Offene Grenzen für Arbeiter:Deutschland? Gar nicht mehr so attraktiv

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Die Angst vor Lohndumping und Massen von Arbeitskräften aus Osteuropa war groß. Doch so beliebt wie Deutschland meint, ist es für junge Arbeitnehmer schon lange nicht mehr.

Klaus Brill

Er war nicht mehr als ein Pappkamerad: der polnische Klempner. Gewitzt, gewieft, allzeit einsatzbereit und vor allem billiger als andere. Als im Jahr 2004 Polen, Tschechien, Ungarn und fünf weitere Länder Mittel- und Osteuropas der Europäischen Union beitraten, da warnten Politiker wie der damalige Kanzler Gerhard Schröder vor einem Lohndumping. Sie setzten durch, dass die EU-weit garantierte Freizügigkeit in Deutschland und Österreich für Arbeitnehmer aus den neuen EU-Staaten für sieben Jahre außer Kraft gesetzt wurde. Die Frist ist jetzt abgelaufen, und es zeigt sich, dass die Besorgnisse übertrieben waren.

Kein Massenansturm aus Osteuropa in Sicht

Kein Massenansturm aus Osteuropa in Sicht: Deutschland ist für junge Arbeitnehmer nicht so interessant, wie es glaubt.

(Foto: dpa)

Die polnischen Handwerker, die sich ja trotz der Sperre als Selbständige in Deutschland betätigen durften, haben keineswegs die einheimische Konkurrenz ruiniert. Und jene Polen oder Slowaken, die als gewöhnliche Arbeitnehmer nach Westen strebten, fanden Aufnahme in England oder Irland. Die Tschechen sind ohnehin weniger mobil. Sie alle aber haben das deutsche Stoppschild als diskriminierend empfunden. Und vielfach wird auch jetzt die Einführung von Mindestlöhnen als Mittel angesehen, der unliebsamen Konkurrenz den wichtigsten Wettbewerbsvorteil zunichte zu machen.

Andererseits: So attraktiv, wie viele Deutsche meinen, ist ihr Land für die Bürger der östlichen Nachbarstaaten gar nicht, jedenfalls nicht für alle. Die Unfreundlichkeit im Alltag ist notorisch, das Leben teuer, die Steuern sind hoch, und die Einkommensunterschiede zu den Herkunftsländern gehen je nach Branche und Ausbildungsgrad rasch zurück. Wenn deutsche Arbeitgeber jetzt tüchtige Facharbeiter aus dem Osten anzulocken versuchen, werden sie kaum den erwünschten Erfolg haben. Rumänen und Bulgaren, die sich am stärksten verbessern könnten, müssen ohnehin noch warten.

Langfristig wird sich die Lage innerhalb der Europäischen Union sicher ausbalancieren, von den Migranten aus Afrika und Asien einmal abgesehen. Es wird EU-weit nicht mehr die Herkunft zählen, sondern die Ausbildung, Erfahrung und Einsatzfreude. Polen und Tschechen können dazu ihre große Improvisationstüchtigkeit in die Waagschale werfen, die Deutschen ihr Know-how und systematisches Denken.

Mancher wird sich wundern, mit welcher Lernbereitschaft und welchem Ehrgeiz junge Frauen und Männer aus Mittel- und Osteuropa zu Werke gehen. Ihr Wille zur Entfaltung ihrer Talente und zum Aufstieg aus der Armut ist unbedingt. Sie lernen Sprachen, besuchen Business Schools und zeigen vielfach eine Risiko- und Opferbereitschaft, die auch den West-Menschen Respekt abnötigen werden.

Der Austausch kann für alle Seiten fruchtbar sein. Es wäre nicht das schlechteste Ergebnis, wenn junge Ungarn, Letten oder Litauer nach ein paar Jahren im Westen mit den angeeigneten Fertigkeiten in die Heimat zurückkehren und dort den Aufbau mit verschärftem Tempo vorantreiben.

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