Nach dem Brexit-Votum:600 000 Briten planen nach Brexit Karriere im EU-Ausland

  • Das Votum für einen Brexit hat Auswirkungen auf die berufliche Perspektive von Hunderttausenden.
  • Einer aktuellen Umfrage zufolge planen bereits 600 000 Briten, sich einen Job im EU-Ausland zu suchen.
  • Mehr als die Hälfte der Deutschen, die im Vereinigten Königreich arbeiten, überlegen, die Insel zu verlassen.

Von Sarah Schmidt

Die wohl gewichtigste berufliche Veränderung im Zuge des Brexits geht an diesem Mittwoch über die Bühne: Theresa May übernimmt als neue Premierministerin die Regierungsgeschäfte von David Cameron und zieht in 10 Downing Street ein.

Dabei hat das Votum der Briten, die Europäische Union verlassen zu wollen, Auswirkungen auf die Job-Perspektiven von Millionen Arbeitnehmern - allerdings stehen diese nicht im Fokus einer breiten Öffentlichkeit, auch wenn die Tragweite für den Einzelnen nicht weniger gravierend ist.

Unter besonders großer Unsicherheit leiden all jene EU-Ausländer, die im Vereinigten Königreich leben und arbeiten. Dürfen sie nach dem offiziellen Austritt Großbritanniens aus der Union bleiben? Und wenn ja, unter welchen Voraussetzungen? Das ist noch völlig offen - allerdings hat May bereits angekündigt, als Premierministerin die Niederlassungsfreiheit einzuschränken.

Mehr als die Hälfte der deutschen Fachkräfte, die in den vergangenen Jahren für ihren Arbeitgeber im Vereinigten Königreich im Einsatz waren, kann sich vorstellen, die Insel zu verlassen, hat eine Umfrage des Online-Jobportals Stepstone ergeben. Fast 40 Prozent organisieren demnach bereits ihren Jobwechsel.

Viele Briten erwarten wirtschaftliche Nachteile vom Brexit

Doch auch für viele Briten hat sich mit dem Ja zum Austritt die berufliche Perspektive schlagartig verändert. 600 000 Fach- und Führungskräfte planen der Stepstone-Umfrage zufolge konkret, ihre berufliche Karriere in einem anderen EU-Land fortzuführen. Ein Drittel der hoch qualifizierten Briten könne sich zumindest vorstellen, aus beruflichen Gründen Großbritannien zu verlassen. 40 000 Arbeitnehmer aus Großbritannien, Irland und Deutschland hat die Stepstone-Gruppe insgesamt befragt - das Portal betreibt in allen drei Ländern eigene Jobbörsen.

Die wirtschaftlichen Aussichten für ihr Land sehen viele Briten mit Sorge. Mit 49 Prozent ginge Stepstone zufolge immerhin jede zweite britische Fachkraft davon aus, dass der Brexit sich negativ auf die heimische Wirtschaft auswirken wird, vier von zehn Briten erwarten, dass sich ihre Jobchancen künftig verschlechtern.

Für den deutschen Arbeitsmarkt könnte das durchaus Vorteile bringen - Stichwort Fachkräftemangel. Immerhin liegt Deutschland bei der Beliebtheit deutlich vor Frankreich und Spanien an erster Stelle jener Länder, in denen die wechselwilligen Briten gerne arbeiten würden. Auch in diesem Bereich bleibt allerdings abzuwarten, auf welche Neuregelung sich Großbritannien mit den dann Ex-EU-Partnern einigt.

Internationale Forschungsprojekte in Gefahr

In den Unternehmen wird zunächst abgewartet - für die Mitarbeiter bedeutet das eine schlechte Planbarkeit. Klappt es mit der Beförderung? Wird mein Vertrag verlängert? Wie realistisch ist der geplante Auslandseinsatz? All diese Fragen liegen in vielen Personalabteilungen bis auf Weiteres auf Eis.

In einem Bereich ist allerdings schon absehbar, wie dramatisch sich das Brexit-Votum tatsächlich auf die gut ausgebildeten, international arbeitenden Europäer auswirkt: in der Wissenschaft.

In keinem anderen Feld gibt es so viele länderübergreifende Kooperationen wie bei Forschungsprojekten. Die, was noch erschwerend hinzukommt, oft zu einem erheblichen Anteil mit EU-Fördermitteln finanziert sind.

Einer aktuellen Erhebung zufolge, über die der Guardian berichtet, kam es bereits vereinzelt dazu, dass britische Forscher aufgefordert wurden, EU-geförderte Projektgruppen zu verlassen oder Leitungsfunktionen abzugeben, um die Finanzierung nicht zu gefährden. Welche Folgen hat das Referendum? Dieses Thema präge zur Zeit nahezu jedes Gespräch über Forschung, heißt es aus der Uni-Szene.

"Ich nehme stark an, dass die britischen Politiker das Ausmaß gar nicht erfassen", zitiert der Guardian den britischen Leiter eines Forschungsprojekts in Norwegen, Joe Gorman. "Sie glauben, dass hier weiterhin alles seinen normalen Gang geht, bis die Verhandlungen abgeschlossen sind - doch da liegen sie falsch." Die Probleme für Wissenschaftler hätten bereits begonnen.

Theresa May wird keine Zeit haben, sich lange an ihrem neuen Arbeitsplatz einzugewöhnen. An ihrem Job hängt die berufliche Zukunft von Millionen und die wünschen sich vor allem eins: eine klare Perspektive - und das möglichst schnell.

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