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Eckart Liebau vom Rat für Kulturelle Bildung findet es wichtig, dass Schulen noch stärker auf die Qualifikation von Kursleitern achten. In diesem Zusammenhang regt er bestimmte Qualitätskontrollen an, etwa Zertifikate.

Professor Eckart Liebau ist Pädagoge und Vorsitzender des Rats für Kulturelle Bildung, der sich dafür einsetzt, dass künstlerischen Angeboten an Schulen ein ebenso großer Stellenwert eingeräumt wird wie den Kernfächern. In seiner Studie "Kulturelle Bildung an Ganztagsschulen" konstatiert der Rat Nachholbedarf bei der Qualifizierung des dafür zuständigen Personals für die entsprechenden Aufgaben.

Warum sind kulturelle Bildungsangebote gerade für Grundschüler wichtig?

Eckart Liebau: Kinder brauchen diese Bildung in den Künsten aus anthropologischen und gesellschaftlichen Gründen. Es geht dabei auch um Wahrnehmungs- und Gestaltungsfähigkeiten: Wir lernen, differenziert zu sehen, durch Zeichnen und Malen, differenziert zu hören, durch Musik. Und uns differenziert zu bewegen und etwas darzustellen, durch Tanz und Theaterspiel. Wir bilden unsere Vorstellungen und Fantasien wesentlich an literarischen Texten und eigenem Schreiben aus.

Nur durch die Auseinandersetzung mit Kultur bekommen junge Menschen den nötigen Horizont und die nötigen Fähigkeiten, um sich in der Gesellschaft bewegen zu können. Die Grundschulen sind besonders gefordert, eine qualitativ hochwertige kulturelle Grundversorgung zu bieten, weil hier die Grundlagen vermittelt und alle Kinder erreicht werden können. Doch in der Lehrerbildung spielt kulturelle Bildung bisher keine zentrale Rolle, sodass oft Lehrer künstlerische Fächer unterrichten, die im Studium nicht dafür ausgebildet wurden. Deshalb sind qualitativ hochwertige Ergänzungsangebote in Grundschulen so wichtig.

Wie ist es um die Qualität dieser Ergänzungsangebote im Ganztag bestellt?

Inhaltlich und qualitativ ist die Bandbreite der Angebote riesig. Meist geben sich die Schulleitungen große Mühe, geeignete Kooperationspartner zu finden. Doch ist das Budget, das den Schulen zur Verfügung steht, begrenzt. Das führt zu Auswahlkriterien, die nicht nur nach pädagogischer Qualität fragen, sondern vor allem nach Finanzierbarkeit und Erreichbarkeit. Dann landet man bei Personen, die man kennt, manchmal sind das Eltern. Oder man landet bei den Vereinen oder Musikschulen am Ort, die als verlässliche Partner gelten. Jede Schule entscheidet selbst. Die Frage ist, ob das auf Dauer eine gute Lösung ist oder ob man doch stärkere Regelungen zur Qualitätskontrolle und Qualitätsentwicklung in diesem Bereich braucht.

Wie kann Qualitätskontrolle aussehen?

Man könnte von den Betreuungspersonen Nachweise über die Teilnahme an speziellen Fortbildungsangeboten verlangen oder Zertifikate fordern. Lehrer müssen eine umfangreiche Ausbildung haben und alle möglichen Prüfungen machen, bevor sie auf die Kinder losgelassen werden. Es ist eine komplizierte Sache: Den Eltern geht es darum, dass die Kinder gut betreut werden, gleichzeitig haben sie, ähnlich wie das Land und die Kommunen, ein Interesse daran, dass es nicht zu teuer wird. Wenn man aber mit hohen Qualitätsmaßstäben drangeht, wird es teuer. Deshalb ist die Frage, in welchem Umfang das eine öffentliche Aufgabe wird und wer dann die Kosten trägt. Und das ist eine politische Frage, die auch politisch entschieden werden muss.

Welche Fehler werden in der Ganztagsschule gemacht?

Ein zentrales Problem ist die Frage der Verzahnung von schulischem Unterricht und Betreuungsangeboten. Das betrifft die inhaltliche und personale Seite, etwa, wenn die Beteiligen einander entweder gar nicht kennen oder völlig getrennt voneinander agieren. Man braucht eine Ebene, auf der sich die verschiedenen Akteure treffen können und es einen Austausch gibt, der sich auf die Entwicklung eines Konzepts für die Schule bezieht. Da sind immer wieder neue Abstimmungsprozesse nötig.

Gibt es Kinder, die mehr davon profitieren, wenn sie mittags heimgehen?

Das ist eine alte, schwierige Diskussion. Eine gute gebundene Ganztagsschule ist für viele Kinder unter den gegenwärtigen gesellschaftlichen Bedingungen sehr hilfreich, also wenn beide Eltern berufstätig sind oder wenn die Familie Bildungsprozesse nicht möglich machen kann. Und sie wäre gut für die soziale Integration. Aber sie ist nicht von vornherein der Weg der Seligkeit für alle Kinder. Nachmittags können Kinder in Sportvereine gehen oder an einer Musikschule ein Instrument erlernen. Oder sie haben schlicht Spielfreizeit. Diese Möglichkeiten muss die Ganztagsschule erst einmal auffangen.

Sind Befürchtungen, Kinder könnten in der Ganztagsschule ohne Rücksicht auf ihre persönlichen Neigungen und Begabungen betreut werden, begründet?

Ich glaube nicht, dass da die große Gleichmachungsmaschine am Werk ist. Es geht bei den Betreuungsangeboten darum, unterschiedlichen Interessen Raum zu geben und unterschiedliche Perspektiven zu eröffnen. Das ist in größeren Schulen natürlich leichter möglich, weil man da differenziertere Angebote machen kann.

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Quelle:
SZ vom 18.10.2019
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