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Netzwerk für Programmierer:Kein Berufsgeheimnis

Gemeinsam kreativ: Wer sich kein klassisches Büro leisten kann oder will, findet in neuen Arbeitswelten einen Platz und Kollegen.

(Foto: Maskot/mauritius images)

Programmierer und Entwickler sind hoch spezialisiert. Ohne gegenseitige Unterstützung können sie es jedoch nicht weit bringen.

Wer Zimmermann werden will, sagt Joel Spolsky, kann eine Ausbildung machen, Erfahrungen sammeln und so richtig gut sein in seinem Job. Bei Software-Entwicklern funktioniere dieser Weg nicht. Zu vielfältig sind die Programmiersprachen und Anwendungen, zu umfangreich die unterschiedlichen Funktionen und Einsatzorte in Maschinen aller Art. "Die kann man nicht alle kennen", sagt Spolsky.

Entwickler und Programmierer helfen sich daher gegenseitig, nutzen Internetplattformen, auf denen sie ihre Fachfragen loswerden und hilfreiche Antworten bekommen können. So wie auf Stack Overflow. Hier beschreiben die Informatiker kurz, woran sie arbeiten und wo es hakt, andere Nutzer geben ihnen Tipps. Die häufigsten Themen: Java, C#, PHP, Android.

Joel Spolsky, 52, gründete die Plattform 2008 gemeinsam mit Jeff Atwood. Programmieren hatte er als Teenager gelernt, später studierte er Informatik in Yale. Nach Stationen etwa bei Microsoft machte sich der Amerikaner im Jahr 2000 selbständig. Seine erste Firma Fog Creek Software brachte zwei Produkte hervor, die erfolgreich genug waren, um eigene Unternehmen zu werden, darunter Stack Overflow, zu Deutsch Stapelüberlauf. In der IT-Branche war Spolsky da schon als Blogger Joel on Software bekannt.

Im Herzen, formuliert es der Gründer, ist Stack ein Ort, an dem Entwickler zusammenkommen. Es gibt zwei Nebenprodukte, über die sich die Plattform ebenfalls finanziert: Stack Overflow Talent vermittelt Unternehmen Entwickler, Stack Overflow Enterprise ermöglicht Firmen, Antworten auf vertrauliche Fragen zu bekommen. Dazu kommt Werbung auf der Hauptseite.

Mit der Namenswahl folgten die Gründer dem Tipp eines Freundes, der ihnen riet, etwas zu wählen, was für ihre Zielgruppe eine Bedeutung hat, aber für den Rest der Welt weniger interessant ist. Stack Overflow war in den Neunzigerjahren eine häufige Fehlermeldung, die Entwickler beim Programmieren etwa auf Unix sahen.

Rund 20 Millionen Entwickler gibt es weltweit, so Spolsky, etwa 15 Millionen besuchen seine Seite. Warum ist der Austausch untereinander so wichtig? "In den letzten 20 Jahren wurde Software unglaublich kompliziert", sagt der Gründer. Was ein Smartphone heute könne, hätte sich damals niemand vorgestellt, das sei magisch. Computer und ihre Technik entwickeln sich in hoher Geschwindigkeit weiter, es gebe erstaunliche Tools, "aber kein menschliches Wesen kann sie alle verstehen".

Entwickler bauen Systeme für die Gesellschaft. Da ist selbstkritische Reflexion nötig

Wer heute als Software-Entwickler arbeitet, ist hoch spezialisiert, auf Programmiersprachen, auf Anwendungen, auf Cloud Computing oder Big Data. Auch Tech-Unternehmen haben das erkannt, programmieren nicht mehr im stillen Kämmerlein, um ihre Codes geheim zu halten. Stattdessen kooperieren sie mit der Konkurrenz, arbeiten mit und an Open-Source-Modellen. Viele Software-Produkte sind bereits auf mehreren Open-Source-Programmen aufgebaut, sind etwa mit Wikis oder offenen Geo-Daten vernetzt. Da kann eine schnelle Frage an eine Expertengemeinde helfen, um Probleme in den Griff zu bekommen.

Informatiker sind gefragt; der Branchenverband Bitkom schätzt, dass allein in Deutschland derzeit 55 000 Stellen unbesetzt sind, acht Prozent mehr als im Vorjahr. Unternehmen suchen gezielt Experten für spezielle Sprachen oder Anwendungen, kaum eine Stellenausschreibung kommt ohne Zusätze wie "suchen Frontend-Entwickler", "Java-Entwickler" oder "SPS-Programmierung" aus. Wer eine Spezialistin sucht, die in München sitzt und bestimmte Qualifikationen mitbringen soll, wird auf Webseiten, auf denen sich Informatiker ohnehin herumtreiben, leichter fündig. 6000 Jobangebote sind im Schnitt allein auf Stack Overflow Talent zu finden, rund 200 000 Entwickler pro Monat schauen auf der Seite nach Jobs.

Stack selbst beschäftigt rund 300 Mitarbeiter, hat jedoch nach Berichten von Tech-Webseiten gerade ein Fünftel der Angestellten entlassen, einen Standort in Denver geschlossen. "Wir schichten gerade um, wechseln den Fokus", bestätigt Spolsky. Der Ableger in Denver sei nicht kosteneffizient gewesen, zumal das Unternehmen auch Büros in New York und London unterhalte. Es gehe nicht darum, sich zu verkleinern. Im Gegenteil stelle Stack gerade neue Leute ein, unter anderem für das neue Büro in München. Der deutsche Markt wachse, so Spolsky.

Das sieht auch der Bitkom so. Die IT-Branche werde 2017 zum größten industriellen Arbeitgeber in Deutschland, gab der Verband Ende Oktober bekannt. Mehr als eine Million Menschen arbeiten in den Sparten Elektronik, Informationstechnologie, Telekommunikation. Rund 160 Milliarden Euro setzen die Unternehmen allein auf dem deutschen Markt um.

Die Entwickler müssen aber auch zunehmend an sich selbst und ihren Einstellungen arbeiten. Stack Overflow etwa wurde in einer Studie vor zwei Jahren kritisiert, es fördere "Bad Code", also Software-Programme, die Funktionalität über Sicherheit und andere relevante Kriterien stellen. Auch in Fachblogs schimpfen Experten, die Plattform sei nicht an wahren Antworten interessiert, da die Qualität der Fragen von Nutzern bewertet wird. Manches Problem werde da schlicht mit dem Siegel "Da hat jemand seine Hausaufgaben nicht gemacht" versehen, anstatt einfach eine Lösung anzubieten. Dazu kommt, dass die Seite Diskussionen nicht zulässt. Die Nutzer werden angewiesen, nur konkrete Fragen zu stellen, keine Meinungen abzufragen: "no chit-chat", kein Geplauder.

Spolsky sagt, dass sich die Programmierer der Diskussionen rund um Fake News und politische Einflussnahme bewusst seien und überlegen, was ihre Codes anrichten können. "Früher waren Entwickler Ingenieure, hielten Maschinen am Laufen. Heute kreieren sie das operative System für die Gesellschaft." Da ist selbstkritische Reflexion dringend nötig.