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Berufsbegleitender Master in Theologie:"Als Quereinsteiger ist man oft in theologischen Kreisen ein Outsider"

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Manche entscheiden sich erst mit mehr als 40 Jahren für den Pfarrberuf. Oft können sie Wissen aus dem alten Beruf in den neuen einbringen.

(Foto: dpa)

Mit Studiengängen werben Kirchen um Berufserfahrene, die Pfarrer oder Pfarrerin werden wollen. In den Gemeinden sind sie willkommen, aber sie werden auch kritisch beäugt.

Von Joachim Göres

Dirk Wagner hat Vermessungswesen an der Fachhochschule Oldenburg studiert und dann fast 30 Jahre lang als Vermesser und Bauleiter gearbeitet, unter anderem im Gasleitungs- und Straßenbau. "Das war eine anstrengende, aber auch sehr erfüllende Tätigkeit", sagt Wagner, der Ingenieur. Im Alter von 50 Jahren entschließt er sich, noch mal etwas ganz anderes zu machen: Er bewirbt sich für das sechs Semester dauernde Studium "Master of Theology" an der Universität Marburg, ein berufsbegleitender Studiengang, der alle drei Jahre angeboten wird.

Ein Abschluss in einem nicht-theologischen Studiengang sowie fünf Jahre Berufserfahrung sind Voraussetzung. Zudem schreibt man in der Aufnahmeprüfung einen theologischen Essay und muss seine Bibelkenntnisse nachweisen und 25 Fragen beantworten, wie "In welchem neutestamentlichen Brief wird auf Evas Sünde verwiesen und was stimmt in dieser Auslegung nicht?".

"Durch meine hohe Arbeitsbelastung fühlte ich mich schlecht auf die Prüfung vorbereitet und wollte schon vorher aufgeben, doch man ermutigte mich wegen meiner Vorkenntnisse als ehrenamtlicher Laienprediger", erinnert sich Wagner und fügt hinzu: "Ich gehörte dann zu den 27, die mit dem Studium beginnen durften." Sie sind ein bunter Haufen, zwischen Mitte 30 und 60, Juristen, Medizinerinnen, Journalistinnen, Manager, etwa gleich viele Frauen und Männer.

Berufsbegleitendes Studium - das bedeutet für Wagner, abends nach der Arbeit Texte zu studieren und Aufgaben zu lösen. Das bedeutet, an zahlreichen Wochenenden sowie an zehn Präsenzwochen in der Evangelischen Akademie Hofgeismar zusammen mit den Mitstudierenden Themen wie Exegese des Alten und Neuen Testaments, Gottesbilder in der Geschichte, Dogmen und Bekenntnisse, Religion in gesellschaftlichen Kontexten oder Theologiegeschichte von der Reformation bis in die Gegenwart zu vertiefen. Das bedeutet, am Ende innerhalb von drei Monaten eine Masterarbeit zu schreiben.

"Wenn man wie ich in der Zeit voll arbeitet, ist das schon eine enorme Belastung. Da kann es auch zu Krisen in der Familie kommen", sagt Wagner, der für das dreijährige Studium rund 10 000 Euro bezahlte. Er betont das Positive: "Die Seminare in Hofgeismar wurden immer von zwei Marburger Professoren geleitet, die manchmal auch unterschiedlicher Meinung waren. Das waren spannende Diskussionen und ein ganz toller Kontakt, auch durch die intensiven Gespräche abends nach den Seminaren. Das war eine sehr erfüllte Zeit, eine der schönsten Zeiten überhaupt." In seinem Jahrgang schafften 24 der 27 Studierenden in der vorgesehenen Zeit den Abschluss.

Wagner wählte das Studium, um wichtige theologische und ethische Fragen für sich zu klären, nicht um unbedingt den Beruf zu wechseln. Als er fertig war, stand jedoch für ihn der Entschluss fest, als Pastor arbeiten zu wollen. Er kündigte seine Stelle als Bezirksleiter bei einer Baufirma und begann in einer evangelischen Kirchengemeinde in Kassel mit einem zweijährigen Vikariat, die praktische Ausbildungsphase auf dem Weg in den Pfarrberuf. "Dadurch verdiente ich viel weniger Geld als zuvor und musste mir für die Zeit in Kassel noch eine zweite Wohnung nehmen. Das war schon eine Umstellung."

Das berufsbegleitende Studium verzichtet auf den Latein-Unterricht

In der Kirchengemeinde fühlt er sich willkommen. Doch er bemerkt bei einigen Personen eine gewisse Reserviertheit. "Als Quereinsteiger ist man oft in theologischen Kreisen ein Outsider. Das wird nicht offen ausgesprochen, aber es ist zu spüren, dass man nicht als richtiger Theologe angesehen wird, dass einem der Stallgeruch fehlt", sagt Wagner. Er sieht es für seine Arbeit in der Gemeinde nicht als Nachteil an, in einem anderen Beruf gearbeitet zu haben: "Normale Menschen schätzen es, wenn man die Berufswelt kennt und ihnen bei Konflikten helfen kann."

