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Orientierungsstudium:Auf Schnuppertour in Fakultäten

Einige Hochschulen bieten ein Orientierungsstudium für Abiturienten an.

Von Benjamin Haerdle

Das ist eine schwierige Wahl: Ungefähr 20 000 Studiengänge werden derzeit an Deutschlands Hochschulen angeboten - diese Zahlen stammen aus dem Hochschulkompass der Hochschulrektorenkonferenz. Welcher Studiengang zu einem passt, ist für Schulabgänger oft schwer herauszufinden. Auch Florian Wätzold war sich nicht ganz sicher: Er schwankte, ob er an der TU Berlin Maschinenbau oder Elektrotechnik studieren sollte. Informationsveranstaltungen wie etwa die Lange Nacht der Wissenschaft oder der Tag der offenen Tür reichten ihm nicht aus. "Ich wollte genauer erfahren, was die Inhalte der verschiedenen Ingenieurwissenschaften sind, wie sie sich unterscheiden, und das dann auch in Kursen, Seminaren und Projektarbeiten ausprobieren", sagt er. Wätzold nutzte dafür das zweisemestrige Orientierungsstudium Mintgrün, das die TU Berlin seit 2012 anbietet. Noch unentschlossene Schulabgänger mit Hochschulzugangsberechtigung können ein solches Studium in Mathematik/Natur- und Ingenieurwissenschaften starten.

Einst für 100 Studenten geplant, haben sich im Jahr 2018 bereits knapp 600 Teilnehmer für Mintgrün immatrikuliert. "Sie können gemeinsam mit den regulär Studierenden circa 70 Module in Mint-Fachrichtungen besuchen", sagt Mintgrün-Koordinator Christian Schröder. Das Angebot richte sich an jene, die noch nicht genau wissen, welches Mint-Fach sie studieren wollen, oder die herausfinden möchten, ob eine Hochschulausbildung überhaupt für sie infrage kommt und wenn ja, welche. "Das Orientierungsstudium soll keine Wissenslücken schließen, sondern die Teilnehmer sollen reale Studienerfahrungen machen und dann eine fundierte Entscheidung treffen", sagt Schröder. Hochschulpolitisches Kalkül dahinter ist, die hohen Abbrecherquoten in den Mint-Fächern von circa einem Drittel zu senken und mehr junge Menschen sowie insbesondere Frauen für das Mint-Studium zu begeistern. Ungefähr die Hälfte der Teilnehmer setzt danach die Ausbildung an der TU Berlin fort - wie etwa Florian Wätzold, der mittlerweile im sechsten Semester Maschinenbau studiert. "Das Orientierungsstudium war sehr intensiv", erzählt der 26-Jährige. Wätzold machte Hausaufgaben mit den anderen Erstsemestern, schrieb die regulären Klausuren, belegte Module in Maschinenbau, Kurse in der Elektrotechnik sowie in Mechanik. Ein großer Vorteil: "Ich konnte mir die Kurse aus Mintgrün für das spätere Studium anrechnen lassen und sammelte so in den zwei Semestern circa 50 Credits, etwa 80 Prozent der notwendigen Credits für die ersten beiden Semester Maschinenbau", berichtet er.

Semesterauftakt Uni Koblenz

Interessiert mich dieses Fach wirklich? Orientierungsstudien sollen Abiturienten die Entscheidung für ein bestimmtes Fach erleichtern. Aber es geht auch darum, die Atmosphäre einer bestimmten Hochschule und das Lehrpersonal kennenzulernen.

(Foto: dpa)

Die Vielfalt solcher Orientierungsveranstaltungen ist bundesweit groß, wobei es sich kleinere Hochschulen meist nicht leisten können, ein ein- oder zweisemestriges Schnupperstudium zu organisieren. Die Technische Hochschule (TH) Deggendorf bietet zum Beispiel ein eintägiges Teststudium an. Professoren aus den Fakultäten, Studienberater und Hochschüler stehen für Fragen rund um das Thema Studium zur Verfügung; Interessierte können an Vorlesungen teilnehmen. "Die meisten wissen, dass sie studieren wollen, und viele wissen auch schon, in welchem Bereich", sagt Maria Gretzinger, Leiterin der Zentralen Studienberatung. Andere müssten sich noch entscheiden zwischen einander ähnelnden Angeboten. "Diese versuchen wir gezielt zu beraten, um ihnen die Entscheidung etwa zwischen VWL und BWL zu erleichtern", sagt sie. Oft geht es auch um eher allgemeine Fragen, etwa wie schwierig das Fach Mathematik im ersten Semester ist, wie man eine Wohnung findet oder wie sich das Studium finanzieren lässt. "Uns ist es vor allem wichtig, dass die Interessenten mit den Professoren und den Studenten ins Gespräch kommen", sagt Gretzinger. Dafür reiche ein Tag aus.

