Pizza verdienen", sagt dann zum Beispiel das Kind. "Wenn wir unter Motivationsproblemen oder Müdigkeit leiden, dann gibt uns die Familie Kraft zum Weitermachen", meint Nabenhauer.

Wer beruflich aufsteigen oder sich fachlich neu orientieren will und zu diesem Zweck eine längere Weiterbildung auf sich nimmt, muss wissen: Der Weg zum Erfolg ist nicht nur mit guten Vorsätzen gepflastert. Zwingend erforderlich sind auch klare Ziele - denn warum sollte man sich den Stress sonst antun - sowie eine akribische Reorganisation aller bisher schon eingegangenen Verpflichtungen. Damit die zusätzliche Herausforderung einer nebenberuflichen Weiterbildung in den Alltag integriert werden kann, muss ein genauer Zeitplan her. Das Lernen muss feste Stunden in der Wochenplanung finden. Auch Freunde und Kollegen sollten wissen, dass man in der nächsten Zeit stärker eingespannt ist als sonst. Nahe Verwandte ohnehin - von ihnen kann man am ehesten Verständnis und Unterstützung erwarten.

Ohne das jedenfalls hätte Nancy Dietrich nicht durchgehalten. Die Textillaborantin wollte neue Perspektiven und entschied sich deswegen für eine Weiterbildung zur Technikerin der Fachrichtung Maschinenbau an der DPFA Akademie am Standort Chemnitz. Bewusst hatte sie sich für einen berufsbegleitenden Lehrgang entschieden, der immerhin 2600 Euro gekostet hat. Vier Jahre lang besuchte die junge Mutter jeden Dienstag- und Donnerstagabend sowie samstags den Unterricht. In dieser Zeit kümmerte sich ihr Lebensgefährte um das Kind. Auch ihre Eltern waren oft zur Stelle. So musste keiner der beiden beruflich kürzer treten. "Mein Partner und meine Familie haben mich sehr unterstützt", betont Dietrich. "So kann man die Doppelbelastung meistern."

Robert Nabenhauer macht noch auf einen weiteren Punkt aufmerksam: "Wer zusätzlichen Aufwand in seinen bestehenden Stundenplan hineinpacken will, muss dafür etwas herausnehmen." Das kann die Aufgabenverteilung in der Familie betreffen, die zeitweilige Einschränkung von Sport oder Hobby oder die berufliche Belastung. Darüber könne man mit dem Arbeitgeber sprechen und darauf hinweisen, dass die höhere Qualifikation schließlich auch für ihn von Vorteil sei. Möglicherweise stoße man bei der akribischen Sichtung seines Wochenplans auf Zeitfresser. Dann rät der Coach zur radikalen Maßnahme: "Das war Blödsinn. Das kann wegfallen." Und noch ein Tipp: Bestehende Freiräume besser auszunutzen, ist klug - doch sich ganz neue Zeitfenster zu eröffnen noch klüger. Anstatt zum Beispiel täglich eine Stunde auf dem Weg ins Büro im Stau zu stehen, kann man Bahn fahren - und dabei zügig lernen.

© SZ vom 16.10.2020
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