Praktikumserfahrung Häuser bauen in Japan

Florian Heinzelmann studiert im sechsten Semester Architektur an der FH München. Zur Zeit arbeitet er als Praktikant bei einem Architekten in Tokio.

Von Florian Heinzelmann

Ich bin Stipendiat der Carl Duisberg Gesellschaft (CDG) und arbeite seit März in einem Architekturbüro in Tokio. Die Vorbereitungen für das Praktikum und die Bewerbung für das CDG-Stipendium haben viel Zeit in Anspruch genommen - bis zum Antritt des Praktikums über ein Jahr.

Rushhour in Tokio

(Foto: )

Bei der Auswahl der Stipendiaten kommt es bei der CDG nicht so sehr auf die Noten an. Es wird Wert auf ein schlüssiges Bewerbungsschreiben gelegt und natürlich muss man auch bei dem Vorstellungsgespräch einen guten Eindruck hinterlassen. Gute Kenntnisse über das Gastland werden erwartet.

Gut betreut

Die Vorteile eines Stipendiums liegen nicht nur in der finanziellen Unterstützung. Die CDG organisiert für ihre Stipendiaten auch Sprachkurse. Hier in Tokio werden außerdem reichlich Freizeitaktivitäten angeboten, da die CDG eine Zweigstelle vor Ort hat. Hilfe gibt es auch bei der Wohnungssuche oder bei Problemen bei der Suche nach einem Praktikumsplatz im Gastland.

In der Regel müssen CDG-Stipendiaten ihren Praktikumsplatz jedoch auf eigene Faust finden. Das ist aber gar nicht so schwer. Viele deutsche Firmen haben im Ausland Zweigstellen. Ich selbst hatte mir nach dem Besuch einer Ausstellung über Architektur in Japan die Adressen einiger Büros organisiert.

Bei Mitsuhiko Sato Architect and Associates, dem Architekturbüro, in dem ich arbeite, befindet sich zur Zeit alles im Umschwung. In der japanischen Presse wird häufig über Herrn Satos Arbeiten berichtet, es kommen immer mehr Anfragen aus dem Ausland und es gibt nun auch einen grösseren Auftrag für eine Modeboutiquenkette in ganz Japan - es geht um die Neugestaltung der Inneneinrichtungen aller Filialen. Über eine schlechte Auftragslage oder Mangel an Arbeit kann man also nicht klagen...

Das Büro ist personell unterbesetzt. Das bedeutet für die Angestellten von Montag bis Sonntag zu arbeiten. Manchmal mehr als sechzehn Stunden am Stück. Es ist deshalb auch nicht ungewöhnlich seine Kollegen vor dem Computer, auf der Bank oder unter dem Tisch schlafend zu sehen. Weil keine Zeit zum Heimfahren bleibt, geht es zum Duschen oft ins öffentlichen Bad.

60-Stunden-Woche

Die ersten Wochen habe ich auch die Wochenenden durchgearbeitet. Zum Glück habe ich von meinem Arbeitsplatz nur fünfzehn Minuten nach Hause - so ist mir der Rest erspart geblieben. Doch seit einem Gespräch mit Herrn Sato habe ich nun samstags und sonntags frei. Ich bin schliesslich nicht nur zum Arbeiten hier, sondern will auch etwas von diesem Land kennenlernen.

So arbeite ich jetzt ungefähr sechzig Stunden in der Woche. Einige wenige Male war ich bis fünf oder sechs Uhr morgens im Büro.

Schwierigkeiten hatte ich am Anfang mit den im Büro gängigen Computerprogrammen. Alle Befehle sind in Kanji oder Katakana dargestellt. Inzwischen arbeite ich jedoch ohne grössere Probleme damit. Ansonsten ist natürlich oft Modellbau angesagt, aber ich kann mich auch mit eigenen Ideen am Entwurfsprozess beteiligen.

Von der sprachlichen Seite gibt es wenig Probleme. Ich unterhalte mich entweder auf Japanisch oder, bei komplexen Sachverhalten, auf Englisch. Außerdem besuche ich zweimal die Woche einen Japanischkurs.

Ich wohne im Yoyogi koen Haus, einem Gaijin house (Ausländerwohnhaus) am Fusse des Yoyogi koen (Park). Das mag sich vielleicht etwas seltsam anhören, ist aber nichts anderes als eine grosse WG.

Das Haus liegt sehr zentral. Shibuya, Harajuku, Omotesando oder Shinjuku sind nicht weit entfernt. Obwohl zwei Bahnlinien fast direkt vor meiner Haustüre sind, fahre ich lieber mit dem Rad. So sehe die Stadt unter der Woche auch bei Tageslicht.

Das Freizeitangebot ist in Japan sehr groß. Man mietet sich mit Freunden eine Karaokebox und singt los - vom traditionell japanischen Lied bis zum deutschen Schlager. In japanischen Kinos laufen die Filme im englischen Original mit japanischen Untertiteln und in Tokio gibt es einige Stadtteile, die für ihr Nachtleben bekannt sind.

Beliebte Ausflugsziele sind Gärten, Museen und Galerien. Am Wochenende fährt man mit dem Zug aufs Land und geht beispielsweise in Hakone wandern, um anschliessend ein Bad in den zahlreichen Onsen oder Rotenburo (kleine Bäder gespeist durch heisse Quellen) zu nehmen.