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Parlamentswahlen:Spaniens verlorene Generation

Viele junge Spanier zieht es wegen der hohen Arbeitslosigkeit ins Ausland. Das fällt ihnen schwer, denn die Eltern lebten etwas anderes vor. Doch unabhängig vom Ausgang der Parlamentswahlen an diesem Sonntag glaubt die Jugend nicht an eine rasche Besserung - und nimmt sich die Großeltern zum Vorbild.

José Ángel Risco ist angenehm überrascht von Deutschland. Es gehe weniger engstirnig zu, als er dachte, die Löhne seien höher, es gebe mehr Ferien, der Umgang am Arbeitsplatz sei "professioneller" als in Spanien. Mit der Sprache kämpft er noch, die deutschen Deklinationen findet er "bestialisch". Doch eine Rückkehr nach Spanien kommt für den 30-Jährigen, der in München eine PR-Agentur betreibt, angesichts der Krise vorerst nicht in Frage.

Viele Spanier protestierten eine Woche vor den Parlamentswahlen in Madrid unter anderem gegen die hohe Arbeitslosigkeit. Viele junge Menschen ahnen, dass sich ihr Land neu erfinden muss. Solange suchen sie ihr Glück im Ausland.

(Foto: AFP)

Viele junge, gebildete Spanier wie Risco suchen angesichts von 21 Prozent Arbeitslosigkeit zu Hause ihr Glück im Ausland. Die Mobilität fällt den 30-Jährigen schwer, denn von ihren Eltern bekam sie etwas anderes vorgelebt: Seit der Rückkehr zur Demokratie 1975 ging es aufwärts; der EU-Beitritt 1986 und der Boom um 2000 erweckten den trügerischen Eindruck stetig wachsenden Wohlstands, der den Trend zur Sesshaftigkeit verstärkte. Das eigene Haus ist in Spanien traditionell das höchste Gut, das begünstigte die Immobilienspekulation. Hunderttausende sitzen seit dem Platzen der Blase auf grotesk überteuerten Wohnungen; der Bausektor, lange einziger Motor der Wirtschaft, ist kollabiert. Fast die Hälfte der unter 25-Jährigen ist arbeitslos, viele schlagen sich mit Schwarzarbeit durch. Oder die Familie hilft.

Doch die junge Generation ahnt, dass Spanien sich neu erfinden muss. Viele nehmen die Herausforderung an, wollen ihren Horizont erweitern. Seit Angela Merkel im Februar sagte, Deutschland brauche Ingenieure, melden Sprachschulen, die Deutsch anbieten, Zuwächse von 30 bis 70 Prozent. Die deutschen Handelskammern in Spanien veranstalten Berufsmobilitäts-Seminare, die riesiges Echo finden. "Angela-Effekt" heißt das. Auch Lateinamerika lockt, spanische Firmen machen dort große Gewinne.

Dass die spanische Wirtschaft Potential hat, nicht nur im Tourismus, sondern auch im Export von Industriegütern oder dem Ausbau alternativer Energien, bezweifelt niemand. Was sich ändern müsse, sei eine Mentalität, die einer Generation von ihren Eltern eingeimpft worden sei, sagt Carlos Knapp-Boelticher, Präsident der Madrider Filiale des Vereins Deutscher Ingenieure: "Alle wollen zum Staat, wie in Griechenland." Vor 40 Jahren habe Spanien ausgezeichnete handwerkliche Spezialisten gehabt, sagt Knapp-Boelticher, doch die seien "ausgestorben". In Madrid wimmele es stattdessen von Anwälten.

Doch er sieht "Licht am Ende des Tunnels". Als Arbeitskräfte seien Spanier "anständig und zuverlässig". Sie lernen schnell und "arbeiten phantastisch", sagt er, nur müssten viele "bescheidener und effizienter" werden. Die Ingenieursausbildung etwa sei zu starr, zu theoretisch. Es gebe immerhin Ansätze, das deutsche duale System einzuführen, das sei der richtige Weg zum dringend nötigen Praxisbezug. Er hofft, dass die künftige Regierung die Gründung kleiner und mittlerer Firmen erleichtere. Immerhin sei die junge Generation deutlich "weniger introvertiert" als die vorherige.

Die Großeltern als Vorbild

Auf die Politik wollen junge Spanier nicht warten, unter ihnen ist die Zahl der Nichtwähler besonders hoch. Lieber setzen sie auf Eigeninitiative, und nehmen dabei ihre Großeltern zum Vorbild. "Wir sind die neuen Gastarbeiter, nur bringen wir Laptop und Diplom mit und keinen Karton mehr mit Wurst und Sardinenkonserven wie die Auswanderer der 60er Jahre", sagt Paula Barceló aus Málaga, die in Deutschland arbeitet.

Erst langsam setze sich bei spanischen Eltern die Ansicht durch, dass die Emigration kein Drama sei, sondern eine Chance, sagt Antón Pradera, Vorstand der CIE Automotive, dem größten börsennotierten Autozulieferer Spaniens. Sein Sohn arbeitet in Shanghai und finde es "toll". Spanier seien gut im Management, sagt Pradera, deshalb würden etwa Großflughäfen weltweit von spanischen Firmen geführt. Pradera ist Optimist: "Wir haben viele Krisen erlebt und sind immer wieder herausgekommen."

Die Mobilität führe erstmal zu einem "Braindrain", zu einem Verlust von Kompetenz im Land, fürchtet Jose Ángel Risco. Die Zeitung El País fordert: "Geht in die Fremde, aber kehrt zurück!" Spanien brauche Impulse. Auch da kann die Großeltern-Generation Vorbild sein. Eine halbe Million Spanier kam in den 60er Jahren als Gastarbeiter nach Deutschland, 80 Prozent kehrten zurück und halfen, den ersten Wohlstand zu begründen.