Private Hochschulen Skandal in Witten-Herdecke

Die älteste Privat-Uni Deutschlands muss ihren Medizin-Studiengang grundlegend reformieren oder schließen.

Von Von Tanjev Schultz

Anfang des Monats rief das Management-Zentrum der privaten Universität Witten-Herdecke (UWH) die Deutschen zur Teilnahme an einem "Depressionsbarometer" auf. Nun mag die Stimmung in Deutschland allgemein nicht die beste sein - an der einst viel gerühmten nordrhein-westfälischen Privatuniversität ist sie seit Freitag auf dem Tiefpunkt.

Denn der Fortbestand der ältesten privaten Universität in Deutschland ist gefährdet, ihr Image als Glanzlicht der deutschen Mediziner-Ausbildung erstmal dahin. Das Urteil des Wissenschaftsrats, der im Auftrag von Bund und Ländern Universitäten begutachtet, ist kurz und vernichtend. Man halte es "für nicht länger verantwortbar, die Medizinerausbildung in ihrer derzeitigen Form an der UWH fortzuführen", ist im Fazit eines am Freitag verabschiedeten Gutachtens zu lesen.

Ziel der Anfang der achtziger Jahre gegründeten UHW war es eigentlich, in der Medizinerausbildung alles besser zu machen als die staatlichen Universitäten. Der erste Präsident Konrad Schily warb in Talkshows für seinen "Reformstudiengang". In Hochschul-Rankings belegte Witten-Herdecke Spitzenplätze. Diese Zeiten sind vorbei. Der Vorsitzende des Wissenschaftsrats, Karl Max Einhäupl, moniert, medizinische Forschung sei in Witten "kaum sichtbar". Bei den Publikationen zeigten die dortigen Professoren keine nennenswerten Leistungen; Geld für die Forschung würde kaum eingeworben. "Das erfüllt einfach nicht den universitären Anspruch", sagt Einhäupl.

Was aber für den Anspruch der Wittener noch schlimmer wiegt: Einhäupl hält auch die Qualität der Lehre für mangelhaft. Bei zentralen Examensarbeiten schnitten manche Studentenjahrgänge im nationalen Vergleich weit unterdurchschnittlich ab. Auch die Abbrecherquote sei mit 30 Prozent zu hoch. "Da können wir doch nicht sagen, macht so weiter!", sagte Einhäupl.

Die UWH setzt sich zur Wehr. Ihr Präsident Wolfgang Glatthaar, der erst seit April im Amt ist, räumt einige Defizite ein. Dass aber die Kritik so harsch ausfällt, habe ihn "verblüfft". Die schlechten Werte bei den Examensarbeiten hält er für einen statistischen Fehler in der Rechnung des Wissenschaftsrats. "Ich kann das so nicht nachvollziehen". Und bei der Forschung stelle sich die Frage, "wieviel wir da wirklich selbst betreiben müssen". Immerhin kooperiere die Hochschule mit anderen Kliniken, deren Mitarbeiter auch die Wittener Studenten unterrichteten.

Vorerst wird das Studium in Witten jedoch zum Auslaufmodell. Will die Hochschule ihren Status als Universität nicht verlieren, darf sie vorerst keine neuen Studenten in der Medizin mehr aufnehmen. Innerhalb von drei Jahren soll der Studiengang entweder grundlegend reformiert werden oder verschwinden. Die anderen Studiengänger sind positiv beurteilt worden und müssen nicht um ihre Existenz bangen. Nordrhein-Westfalens Innovationsminister Andreas Pinkwart (FDP) kündigte an, das Land wolle die Uni bei ihrer Neukonzeption "intensiv begleiten". Finanzhilfen schloss er aus. Glatthaar zeigt sich fest entschlossen, seiner Alma Mater das Herzstück zu bewahren. Witten-Herdecke sei ohne Medizin "unvorstellbar". Die Uni-Leitung sei willens, alles zu tun, um den Studiengang zu retten - mag die Operation auch kompliziert werden.