Nachwuchssorgen Werte und Visitenkarten

Im öffentlichen Dienst steht ein Generationenwechsel an. Höchste Zeit, dass sich die Behörden mit den Instrumenten einer modernen Mitarbeiter-Rekrutierung vertraut machen.

Von Jutta Pilgram

Das Münchner Kreisverwaltungsreferat hat im Januar ein neues Online-Terminvergabeverfahren eingeführt. Solche Neuerungen bedeuten für die Behörden aber erst mal keine Entlastung, sondern zusätzliche Arbeit.

(Foto: Stephan Rumpf)

Arnd Stolten ist Beamter, und er liebt seinen Job. In Würselen bei Aachen ist er zuständig für saubere Straßen, für gepflegte Grünflächen, für den Abfall und das Bestattungswesen. "Ich habe eine emotionale Bindung an die Stadt, und ich schätze es, dass ich hier gestalterisch etwas bewegen kann", sagt er. Neben der Sicherheit des Beamtenstatus gefällt ihm an seinem Beruf, dass er viele Rückmeldungen von Bürgern bekommt, sogar auf der Straße. "Die Leute mögen es eben, wenn die Stadt sauber und aufgeräumt ist."

Diplom-Verwaltungswirt Stolten lobt seinen Job in einem Video auf der Website Interamt.de. Das ist die größte Online-Stellenbörse für den öffentlichen Dienst in Deutschland, der sich hier als moderner, sozialer Arbeitgeber präsentiert, der sinnstiftende Aufgaben übernimmt und beste Karrierechancen bietet.

4,7 Millionen

Menschen sind im öffentlichen Dienst beschäftigt, dem mit Abstand größten Arbeitgeber Deutschlands. Sie sind Lehrerinnen, Wissenschaftler, Polizisten, Richterinnen, Zollbeamte, oder in der Verwaltung, an Theatern, bei Rentenversicherungen, Krankenkassen oder in Kliniken tätig.

"Wertversprechen" heißt das in der Sprache der Personalexperten. Gemeint sind damit gelebte Überzeugungen, die ein Arbeitgeber hochhält, um Mitarbeiter zu gewinnen, zum Beispiel Familienfreundlichkeit, ein gutes Betriebsklima oder eine sinnvolle Tätigkeit. Vor allem an Letzterem dürfte es Arbeitgebern im öffentlichen Dienst eigentlich nicht mangeln. Denn sie alle dienen mehr oder weniger offensichtlich dem Gemeinwohl. Doch vielen Behörden gelingt es nicht, ihre Werte positiv zu formulieren und zu vermitteln. Stattdessen gelten sie immer noch als langweilige und bürokratische Dienstherren.

Mehr als jeder zehnte Erwerbstätige in Deutschland arbeitet im öffentlichen Dienst. Dazu gehören nicht nur kommunale Dienstleistungsbetriebe wie in Würselen, sondern auch Ministerien, Finanzbehörden, Einwohnermeldeämter, Gerichte, Polizeidienststellen, Universitäten oder Krankenhäuser. Jeder dritte Beschäftigte im öffentlichen Dienst geht in den nächsten zwölf Jahren in den Ruhestand. Das ist mehr als in anderen Branchen. Gleichzeitig fehlt es an Nachwuchskräften.

"Die Handlungsfähigkeit der öffentlichen Hand ist gefährdet", sagt Sebastian Stern, Seniorpartner der Unternehmensberatung McKinsey, die kürzlich eine Studie zum Thema vorgelegt hat. "Besonders eklatant wird sich der Mangel bei Nachwuchskräften mit akademischem Hintergrund bemerkbar machen", sagt Julia Klier, McKinsey-Partnerin und Co-Autorin der Studie, für die 165 Führungskräfte befragt wurden. "2030 werden im öffentlichen Dienst über 400 000 Hochschulabsolventen fehlen." Wenn künftig die mittlere Führungsebene nicht adäquat besetzt werden könne, blieben dringende Aufgaben auf der Strecke, etwa bei der Digitalisierung und beim Klimaschutz.

