Pflegestudium:"Sie werden anders denken und andere Fragen stellen"

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Eine Altenpflegerin versorgt einen Patienten. Früher gab es nur den Weg über eine Ausbildung.

(Foto: imago/Westend61)

Pflege kann man mittlerweile auch in Deutschland studieren. Aber braucht es das überhaupt? Und wie verändert sich dadurch das Berufsbild?

Interview von Miriam Hoffmeyer

Pflegekräfte in Deutschland lernen ihren Beruf traditionell an einer Fachschule. Doch zunehmend entstehen auch pflegebezogene Studiengänge an den Hochschulen. Seit der Ausbildungsreform, die Anfang 2020 in Kraft trat, wurde das grundständige Pflegestudium als zweiter Zugangsweg gesetzlich verankert. Zum Wintersemester starteten etliche neue Pflegestudiengänge, weitere sind geplant. Die Professorin Astrid Elsbernd leitet den gemeinsamen Bachelorstudiengang Pflege der Universität Tübingen und der Hochschule Esslingen. Gerade in der Altenhilfe seien die beruflichen Anforderungen stark gestiegen, meint sie.

SZ: Frau Elsbernd, Essen austeilen, beim Duschen helfen, Kompressionsstrümpfe anziehen - aus Sicht vieler Menschen besteht Altenpflege aus einfachen Tätigkeiten. Braucht man dafür ein Studium?

Astrid Elsbernd: Der Beruf entwickelt sich ständig weiter. Die meisten alten Menschen, die heute Unterstützung brauchen, haben sehr komplexe chronische Erkrankungen, etwa Parkinson oder Demenz, oder sie leiden unter chronischen Schmerzen. International wird viel darüber geforscht, wie durch unterstützende Pflege eine hohe Lebensqualität erhalten werden kann: durch Mobilitätsförderung, richtige Ernährung, geistiges Training. Die Pflege älterer Menschen auf dem aktuellen Wissensstand ist also sehr anspruchsvoll - geradezu die Königsdisziplin der Versorgung. Bisher kommen neue Erkenntnisse aus der Forschung aber nur sehr langsam in der Praxis an.

Wird sich das durch die neuen Studiengänge ändern?

Ja, denn die Hochschulen haben Anschluss an die internationale Wissenschaft und Forschung. Die Absolventinnen und Absolventen wissen, wo sie etwas nachlesen können und wie sie auf dem Laufenden bleiben. Übrigens ist es in den meisten Ländern Europas die Norm, dass Pflegekräfte an Hochschulen ausgebildet werden. Das Pflegestudium in Deutschland war ein überfälliger Entwicklungsschritt. Daneben bleibt die Fachschulausbildung ja erhalten. Langfristig rechne ich damit, dass ein Fünftel aller Pflegekräfte Hochschulbildung haben wird.

Kritiker befürchten, dass akademisch gebildete Pflegekräfte vor allem in Verwaltungs- und Beratungsjobs streben werden.

Unsere Studierenden wollen alle am Bett arbeiten. Sie werden später auch Steuerungs- und Konzeptionsaufgaben übernehmen, aber ansonsten dieselbe Arbeit machen wie alle anderen. Aber sie werden anders denken und andere Fragen stellen. Auch die Altenhilfe braucht solche hoch qualifizierten Kräfte. Unser neuer Studiengang ist aus einem Modellstudiengang hervorgegangen, dessen erste Studierende im Jahr 2022 ihren Abschluss machen. Sie bekommen jetzt schon Jobangebote von Einrichtungen, in denen sie Praxiseinsätze hatten. Einige Einrichtungen bieten sogar an, ihre Bafög-Schulden zu übernehmen.

Pflegestudium: Astrid Elsbernd ist Professorin für Pflegewissenschaft an der Hochschule Esslingen.

Astrid Elsbernd ist Professorin für Pflegewissenschaft an der Hochschule Esslingen.

(Foto: Hannes Schramm)

Wie groß war das Bewerberinteresse an dem neuen Studiengang?

Wir hatten für die 30 Plätze etwa zweimal so viele Bewerbungen. Das Pflegestudium ist auch eine Chance, mehr Abiturienten, die sich für das Gesundheitswesen interessieren, als Nachwuchs zu gewinnen. Noch in den Achtzigerjahren hatte ein großer Teil der angehenden Pflegekräfte Abitur. Aber die drastischen Personalkürzungen in den Neunziger- und Nullerjahren und die daraus folgenden schlechten Arbeitsbedingungen haben diese Bewerbergruppe abgeschreckt - und den Pflegeberufen unendlich geschadet. Jetzt wird wieder mehr eingestellt, aber das Personalniveau der Achtzigerjahre ist immer noch nicht wieder erreicht.

Aktuell wird im Auftrag der Bundesregierung ein Personalbemessungsinstrument für die stationäre Langzeitpflege entwickelt. Laut Zwischenbericht fehlen vor allem Assistenzkräfte.

Wenn die Pflege überwiegend von Assistenzkräften geleistet wird, ist das schlicht eine Missachtung der komplexen Pflegebedürfnisse älterer Menschen. Hoch qualifizierte Pflegekräfte sind kein Luxus. Ohne sie ist schlicht keine angemessene Versorgung möglich.

© SZ/jup
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