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Nachhaltiges Studienmodell:Alles im grünen Bereich

Egal, welches Fach sie danach studieren: An der Leuphana Universität Lüneburg steigen Erstsemester tief ein in die Themen Umweltschutz und gesellschaftliche Verantwortung.

Pandemien in Fernsehserien, Simulating pandemics: Welches Wissen liefern Simulationen? Entnetzung und Social Distancing: Neue Krisendiskurse und -praktiken - das sind einige der Themen, die die Leuphana-Universität Lüneburg in Zeiten von Corona und Online-Studium derzeit alle zwei Wochen als öffentliche Videokonferenzen anbietet, um mit Studentinnen und Studenten unabhängig vom Studienfach über die Auswirkungen der aktuellen Krise auf Gesellschaft und Hochschulleben ins Gespräch zu kommen. Auch wenn sie in diesem Semester von Präsenzveranstaltungen Abstand nimmt, will die Leuphana den Blick über den Tellerrand fördern, Diskussionen zwischen Studenten unterschiedlicher Fachrichtungen anregen, zu Aktivitäten ermutigen.

Keine Fachidioten ausbilden, sondern Verantwortungsgefühl für Zukunftsfragen wecken - das ist auch das Ziel eines bundesweit einmaligen Studienmodells in Lüneburg. An der Leuphana beginnt seit vielen Jahren das eigentliche Fachstudium erst im zweiten Semester. Im ersten Semester werden die meisten Module fächerübergreifend unterrichtet, egal ob man sich für Ingenieurwissenschaften, Rechtswissenschaften oder Psychologie eingeschrieben hat. Alle Hochschüler bekommen grundlegende Kenntnisse in Statistik und Wissenschaftsgeschichte vermittelt. Alle werden ab dem kommenden Jahr die Grundzüge des Programmierens kennenlernen. Und alle müssen sich mit dem Oberthema "Wissenschaft trägt Verantwortung: Verantwortung und nachhaltiges Handeln im 21. Jahrhundert" auseinandersetzen und in diesem Rahmen ein Projekt zum Thema Nachhaltigkeit ausarbeiten und durchführen.

Knapp 70 Initiativen setzen sich an der Uni für konkrete Nachhaltigkeits-Projekte ein

Die Ergebnisse dieses Projektstudiums präsentieren die rund 1500 Erstsemester den Mitstudierenden im Rahmen einer Konferenzwoche. Die Altkleiderspende - Segen oder Fluch? Inwieweit ist die Einführung eines allgemeinen Tierwohllabels sinnvoll, und wer profitiert davon? Können Filme unser Nachhaltigkeitsbewusstsein verändern? Fragen über Fragen, mit denen man gewöhnlich im Hauptgebäude der Uni Lüneburg von jungen Studierenden konfrontiert wird. Sie gestalten kleine Ausstellungen, fassen ihre wichtigsten Erkenntnisse zusammen und versuchen mit Kommilitonen ins Gespräch zu kommen.

Zuletzt sah das beispielsweise so aus: "Eine Suchanfrage bei Google benötigt die Energie einer Sparglühbirne, die eine Stunde in Betrieb ist. Pro Sekunde wird die Suchmaschine von Google rund 50 000 Mal benutzt", erzählt Milla Semisch circa einem Dutzend junger Leute, die um sie herumstehen. Semisch studiert seit vergangenem Herbst an der Leuphana Umweltwissenschaften. Sie hat das Projektseminar "Verantwortung verteilen für Klimaschäden - wer ist zu was verpflichtet?" gewählt und sich mit vier weiteren Hochschülern überlegt, inwieweit Google als IT-Großkonzern Verantwortung für Klimaschäden übernehmen muss.

Hohe Hürden für Aspiranten

Die Universität Lüneburg zählt circa 10 000 Studierende. Alle Fächer sind zulassungsbeschränkt, alle Bewerber müssen einen Studierfähigkeitstest machen; in einigen Fächern gibt es zusätzlich Auswahlgespräche. Auf einen Studienplatz kommen im Durchschnitt fünf Bewerber.

Am stärksten waren zuletzt die Bachelor-Studiengänge Psychologie, International Business Administration and Entrepreneurship, Global Environmental and Sustainability Studies, Digital Media sowie das Studium Individuale gefragt. Im Studium Individuale wählen Studierende für den Major (Hauptfach) zwei Schwerpunktbereiche und für den Minor (Nebenfach) einen Schwerpunktbereich nach eigenen Wünschen unter dem kompletten Fächerangebot aus; zum Beispiel im Major Kulturwissenschaften und Umweltwissenschaften und im Minor Rechtswissenschaften. Näheres unter www.leuphana.de. Joachim Göres

Die öffentliche Präsentation der Projektergebnisse läuft in der Konferenzwoche parallel zu Vorträgen, Podiumsdiskussionen und Publikumsgesprächen, an der kürzlich die Klimaaktivistin Luisa Neubauer, Finanzminister Olaf Scholz, der Hildesheimer Bischof Heiner Wilmer und viele andere Experten teilnahmen, und zu der neben den Studierenden grundsätzlich auch interessierte Bürger eingeladen sind.

