Süddeutsche Zeitung

Nebenjob:Knietief im Angstschweiß

Es gibt Dinge, mit denen man vor dem Ende des Studiums unbedingt abgeschlossen haben sollte, zum Beispiel Nebenjobs. Sie sind tendenziell erniedrigend, und man sitzt ständig zwischen zwei Stühlen.

In meiner Karriere als Nebenjobberin habe ich unter anderem schon als Sekretärin, Kellnerin, Buchhalterin, Hundeausführerin und Babysitterin gearbeitet. Lauter Tätigkeiten, die mich hervorragend auf ein Leben als Hausfrau und Mutter hätten vorbereiten können, stattdessen trage ich nun, da ich angefangen habe, auch hauptsächlich zu arbeiten, immer noch in Kneipen das schmutzige Geschirr an die Theke, räume mit stillem Vergnügen die Schreibtische meiner Kollegen auf, während meiner unter Papier-Stapeln zu versinken droht und pfriemle den Kindern meiner Freunde größere Gegenstände aus dem Mund.

Die Demütigungen, die ich in diesen Jobs erlebt habe, sind reichlich und, wenn auch für sonst nichts gut, immerhin geeignet, rammdösige Kneipen-Runden zu erheitern. Da gab es den Kneipengast, der mir, als ich ihm die Rechnung über acht Weißbiere präsentierte, Betrug vorwarf und das Etablissement mit den Worten verließ, er werde nie wieder kommen, allerhöchstens in Begleitung der Kriminalpolizei (drei Wochen später saß er wieder da, die Staatsaffäre war vergessen).

Überflüssiger Plunder und Getränke

Während meiner Aushilfstätigkeit als Sekretärin in einem staubtrockenen Unternehmen, das Büromaterial vertrieb, landete ich an meinem allerersten Tag auf der Website eines Porno-Anbieters und kam eine geschlagene Viertelstunde nicht mehr herunter, bis ich - knietief im Angstschweiß - den Aus-Knopf so heftig drückte, dass mir fast der Daumen brach. Selbstverständlich wurde ich in fast allen Jobs verwarnt, ausgeschimpft, gerügt und für ein bisschen beschränkt gehalten.

Nebenjobs - nicht zu verwechseln mit Praktika - macht man, um Geld zu verdienen, das man wiederum zu oft für überflüssigen Plunder und Getränke ausgibt, anstatt sich ordentlich auf sein Studium zu konzentrieren und die Ausgaben zu reduzieren. Weil es primär ums Geldverdienen geht, sind Nebenjobs meist sehr weit von dem Berufsfeld entfernt, in dem man gerne einmal landen möchte.

Chinesisch-Kurse im Kindergarten

Das bedeutet natürlich auch, dass man Fähigkeiten erlernt, mit denen man nicht unbedingt im Lebenslauf brillieren kann. Aber es gibt ja auch kaum etwas Traurigeres als Menschen, die schon im Kindergarten Chinesisch-Kurse belegen, weil sie Angst haben, spätestens in der Grundschule von der Konkurrenz abgehängt zu werden.

Nicht nur ist diesen Menschen eine gewisse Verbissenheit zueigen, die sie zu unentspannten Zeitgenossen macht. Sie werden auch erst sehr viel später die grundlegende Erkenntnis gewinnen, dass die Welt nicht nur aus Ihresgleichen besteht, sondern viel bunter ist, als sie womöglich denken. Wer schon als Kind wusste, dass er Atomphysiker werden würde, hat noch lange keine Ahnung davon, was im Leben wichtig ist.

Auf der nächsten Seite: Was passiert, wenn 500 Gäste von zwei Barkeepern sehr viele Getränke wollen, die Spülmaschine ausfällt und der Chef ein kleines Nickerchen macht.

Knietief im Angstschweiß

Enger Horizont

Es kann nie schaden, wenigstens einmal kurz am anderen Ende der Nahrungskette vorbeizuschauen. Erst wenn man weiß, welche verschiedenen Arten es gibt, das Leben zu leben, kann man herausfinden, welches dieser Leben man führen will. Und damit sollte man möglichst bald anfangen. Wenn man nämlich erst einmal einen festen Job hat, bewegt man sich fast nur noch in der eigenen Branche, und es fällt immer schwerer, da wieder rauszukommen. Gefährlich daran ist, dass man irgendwann glaubt, die Menschheit bestünde aus genau dieser Clique. Dann wird der Horizont eng.

Die wichtigste Erfahrung, die ich in einem meiner Nebenjobs gemacht habe, war Silvester 2004. Seitdem kann ich hervorragend mit Stresssituationen umgehen - aus dem einfachen Grund, weil ich weiß, dass es nie wieder so stressig werden wird wie an diesem Abend, als 500 Gäste von zwei Barkeepern sehr viele Getränke wollten, die Spülmaschine ausgefallen war und der Chef ein kleines Nickerchen machte, weil ihm alles "irgendwie zu viel" geworden war.

Und noch etwas Gutes haben all diese vermeintlich unnützen Erfahrungen: Wann immer ich Angst vor der Zukunft bekomme, schaue ich in den Stellenanzeigen unter "Sonstiges" nach und werde ganz schnell ganz ruhig. Weil ich dann wieder weiß, dass ich immer irgendwie genug Geld verdienen kann, um mich über Wasser zu halten. Und sei es als Kindermädchen für verzogene Gören im Vorort.

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Quelle:
SZ vom 18.10.2008
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