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"Niedersachsen-Technikum":Lockrufe aus der Mint-Welt

Berührungsängste bei Maschinen? Vielleicht am Anfang. Die Teilnehmerinnen des "Niedersachsen-Technikums" bauen sie rasch ab.

(Foto: Ute Grabowsky/imago)

Eine besondere Initiative bietet Frauen die Möglichkeit, zu erproben, ob sie eine Ausbildung oder ein Studium in Mathe, Informatik, Naturwissenschaften oder Technik absolvieren wollen.

Von Lara Voelter

Initiativen, mit denen junge Frauen für Mint-Fächer gewonnen werden sollen, existieren in unterschiedlichen Varianten - mehrheitlich sind sie jedoch darauf ausgerichtet, Frauen für ein Hochschulstudium zu begeistern. Das "Niedersachsen-Technikum" indes ermöglicht es jungen Frauen, die das Fachabitur oder Abitur in der Tasche haben, in Praxis und Theorie zu erproben, ob sie wirklich ein Mint-Studium, also eine akademische Ausbildung im Bereich Mathematik, Informati, Naturwissenschaften oder Technik machen möchten.

Könnte eine Ausbildung der richtige Weg für sie sein? Oder vielleicht doch ein Studium? Für ein halbes Jahr machen die Frauen an vier Tagen pro Woche ein bezahltes Praktikum in einem der mehr als 100 kooperierenden technischen Unternehmen. Dort arbeiten sie in unterschiedlichen Abteilungen an kleineren Projekten und setzen gemeinsam mit Beschäftigten des Unternehmens auch ihr eigenes Abschlussprojekt um. Einen Tag pro Woche schnuppern die sogenannten Technikantinnen an einer niedersächsischen Hochschule oder Universität in die Vorlesungen und Seminare eines Mint-Studiengangs, der sie interessiert, hinein. "Es ist ganz wichtig, dass junge Frauen die Möglichkeit bekommen, herauszufinden, wie sie sich in einem technischen Umfeld fühlen, ob die Arbeit ihren Interessen entspricht, und ob sie auch die nötigen Kompetenzen dafür besitzen." Im Normalfall bekämen sie bis zum Schulabschluss nicht die Gelegenheit dazu, erklärt Barbara Schwarze, Leiterin der zentralen Koordinierungsstelle des "Niedersachsen-Technikums" und Professorin für Gender und Diversity Studies an der Hochschule Osnabrück.

In Deutschland sei eine starke Stereotypisierung der Geschlechter - auch im Berufsleben - nach wie vor sehr ausgeprägt, sagt sie. Schwarze plädiert dafür, dass Unternehmen sich verändern, um abgesehen von der ihnen bereits vertrauten Zielgruppe der technikinteressierten jungen Männer eine Vielzahl vielseitig interessierter junger Leute anzusprechen, darunter insbesondere Frauen. Dies könne umgesetzt werden, indem die Firmen beispielsweise ihr Engagement als familienfreundliche Unternehmen deutlicher nach außen darstellten. Außerdem durch die Unterstützung ihrer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bei der Elternzeit, durch Weiterbildungsangebote oder durch die Möglichkeit, im Home-Office zu arbeiten. Zudem würde eine Belegschaft, die hinsichtlich der Kulturen, des Alters und der Geschlechter gemischt sei, viele Nachwuchskräfte ansprechen.

Die Partnerunternehmen des "Niedersachsen-Technikums" legen auf diese Faktoren Wert und profitieren davon, kontinuierlich junge Frauen kennenlernen zu können: Technikantinnen würden sich manchmal direkt nach dem Programm für eine Ausbildung oder ein duales Studium im jeweiligen Unternehmen entscheiden oder während eines Studiums als Werkstudentinnen dorthin zurückkehren, bemerkt Schwarze. Darüber hinaus würden die in einer öffentlichen Veranstaltung präsentierten Abschlussprojekte das Engagement der technischen Unternehmen sichtbar machen, sagt sie. Junge Frauen knüpfen durch das "Niedersachsen-Technikum" nicht nur nützliche Kontakte, sondern entwickeln sich auch persönlich weiter. "Durch die Arbeit in den Unternehmen machen die Teilnehmerinnen in ihrer persönlichen Weiterentwicklung meist einen großen Schritt nach vorn, weil sie merken, was alles in ihnen steckt. Die zahlreichen Rückmeldungen von außen bestärken die Technikantinnen dabei sehr", berichtet die Professorin.

