Seiteneinstieg bei der Polizei BWLer auf Verbrecherjagd

Für gewöhnlich besuchen angehende Polizisten eine Polizeischule oder Polizeifachoberschule. In Bremen dürfen 20 Seiteneinsteiger direkt als Kriminalkommissare anfangen.

(Foto: dpa)

Der Leiter des Bremer Landeskriminalamtes hat Seiteneinsteiger als Kommissare eingestellt. Die bisherige Personalauswahl hält er aber nicht für diskussionswürdig.

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Bei der Polizei wird ausgiebig selektiert. Bewerber müssen etwa unter Beweis stellen, dass sie sportlich sind, sich viel merken und gut kooperieren können. Doch in den vergangenen Monaten wurde der Vorwurf laut: Die Polizei achte auf äußerliche Merkmalen wie Größe und Tätowierung, aber beim Charakter nehme sie es nicht so genau.

Inmitten der Diskussionen geht der Leiter des Bremer Landeskriminalamtes neue Wege: Im Sommer hat er 20 Seiteneinsteiger als Kriminalkommissare für den Vollzugsdienst eingestellt. Ein Novum in Deutschland.

SZ: Herr Heinke, Sie haben Kommissare ohne Polizeistudium eingestellt. Sind Sie mit der Auswahl der Bewerber und ihrer Vorbereitung auf den Polizeidienst so unzufrieden?

Daniel Heinke: Nein. Die Polizeiausbildung in Deutschland hat sich bewährt und genießt zu Recht international einen guten Ruf. Das ist jetzt ein Versuch, einen zusätzlichen Weg in den Beruf des normalen Kriminalbeamten zu schaffen. Die neuen Kollegen haben zum Beispiel Wirtschaftswissenschaften oder Informatik studiert und erste Berufserfahrungen gesammelt. Jetzt bilden wir sie berufsbegleitend fort - und ich hoffe, dass sie am Ende genau so profunde qualifiziert sind wie ihre Kolleginnen und Kollegen, die von Anfang an bei der Polizei gewesen sind.

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Aber nochmal: Sie schicken BWLer auf Verbrecherjagd. Was können die, was die Absolventen der Polizeifachoberschulen nicht können?

Es geht mir nicht darum, dass die Kollegen von außen den anderen Kommissaren etwas erklären können. Ich glaube aber, dass sie einen frischen Blick auf interne Verfahrensabläufe und die kriminalpolizeilichen Ermittlung bringen. Durch den anderen Bildungshintergrund gucken sie auf bestimmte Fragestellungen anders als jemand, der bei der Polizei sozialisiert worden ist.

Speziell der Polizei in Sachsen wurde zuletzt vorgeworfen, auf dem rechten Auge blind zu sein. Viele Beamte sind eher konservativ eingestellt. Sollen die Seiteneinsteiger auch die Kultur innerhalb der Polizei verändern?

Der Pilotversuch ist keine Reaktion auf aktuelle Ereignisse. Aber natürlich ist er auch eine Antwort auf eine kulturelle Frage. Unsere Gesellschaft verändert sich und wir haben es mit ganz neuen Herausforderungen zu tun. Die Konsequenz daraus ist für mich klar: Die Polizei der Zukunft muss vielfältiger sein. In Bremen und einigen anderen Polizeien gelingt es uns schon ganz gut, Polizisten beider Geschlechter und mit verschiedenem Migrationshintergrund zu rekrutieren. Jetzt wollen wir auch noch biographisch diverser werden.

Beschönigen Sie da nicht? In vielen Bundesländern gibt es eine Mindestgröße, die vor allem viele Frauen vom Polizeidienst ausschließt. Die Begründung: Jeder Polizist soll überall einsetzbar sein und zum Beispiel Täter überwältigen können. Mit dieser Haltung ist echte Diversität doch gar nicht möglich.