Die theologische Kritik an Quereinsteigern wie Wagner entzündet sich unter anderem an deren Fremdsprachenkenntnissen. Das reguläre Theologiestudium dauert fünf Jahre; es müssen grundlegende Kenntnisse in Latein, Griechisch und Hebräisch nachgewiesen werden. Im berufsbegleitenden Studium wird auf Latein verzichtet. In Griechisch und Hebräisch reichen für die Studierenden sogenannte funktionale Sprachkenntnisse aus, sodass sie mit Hilfsmitteln einfache biblische Texte erschließen können. "Ich hatte Griechisch- und Hebräischkurse schon früher besucht. Wenn ich meine Predigt schreibe, übersetze ich zunächst den jeweiligen Text ins Deutsche. Die meisten vollausgebildeten Theologen können die Sprachen doch gar nicht mehr", entgegnet Wagner.

Letztlich sind Kirchengemeinden froh, wenn sie ihre Pfarrerstellen überhaupt besetzt bekommen. Nach Schätzungen der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) gehen in den nächsten zehn Jahren 30 bis 40 Prozent der Pastorinnen und Pastoren in den Ruhestand. Angesichts des übersichtlichen Interesses von jungen Leuten an diesem Beruf gibt es seit einiger Zeit weitere Studiengänge für Menschen mit einem Hochschulabschluss und mindestens fünf Jahren Berufserfahrung, die als Quereinsteiger Evangelische Theologie studieren möchten.

An der Kirchlichen Hochschule Wuppertal/Bethel startet in diesem Frühjahr erstmals der Masterstudiengang "Theological Studies". Wie beim neuen Masterstudiengang "Theological Studies" an der Universität Greifswald kann man zwischen einem Präsenzstudium in zwei Jahren und einem berufsbegleitenden Studium in drei Jahren wählen. Die Universität Heidelberg bietet den vier Semester dauernden Masterstudiengang "Theologische Studien" für diejenigen an, die sich für einen Quereinstieg ins Pfarramt der Badischen Landeskirche interessieren.

Quereinsteiger bringen ihre beruflichen Erfahrungen in den Pfarrdienst ein

Die Universitäten Frankfurt/Main und Mainz haben gemeinsam den drei Jahre dauernden berufsbegleitenden Masterstudiengang "Evangelisch-Theologische Studien" entwickelt. Kirchenrätin Rebecca Müller freut sich auf die Bewerber: "Wir machen gute Erfahrungen mit Quereinsteigerinnen und Quereinsteigern. Sie bringen ihre beruflichen Erfahrungen aus verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen mit ins Theologiestudium und Vikariat. Damit bereichern sie unsere Kirche und den Pfarrdienst."

In Marburg kann man sich noch bis Oktober für den im nächsten Jahr wieder beginnenden berufsbegleitenden Studiengang bewerben. Seit dem Start der ersten Studiengruppe im Jahre 2007 habe sich die Zahl der Bewerber deutlich erhöht, sagt Studiengang-Koordinatorin Daniela Linke. Und noch etwas anderes habe sich geändert: "Durch die vielen sehr guten Absolventinnen und Absolventen unsere berufsbegleitenden Masterstudiengangs ist die Akzeptanz des Studiengangs unseres Erachtens in einigen Landeskirchen, die zu Beginn eher skeptischer waren, deutlich gestiegen."

Dirk Wagner ist heute 61 Jahre alt. Mit einer halben Stelle arbeitet er als Industrieseelsorger. Er geht in Betriebe, berät Hilfesuchende, vermittelt bei Konflikten. "Die Leute kommen zu mir, weil sie wissen, dass ich unabhängig bin und sie mir vertrauen können", sagt er. Mit seiner anderen halben Stelle ist er in der Evangelischen Studentinnen- und Studentengemeinde Hannover tätig. Dort hat er es auch mit jungen Menschen zu tun, die unsicher in ihrer Fächerwahl sind.

Wagner hört zu und versucht im Gespräch, gemeinsam eine Perspektive für die Zukunft zu finden. Es ist dabei nicht von Nachteil, dass er selbst als junger Mann nach vier Semestern ein Theologiestudium abbrach. Wagner: "Das war ein Misserfolgserlebnis und dennoch eine wichtige Erfahrung. Ich kann gut verstehen, wie sich jemand fühlt, der an sich und seiner Studienwahl zweifelt." Seinen kurvenreichen Weg zum spät berufenen Pastor hat er nicht bereut.

© SZ vom 05.03.2021
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