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Online-Lehre:"Süßes Gift"

Stephan Stubner schwört auf den persönlichen Dialog.

(Foto: Michael Bader)

Warum Stephan Stubner, Rektor der Business School HHL Leipzig, zu Präsenz-Seminaren zurückkehren will.

Seit dem 12. März findet der Unterricht an der HHL Leipzig Graduate School nur noch online statt. Rektor Stephan Stubner erklärt, warum er trotzdem so schnell wie möglich zum Unterricht im Hörsaal und zum Campusleben zurückkehren will.

SZ: Bietet Weiterbildung mit digitalen Medien, die Menschen vor Infektionen schützt, nicht einen willkommenen Anlass, künftig ganz auf Distance Learning umzuschalten?

Stephan Stubner: Für andere Hochschulen mag reiner Online-Unterricht ein Weg sein, aber nicht für uns. Denn das entspricht nicht unserem Werteversprechen. Wir sind eine kleine Hochschule, wir kennen uns persönlich, wir tauschen uns von Angesicht zu Angesicht aus. Und das soll auch so bleiben. Wenn eine Business School nur noch Online-Unterricht anbietet, verliert sie ihren Wettbewerbsvorteil.

Wenn das Online-Studium für alle erschwinglicher wird, weil Raumkosten und Anfahrtszeiten entfallen, dann ist das doch auch ein Wettbewerbsvorteil?

Das ist keiner, auf den wir Wert legen. Meine Kollegen und ich haben zwischendurch immer wieder von den Studierenden gehört, der Unterricht am Monitor sei zwar ganz okay. Was ihnen aber fehle, sei der persönliche Austausch mit den Mitstudenten und Dozenten. Weil im Zentrum der Wirtschaft immer Menschen stehen, lernt sich Wirtschaft auch am besten von Mensch zu Mensch. Nichts ersetzt die persönliche Diskussion mit anderen und das gemeinsame Üben. Dabei entstehen mitunter lebenslange Freundschaften.

Können Sie verstehen, wenn andere Hochschulleiter das anders sehen?

Ich sehe auch, dass es für manche Hochschulen der richtige Weg sein kann, primär auf Online-Lehre zu setzen. Ein oft genannter Grund ist nicht zuletzt, dass die Hochschule Kosten sparen und so das Studium billiger anbieten kann, denn man braucht ja nur noch einen Dozenten für eine unbegrenzte Anzahl an Studenten. Dann sind wir aber schnell beim Thema Massive Open Online Courses (MOOC), die in der Vergangenheit mit großen Versprechungen gestartet sind, aber in der Regel nicht funktionieren. Die Abbrecherquote ist unglaublich hoch. Ich glaube, am Ende zählt das Gesamtpaket, das den Studenten angeboten wird. Natürlich haben wir auch darüber nachgedacht, ob wir nicht ganz oder zumindest zu großen Teilen auf Online-Lehre setzen sollen, denn die aktuellen Erfahrungen sind ja sehr gut. Ich halte das aber für ein "süßes Gift".

Das wozu verführt?

Reiner Online-Unterricht wäre Fluch und Segen zugleich. Auf der einen Seite könnten wir viel mehr Studierende erreichen, viel mehr Menschen könnten sehen, was und wie wir es tun, das erhöht unsere Bekanntheit und natürlich auch unsere Studentenzahlen. Auf der anderen Seite würde man zunächst aber nur die Online-Lehre sehen und nicht, was alles noch dahinter passiert. Damit hätte man eine Scheintransparenz erreicht, die ich für uns als persönliche Hochschule nicht für zielführend halte.

Was meinen Sie mit dem Begriff Scheintransparenz?

Transparenz ist nur vermeintlich da. Im Augenblick ist die Preiselastizität der Nachfrage bei der Hochschulweiterbildung noch gering: Die Studierenden kennen den Wert eines kompletten Studienprogramms samt Lehre, Förderung, Career Services, Netzwerk und Campusleben, und sie sind bereit, darin und in sich selbst zu investieren. Das kann sich ändern, wenn mehr Online-Programme angeboten werden. Das umfassende Angebot einer Business School, und das ist der Wettbewerbsvorteil einer Präsenz-Hochschule, gerät dann aus dem Blickfeld. Die Studierenden würden sich bei einem allgemeinen Schwenk zur Online-Lehre nach der Methode "Pick and go" die drei, vier Top-Professoren der Welt aussuchen. Das kostet sie ja erst mal weniger und garantiert vermeintlich die beste Ausbildung. Erst später würden sie eventuell merken, was ihnen fehlt. Wie das unsere Studierenden ja auch schon nach wenigen Wochen festgestellt haben.

Also wird es kein Online-Studium an der HHL geben?

Sicher kein reines Online-Studium. Aber wir überlegen, was wir beibehalten. Den einen oder anderen Kurs werden wir sicher nur noch online anbieten. Und wir werden mehr Mischformate haben, etwa bei zwölf Unterrichtseinheiten vier online.

© SZ vom 08.05.2020
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