Neue Berufe Putzen als Passion

Die Dentalhygienikerin perfektioniert die Zahnpflege und spart Arztkosten.

Von Christine Demmer

Zahnersatz ist teuer, daher zahlen sich Mundpflege und gründliches Putzen in barer Münze aus. Mit dieser Botschaft liegen die Zahnärzte ihren Patienten seit Jahrzehnten in den Ohren, doch erst jetzt scheint sie angekommen zu sein. Weil die Kassen ihre Kostenbeteiligung an den künstlichen Dritten drastisch heruntergefahren haben, müssen Zahnputzmuffel für eine ansehnliche Frontpartie reichlich Geld auf den Tisch legen.

Sieht den Erfolg ihrer Arbeit sofort: Dentalhygienikerin Andrea Jung

(Foto: Foto: SZ)

Wer seine Bakterien trotzdem weiter kultivieren will, kann mit speziellen Versicherungen vorsorgen. Oder sich von Andrea Jung den Zahnsteinbruch blank baggern und die Paradontosetaschen ausräumen lassen und anschließend noch einmal in die Zahnputzschule gehen. Denn wie man richtig bürstet, das weiß die 48-jährige Dentalhygienikerin.

Ihr Wunschberuf war es nicht. "Nach dem Abitur wollte ich eigentlich Zahnmedizin studieren", sagt sie, "aber mein Notenschnitt kam nicht an die geforderten 1,6 heran." Um die Wartezeit zu überbrücken, machte sie eine Lehre als Zahnarzthelferin. Da die Fortbildung zur Zahnmedizinischen Assistentin (ZMA) zwei Jahre Praxiserfahrung voraussetzte, hielt sie es tapfer noch eine Zeit lang am Stuhl aus, reichte dem Chef jedes gewünschte Instrument, half beim Röntgen und Anfertigen provisorischer Kronen und Brücken und ärgerte sich regelmäßig über Patienten, die es mit der Mundhygiene nicht so genau nahmen: "Bis vor kurzem dachten viele: Die Kasse zahlt schon."

Jedes Halbjahr bewarb sie sich beharrlich aufs Neue um einen Studienplatz - bis sie schließlich 28 Jahre alt war, verheiratet, Mutter zweier Kinder und wohnhaft in Flensburg. Von dort ist es nur ein Katzensprung nach Aarhus in Dänemark. Und ausgerechnet in Aarhus wurde eine Weiterbildung zur Dentalhygienikerin angeboten: drei Monate Vollzeitunterricht in Deutsch und Englisch mit Schwerpunkt Paradontalbehandlung. "In Deutschland gab es diese Ausbildung damals noch nicht, nur in den USA und der Schweiz", sagt Jung. 5000 Euro ließ sie sich den Exkurs kosten und schloss im Jahr 2000 als eine der ersten Dentalhygienikerinnen Deutschlands ab.

Wer heute Dentalhygieniker werden will, muss nicht mehr in Dänemark oder der Schweiz studieren. Die Ausbildung wird inzwischen von privaten Trägern wie der Schweizer Dentalhygiene-Akademie in München angeboten oder als Fortbildung von Bildungseinrichtungen der Zahnärztekammern. Auch Ärzte können die Zusatzqualifikation erwerben. Betriebswirtschaftlich gesehen ist das allerdings kaum vernünftig, denn die Ausputz- und Aufräumarbeiten in der Mundhöhle sind zeitaufwändig. Zwar verdienen die Zahnmedizinischen Assistenten etwa zehn Prozent mehr als die Zahnarzthelfer, und Dentalhygieniker liegen noch etwas darüber. Dennoch bleiben die Gehälter der nicht-approbierten Mitarbeiter in Zahnarztpraxen unterhalb des Bundesdurchschnitts der Angestellten.

Weil immer mehr Praxen in den Abendstunden und samstags geöffnet sind, können erfahrene Dentalhygienikerinnen ihre Arbeitszeiten weitgehend selbst bestimmen. Auch Andrea Jung arbeitet halbtags. Seit nunmehr 19 Jahren kümmert sie sich in einer prophylaxe-orientierten Praxisgemeinschaft um die Erhaltung von Zähnen und Zahnfleisch. "Meine Arbeit ist mit den Jahren und dank meiner Qualifikation anspruchsvoller und befriedigender geworden", sagt sie.

Ihr größtes Vergnügen ist es, Menschen mit entzündetem Zahnfleisch und einem bakteriellen Befund vor sich sitzen zu haben. Wie bitte? "Naja, wenn die Patienten motiviert sind und mitmachen, sehe ich schon in kürzester Zeit den Erfolg meiner Arbeit." Immerhin verstünden jetzt mehr und mehr Patienten, dass sie selbst mit der Zahnbürste diszipliniert Hand anlegen müssen, wenn sie ihr Gebiss auf viele Jahre hin schmerzfrei und funktionsfähig halten wollen.

Den Druck der Krankenkassen findet Jung gut. "Es gibt immer noch zu wenig Anreize für Vorsorge." In den USA, wo längst nicht jeder Bürger krankenversichert ist, ist Vorsorge inzwischen wichtiger als Reparatur. Dort gehen mehr Menschen zum Dentalhygieniker als zum Zahnarzt. Insgeheim befürchtet die Medizinerzunft, dass bald auch hier die Dentalhygienepraxen aus dem Boden sprießen könnten. Denn wer den Weg dorthin scheut, muss später womöglich tief in die Tasche greifen oder mit einer Abbruchhalde im Gesicht herumlaufen. Erste Anzeichen dafür hat Andrea Jung schon ausgemacht: "So weit sind wir nicht mehr von amerikanischen Verhältnissen entfernt."