An der Johannes-Gutenberg-Universität (JGU) Mainz laden die Fachbereiche Chemie, Pharmazie, Geografie und Geowissenschaften zu einer Orientierungswoche ein. "Schüler können sich oft nicht vorstellen, was es bedeutet, einen Tag lang im Labor zu stehen, mit komplizierten Instrumenten umzugehen oder eine Vorlesung zu hören, für deren Lernerfolg sie im Wesentlichen selbst verantwortlich sind", sagt Jesco Panther, der die Schnupperwoche organisiert. Diese Erfahrungen, aber auch das Lebensgefühl von Hochschülern wolle man in der Woche vermitteln, erläutert der wissenschaftliche Mitarbeiter der Uni Mainz. Der Vorteil sei, dass die Teilnehmer in den fünf Tagen in den Alltag einer Universität eintauchen können. Die Schüler gehen beispielsweise für einen Tag ins Labor und stellen Paracetamol her. "Sie arbeiten wie regulär eingeschriebene Studierende der Chemie, erleben wie sie die gleiche Begeisterung, aber möglicherweise auch Frustration bei der Herstellung von Produkten", sagt Panther. Diese Erfahrungen seien wichtig für die jungen Menschen. "Wenn sie erst im Studium merken, dass diese besondere Art des Lernens nichts für sie ist, und sie die Studienrichtung wechseln wollen, verlieren sie womöglich unnötig Zeit", meint Panther.

Experimente

Eine Besonderheit des Orientierungsstudiums Mintgrün der TU Berlin sind die zahlreichen Möglichkeiten zu forschen. Seine eigenen Interessen erkunden kann man etwa in den Laboren für Robotik, Kreativität und Technik, Umwelt, Chemie oder im mathematisch-naturwissenschaftlichen Labor; www.mintgruen.tu-berlin.de.

Im Kennenlernstudium bietet die TH Deggendorf ein vielseitiges Programm mit Präsentationen, Labor- und Campusführungen. Außerdem kann man sich über Möglichkeiten für ein duales Studium informieren; www.th-deg.de/de/studieninteressierte/veranstaltungen-schulen/schnupperstudium-bewerbertag.

Die Schüler, die an der Orientierungswoche an der JGU in Mainz teilnehmen, lernen die Studienmöglichkeiten, die Hochschule und potenzielle Kommilitonen kennen. Während ihres Aufenthalts werden sie von Tutoren betreut; www.fb09.uni-mainz.de/schnupperstudium-fuer-schuelerinnen-und-schueler.

Die Teilnehmer des Leibniz Kollegs erproben Demokratie auf der Basis bestimmter Werte wie Achtsamkeit, Solidarität und gegenseitiger Respekt. Sie erlernen, wie man selbständig wissenschaftlich arbeitet und üben sich im Diskutieren über aktuelle gesellschaftliche und künstlerische Themen; uni-tuebingen.de/einrichtungen/verwaltung/stabsstellen/leibniz-kolleg/das-leibniz-kolleg.html. Benjamin Haerdle

Bereits im Jahr 1948 wurde das Studienjahr des Leibniz-Kollegs der Universität Tübingen ins Leben gerufen. Konzipiert als Propädeutikum und "Studium generale & sociale" in drei Trimestern, soll es generell die Urteilskraft und Vorstellungskraft stärken, aber nicht gezielt auf ein bestimmtes Fach vorbereiten. "Wir streben an, dass unsere Studierenden erlernen, kritisch zu reflektieren und Perspektiven zu wechseln", sagt Ursula Konnertz, wissenschaftliche Leiterin des Kollegs. Sie sollten laut Konnertz in der Lage sein, begründete Urteile zu fällen und diese zu verantworten. Das Kolleg führe in wissenschaftliches Arbeiten und in die Methoden der Fachwissenschaften ein; es gehe auch darum, kreatives wissenschaftliches Denken, neugieriges Fragen und Selbstreflexion zu fördern. In den Fachkursen, welche die Kollegiaten aus den Geistes- und Naturwissenschaften, Rechts- und Sozialwissenschaften sowie dem musischen Bereich und Sprachen wählen, lernen sie zudem, aktuelle wissenschaftliche Probleme und Fragen interdisziplinär zu diskutieren. Die Arbeit in den Fachseminaren soll die Studienwahl erleichtern.

Sarah Albrecht ist eine von den 53 Studierenden, die im Kolleg im Herbst 2016 einen Platz bekamen. "Ich tendierte zum Medizinstudium, doch ich wollte zunächst schauen, ob es nicht noch andere Perspektiven in der Wissenschaft gibt", sagt sie. Im Kolleg lernten sie und ihre Kommilitonen, interessiert und kritisch Dinge zu hinterfragen, Sachverhalte wirklich zu durchdringen. Im Oktober 2017 nahm die 21-Jährige an der Universität Münster das Medizinstudium auf. Mit ihren Erfahrungen aus dem Kolleg konnte sie im ersten Semester allerdings noch nicht viel anfangen. "Ich musste vor allem viel auswendig lernen, das war schon sehr frustrierend", erzählt sie. Doch das habe sich jetzt gebessert. "Das Lernen wird freier, da kann ich meine Erfahrungen aus dem Kolleg viel besser einbringen."

© SZ vom 08.03.2019
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