Ich bin der Überzeugung, dass wir perspektivisch nicht mehr den Anspruch haben können, dass jeder oder jede alles können muss. Wir werden uns in bestimmten Bereichen frühzeitig spezialisieren müssen. Welche Auswirkungen das auf Anforderungen wie die sportliche Leistungsfähigkeit, die körperliche Gesundheit und Mindestgrößen hat - die es in Bremen auch nicht gibt, kann ich noch nicht beurteilen. Aber wir werden sehr intensiv diskutieren müssen, ob das Bild der Einheitspolizistin und des Einheitspolizisten wirklich die zukunftsgerichtete Antwort auf unsere Personalrekrutierung für den Vollzugsdienst sein wird.

Wo stößt der Einheitspolizist an seine Grenzen?

Schon die Aufnahme eines Verkehrsunfalls gestaltet sich heute komplexer als noch vor einigen Jahren, die fortschreitende Digitalisierung macht auch vor KFZ-Angelegenheiten nicht Halt. Wenn Sie das auf das ganze Spektrum der Polizeiarbeit ausdehnen, stellen Sie fest: In der konkreten Einsatzsituation muss der Kollege oder die Kollegin heute sehr viel mehr können als früher. Diese Tendenz wird sich nach meiner Einschätzung verstärken, so dass es künftig nahezu unmöglich sein wird, in allen Bereichen gleichermaßen handlungsfähig zu sein.

Daniel Heinke ist Leiter des Landeskriminalamtes Bremen.

(Foto: privat)

An anderer Stelle wirkt sich die Digitalisierung noch stärker auf die Polizeiarbeit aus. Sie eröffnet etwa ganz neue Möglichkeiten der Überwachung. Sie führt aber auch dazu, dass Tausende Menschen kurzfristig zu Demonstrationen aufgerufen werden können und die Polizei entsprechend schnell reagieren muss. Brauchen Sie für diese Aufgaben nicht viel dringender Seiteneinsteiger?

Die Seiteneinsteiger sind Teil einer Gesamtstrategie. Wir werden weitere Spezialisten einstellen, die uns ohne Vollzugseigenschaft in der Kriminalpolizei dabei helfen werden, Kriminalität besser zu bekämpfen und Gefahren abzuwehren. Wir haben bereits einen Politikwissenschaftler eingestellt, eine Kriminologin, einen Islamwissenschaftler, wir stellen gerade Psychologen ein - Experten also, die mit besonderer Fachexpertise meine Ermittlerinnen und Ermittler unterstützen.

Wie kann man sich die Einarbeitung der Seiteneinsteiger in die Arbeit eines Kommissars vorstellen?

Wir haben die Kollegen direkt als Kriminalkommissarinnen und Kriminalkommissare eingestellt. Momentan sind sie aber nahezu vollständig in der Fortbildung. Dort lernen sie rechtliche Grundlagen kennen, Regeln des polizeitaktischen Vorgehens und auch ganz praktische Fähigkeiten wie den Gebrauch von Waffen oder wie man bei der Polizei ein Auto fährt.

Und wann dürfen sie selbst ermitteln?

Bei einigen Maßnahmen binden wir sie bereits ein. Vor zwei Wochen haben wir eine große Cannabisplantage in einem alten Luftschutzbunker ausgehoben. Da hat ein Teil dieser Kollegen die Einsatzkräfte unterstützt, die Plantage abzuernten. Kurz zuvor waren sie dabei, als wir einen See abgepumpt und nach Beweismitteln für ein Tötungsdelikt durchsucht haben. Nach zwei Jahren gehen sie dann für zwei weitere Jahre in den Kriminaldauerdienst, also den Bereitschaftsdienst der Kriminalpolizei, und schließlich in unterschiedliche Ermittlungskommissariate.

Gesetzt den Fall, ich möchte nun auch Kommissarin bei Ihnen werden. Wann nehmen Sie die nächsten Bewerber an?

Das Projekt ist ein Pilotversuch. Den lassen wir jetzt erst mal fünf Jahre laufen, um abschätzen zu können, ob sich das Modell bewährt. Für den Vollzugsdienst werden wir also bis dahin keine weiteren Seiteneinsteiger mit Vollzugseigenschaft einstellen. Wahrscheinlich wird es aber weitere interessante Einstiegsmöglichkeiten für Seiteneinsteiger geben. Da lohnt sich ab und zu ein Blick in unsere Stellenausschreibungen.

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