Lynn Martin ist seit Ende September 2020 Technikantin beim Unternehmen KME in Osnabrück, einer der weltweit größten Hersteller von Erzeugnissen aus Kupfer und Kupferlegierungen. Hierfür ist die 18-Jährige extra von Bonn nach Osnabrück gezogen. Den theoretischen Teil des "Niedersachsen-Technikums" absolviert sie an der Universität Osnabrück im Studiengang Wirtschaftsinformatik. Eigentlich wollte sie Architektur oder BWL studieren, hatte schon Gastvorlesungen besucht, aber dann kam alles anders. Plötzlich habe sie stark an ihren Plänen gezweifelt, berichtet Martin. Auf der Suche nach einer Alternative in Sachen Studium - sie habe sich in der Schule immer sehr für Mathematik interessiert - sei sie auf das "Niedersachsen-Technikum" gestoßen. Sie bereut ihre Entscheidung, sich beworben zu haben, nicht: "Momentan bekomme ich Einblicke in die Instandhaltung der Maschinen. Ich laufe mit den Elektrikern und Mechatronikern mit und lerne jeden Tag unglaublich viel. Ich werde immer wieder mit neuen Situationen konfrontiert und möchte am liebsten alles behalten, was ich erklärt bekomme." Deshalb habe sie immer ein kleines Notizbuch bei sich.

Ein weiterer wichtiger Pfeiler des Programms ist die Vernetzung der jungen Frauen untereinander, wenn sie sich einmal pro Woche an den Universitäten oder Hochschulen treffen und sich über ihre Erfahrungen austauschen. Darüber hinaus organisieren die Hochschulkoordinatorinnen und -koordinatoren weitere Programmpunkte wie beispielsweise Workshops zum Thema Geschlechterklischees in der Studien- und Berufswahl oder Besuche von Laboren oder technischen Unternehmen. Aufgrund der Corona-Krise musste vorübergehend umgeplant werden: Die Teilnehmerinnen nehmen aktuell in Form von Videokonferenzen an Vorlesungen und Vernetzungstreffen teil.

Das "Niedersachsen-Technikum" besteht seit elf Jahren und ist das erste Programm dieser Art nur für Frauen. 750 Teilnehmerinnen haben es bereits abgeschlossen. Zwar müssen sich die Organisatorinnen nach wie vor darum bemühen, junge Frauen dafür zu gewinnen, doch diejenigen, die sich dafür entscheiden, bleiben den Naturwissenschaften, der Technik oder der Informatik auch treu - neun von zehn Teilnehmerinnen beginnen nach dem Programm ein Studium oder eine Ausbildung im Mint-Bereich, sagt Barbara Schwarze.

Auch Lynn Martin überlegt sich, nach dem Technikum ein duales Studium im Bereich Maschinenbau oder Ingenieurwesen zu beginnen. "Ich wäre vor dem 'Niedersachsen-Technikum' nie auf die Idee gekommen, mir die Metallverarbeitung anzuschauen. 'Das ist Männerarbeit' habe ich gedacht. Dass ich das auch kann oder dass es mir Spaß macht, hätte ich mir nicht vorstellen können, aber ich habe es davor eben noch nie ausprobiert." Da ist die 18-Jährige kein Einzelfall.

Detaillierte Informationen auf der Webseite www.niedersachsen-technikum.de

© SZ vom 29.01.2021
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