Süddeutsche Zeitung

Nachteile des Fernstudiums:Unpersönlich

Im Fernstudium kommt der unmittelbare Dialog mit Kommilitonen und Dozenten zu kurz. Um bis zum Ende des Studiums durchzuhalten, braucht man einen überdurchschnittlich starken Willen, viel Disziplin und gutes Zeitmanagement.

Immer mehr Studierende entscheiden sich dafür, den Master of Business Administration (MBA) per Online-Studium zu erwerben. Sie schätzen die Möglichkeit, sich ortsunabhängig neben dem Beruf weiterzubilden, und die Freiheit, die Zeit flexibel einzuteilen. Mehr als 80 MBA-Programme kann man laut aktuellem MBA-Handbuch des Staufenbiel-Instituts im deutschsprachigen Raum von zu Hause aus absolvieren. Das Angebot reicht vom generalistisch ausgerichteten MBA bis hin zu Spezialisierungen wie Motorsport-, Immobilien- oder Agrarmanagement. Doch ein Fernstudium hat nicht nur Vorteile.

Schon bei der Zulassung unterscheiden sich die meisten Fernstudienanbieter von renommierten Business Schools, die auf das Präsenzstudium setzen. Wer sich etwa an der Mannheim Business School bewirbt, muss neben einem Hochschulabschluss drei Jahre Berufserfahrung, ein gutes GMAT-Ergebnis und möglichst viele Punkte im Sprachtest mitbringen. Für ein Fernstudium an der PFH Private Hochschule Göttingen hingegen genügen ein erster Hochschulabschluss und ein Jahr Berufspraxis. "Niedrige Zulassungskriterien können ein Zeichen für mangelnde Qualität sein", sagte der emeritierte Wirtschaftsprofessor Christian Scholz zur SZ, wenige Wochen, bevor er Anfang Oktober verstarb. Scholz hatte 1989 das erste MBA-Studium nach Deutschland geholt.

"Viele Studierende unterschätzen den Arbeitsaufwand eines Fernstudiums", sagt Branchenkenner Detlev Kran, der zum Thema MBA berät. "Abhängig vom persönlichen Lerntempo sollten pro Woche zehn bis 15 Stunden für das Studium eingeplant werden." Über einen Zeitraum von einigen Jahren kann das zu einer großen Belastung werden. Studium und Beruf nehmen so viel Zeit in Anspruch, dass kaum Zeit für Freunde und Familie bleibt.

Angesichts der Angebotsvielfalt ist Qualitätskontrolle wichtig. Dafür gibt es klare Kriterien

Auch die flexible Zeiteinteilung, die viele Fernstudierende schätzen, kann sich zu einem Stolperstein entwickeln. Wer sich nicht konsequent an den Schreibtisch setzt, kann das vorgeschriebene Pensum auf Dauer nicht einhalten. Bei einer deutlichen Überschreitung der Regelstudienzeit kann das zu zusätzlichen Kosten, Frustration oder sogar zum Abbruch des Studiums führen. Verglichen mit Präsenzstudiengängen ist die Abbruchsquote beim Fernstudium meist höher. "Wer im Fernstudium bestehen will, braucht ein gutes Zeitmanagement, viel Disziplin, Motivation und Ausdauer", sagt MBA-Experte Kran.

Die Anbieter von Fernstudien kombinieren heutzutage meist analoge Lern-Instrumente mit Online-Elementen. Auf Lernplattformen können die Teilnehmer digitale Aufgabenblätter bearbeiten, Videos ansehen und sich mit Kommilitonen vernetzen. Zu Gesicht bekommen sie einander aber selten. Ein großer Nachteil, meint Frank Müller, der zum europäischen MBA-Markt promoviert hat: "Gerade beim MBA sind nicht nur die Dozenten, sondern auch die Kommilitonen eine wichtige Lernquelle. Sie haben meist ganz unterschiedliche fachliche Hintergründe und mehrjährige Berufserfahrung."

Auch Scholz äußerte sich skeptisch über das Fernstudium: "Wer Mathematik studiert, kann vom Schreibtisch zu Hause genauso viel lernen wie an der Hochschule, beim MBA-Studium funktioniert das nicht, da es von Diskussionen lebt." Er riet dazu, sich ein Jahr Zeit zu nehmen, um den MBA in Vollzeit zu absolvieren. Menschen mit knappem Budget empfahl der Wissenschaftler die berufsbegleitende Variante mit Wochenend-Kursen. Man könne sich dabei zwar nur zwei bis drei Tage am Stück auf ein Thema konzentrieren, aber das sei immer noch eine bessere Lösung als Fernstudien. Ob das Online-Studium die richtige Wahl ist, hängt von der Persönlichkeit ab. "Für Autodidakten bietet sich ein Fernstudium an", sagt Müller, "wer Lernen aber als sozialen Akt versteht, gern in Gruppen arbeitet und es schätzt, direkt Rückfragen zu stellen, für den eignet sich ein Präsenzstudium besser."

Hat man sich für ein Fernstudium entschieden, sollte man sich vorab gründlich informieren: Welche Inhalte werden an der jeweiligen Hochschule unterrichtet? Wer stellt das Unterrichtsmaterial zusammen? Ist es möglich, das Studium kostenlos zu verlängern? Wie viele Präsenzphasen sind vorgesehen? Kann man sich vorab mit Alumni austauschen? Ist es möglich, Probematerial zu bekommen oder das Fernstudium unverbindlich zu testen?

Auch Akkreditierungen können ein Hinweis auf die Qualität des Programms oder der Hochschule sein. International bekannt sind die Gütesiegel von AACSB (Association to Advance Collegiate Schools of Business), EQUIS (European Quality Improvement System) und AMBA (Association of MBAs). Im deutschsprachigen Raum vergibt zusätzlich die FIBAA (Foundation for International Business Administration Accreditation) Qualitätssiegel.

Ob als Fern-, Teilzeit- oder Vollzeitstudium: Die wachsende Anzahl von MBA-Programmen hat Konsequenzen. "Vielerorts sind die akademischen Standards verloren gegangen", kritisierte Scholz. Bei einigen Anbietern würden bereits ein paar Wochenenden plus Selbststudium für den Abschluss reichen.

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Quelle:
SZ vom 18.10.2019
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