Die Umfrage zeigt: Der öffentliche Sektor hat schon heute Probleme, die passenden Nachwuchskräfte zu gewinnen. Nur zehn Prozent der befragten Führungskräfte sind mit der Personalgewinnung zufrieden. Ein Drittel räumt ein, dass fast jeder zweite Bewerber ablehne, wenn er von ihrer Organisation ein Vertragsangebot erhalten habe. Mehr als zwei Drittel der Befragten berichten, dass die besten Studierenden eines Jahrgangs nur selten oder nie in ihrer Organisation anfangen. Und: Ebenso viele bemängeln das Fehlen eines Wertversprechens in ihrer Organisation oder kritisieren, dass dieses veraltet ist.

Warum tut sich der öffentliche Dienst so schwer als Arbeitgeber? Und warum verliert er so viele Mitarbeiter an die Privatwirtschaft? Als wichtigste Gründe nennen die Befragten die unbefriedigende Bezahlung, gefolgt vom Mangel an Aufstiegsmöglichkeiten und zu wenigen inspirierenden Führungskräften. Die McKinsey-Berater regen daher an, attraktivere Karrierepfade für Leistungsträger zu entwickeln, eine anregendere Arbeitsatmosphäre zu schaffen, den Austausch mit der Privatwirtschaft zu stärken und ein überzeugendes Wertversprechen zu formulieren, das den Nutzen des öffentlichen Dienstes für die Allgemeinheit betont.

Auch die Beratungsfirma Pricewaterhouse Coopers (PwC) hat den Fachkräftemangel im öffentlichen Dienst untersucht. In einer groß angelegten Studie aus dem Jahr 2017 prognostiziert PwC sogar ein Minus von 816 000 Mitarbeitern im Jahr 2030. Die Berater entwerfen drei Strategien, wie dem Mangel gegengesteuert werden könnte. Erstens müssten die hohen Krankenstände und Dienstunfähigkeitsquoten durch ein systematisches Gesundheitsmanagement gesenkt werden - angefangen bei banalen Maßnahmen wie Steharbeitsplätzen und größeren Bildschirmen bis zu einer verbesserten Unternehmenskultur. "Wesentlich für ein gutes Verwaltungsklima, für die Motivation und letztlich damit für die Gesundheit der Mitarbeiter sind Vertrauen und Wertschätzung", heißt es in der Studie. Die Mitarbeiter bräuchten mehr Eigenverantwortung bei der Arbeit und konstruktives Feedback.

730 000 offene Stellen

im öffentlichen Dienst werden im Jahr 2030 nicht besetzt werden können, so eine Prognose der Unternehmensberatung McKinsey. Bis zu diesem Zeitpunkt wird dort mehr als jeder dritte Beschäftigte in Rente gehen. Gleichzeitig fehlt es den Behörden an Nachwuchs.

Zweitens müsste der Generationenwechsel besser gestaltet werden. Stellen dürften nicht erst dann wiederbesetzt werden, wenn Mitarbeiter bereits ausgeschieden sind, wie das im öffentlichen Dienst verbreitet sei. Ältere Mitarbeiter müssten länger im Job gehalten werden - entweder auf freiberuflicher Basis oder durch die im Beamtenrecht vergleichsweise flexiblen Möglichkeiten einer Weiterbeschäftigung nach Pensionseintritt.

Und drittens müsse das Image des öffentlichen Dienstes aufpoliert werden. Dem guten Ruf als sicherer Arbeitgeber habe geschadet, dass sich beispielsweise an Hochschulen befristete Verträge eingebürgert hätten. Starre Laufbahnen und rigides Hierarchiedenken müssten auf den Prüfstand. Und die Ausstattung vieler Arbeitsplätze ließe zu wünschen übrig: Auch Mitarbeiter im öffentlichen Dienst bräuchten Diensthandys, eigene Laptops und Visitenkarten, wie das in der Privatwirtschaft selbstverständlich sei.