"Es ist schon sehr interessant, wenn man in Seminaren über Globalisierung und Digitalisierung zum Beispiel mit BWLern kontrovers diskutiert, die durch ihr Fach einen ganz anderen Blickwinkel haben. So bekommt man selber noch mal neue Anregungen", sagt die Politikstudentin Cecilia Wiesenewsky. Die angehende Umweltwissenschaftlerin Julia Ludwig freut sich, dass an der Leuphana das Thema Nachhaltigkeit so intensiv behandelt wird - sie würde sich aber mehr Auseinandersetzungen darüber wünschen. "In den Diskussionen herrscht Konsens, dass man nachhaltig leben sollte. Es gibt aber Studierende, die sagen einfach nichts dazu."

Dazu gehört Sascha Haberbeck, der Wirtschaftsinformatik studiert. "Ich halte mich bei solchen Themen raus, weil ich nichts davon weiß und es mich auch nicht interessiert. Ich bin froh, wenn im zweiten Semester endlich das eigentliche Studium beginnt", sagt er und fügt hinzu: "Das sehen die meisten Leute in unserem Studienfach so wie ich." Nur auf Wirtschaftsinformatik wird er sich allerdings auch ab dem zweiten Semester nicht konzentrieren können - an der Leuphana muss pro Semester ein fächerübergreifendes Komplementärmodul gewählt werden. Das Seminar mit zwei Wochenstunden aus einem anderen Bereich als das gewählte Studienfach soll dazu beitragen, dass man sich auch mit geisteswissenschaftlichen, sozialwissenschaftlichen, naturwissenschaftlichen oder interdisziplinären Perspektiven auseinandersetzt und so den Blick über den eigenen Tellerrand nicht verliert.

"Wer zum Beispiel Physik studieren will, ohne sich mit Fragen der gesellschaftlichen Verantwortung zu beschäftigen, der sollte lieber eine andere Universität wählen", sagt Steffi Hobuß, Philosophie-Professorin und Leiterin des Leuphana College. Sie berichtet von den Ergebnissen der regelmäßig durchgeführten Befragung der Hochschüler, warum sie sich für ihren Studienort entschieden haben. An erster Stelle steht das jeweilige Fach. Das besondere Studienmodell wird zusammen mit der Wohnortnähe als drittwichtigster Grund genannt. "Im ersten Semester fühlen sich einige Studierende mit der besonderen Struktur bei uns überfordert. Doch je länger sie hier studieren, umso mehr schätzen sie, dass wir sie von Anfang an mit großen Fragen konfrontieren, das zeigen die Ergebnisse der Absolventenbefragungen", sagt Hobuß. Sie räumt ein, dass der problemlose Wechsel an eine andere Uni zum Masterstudium auch davon abhängt, dass man seine Veranstaltungen im Bachelorstudium wohlüberlegt gewählt und so genügend Creditpoints erworben hat.

Illustration: Stefan Dimitrov

Die Professorin spricht von zahlreichen Universitäten und Hochschulen, die sich in Lüneburg über das besondere Studienmodell informiert haben: "Es gibt trotz des großen Interesses nur wenige, die Ähnliches umsetzen, wie zum Beispiel die TU Nürnberg oder das College an der Uni Freiburg. Für große Universitäten mit langen Traditionen ist die Veränderung der Strukturen nicht so einfach."

Positiv wertet Hobuß, dass die meisten Studienanfänger in Lüneburg nicht direkt von der Schule kommen, sondern bereits praktische Erfahrungen zum Beispiel bei einem freiwilligen sozialen Jahr (FSJ) gesammelt haben - das Durchschnittsalter der Erstsemester liegt bei 21,6 Jahren. Sie betont, dass es bei dem Schwerpunkt Nachhaltigkeit nicht nur um theoretische Fragen geht: "Handlungsorientierung spielt eine wichtige Rolle. Es gibt an der Uni 67 freiwillige studentische Initiativen, die praktisch etwas tun, das ist eine beeindruckende Zahl."

Auch Milla Semisch will es nicht bei der akademischen Beschäftigung mit dem Konzern Google belassen, den sie dafür kritisiert, dass er Leugner des Klimawandels finanziell unterstütze. Sie und ihre Mitstreiter in der Projektgruppe haben Buch geführt und auf diese Weise festgestellt, dass sie täglich im Schnitt sechsmal googeln. Das wollen sie künftig bewusster und seltener tun - und zudem auch Suchmaschinen nutzen, die sie für umweltfreundlicher halten.

© SZ vom 26.06.2020
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