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Motivationsstrategie:Gamification muss über reine Punktesysteme hinausgehen

Schon vor ein paar Jahren experimentierte die IT-Branche als Vorreiter mit spielerischen Belohnungen im Arbeitsalltag. So ließ Microsoft bereits 2008 IT-Spezialisten aus verschiedenen Ländern gegeneinander antreten. Das Ziel: So viel Mängel wie möglich in den lokalen Versionen der Office-Bürosoftware zu finden. In wenigen Tagen wurden so 170 Fehler aufgespürt.

Nach dem ersten Hype interessieren sich nun auch Industrieunternehmen für Gamification. "Inzwischen nehmen deutsche Unternehmen die Integration digitaler, spielerischer Elemente als ernsthafte Option wahr", sagt Berater Meusburger. Den Firmenchefs sei mittlerweile klar, dass Gamification über reine Punktesysteme hinausgehen muss. Andernfalls folgen lediglich kurze Motivationsschübe anstatt nachhaltiger Motivation. Doch anspruchsvolle Spieldesigns, die nicht nach ein paar Tagen wieder langweilig werden, erfordern hohe Investitionen. Für professionelle Anwendungen fallen Kosten in sechsstelliger Größe an, sagt Experte Niesenhaus.

Erste wissenschaftliche Studien zur Wirksamkeit

So viel Geld stellen Unternehmer nur bereit, wenn sich der Spielspaß auch in den Erträgen positiv niederschlägt. Interessiert schauen sie deshalb auf erste wissenschaftliche Studien zur Wirksamkeit von Gamification. Das deutsche Forschungsprojekt motionEAP untersucht den Effekt spielerischer Elemente in der Fertigung. Dafür projizierten die Forscher eine virtuelle Figur auf eine Werkbank, die eine Pyramide erklimmen muss. Jede Stufe steht für einen Montageschritt; ist dieser erledigt, hüpft das blaue Männchen eine Stufe hoch. Überschreitet ein Arbeiter die vorgesehene Bearbeitungszeit, verfärbt sich der Balken zunehmend von grün zu rot. Macht der Arbeiter einen Fehler, verschwindet der Pokal an der Spitze der Pyramide. So gibt es ein ständiges Feedback im Fertigungsprozess.

Getestet wurde das Design zunächst in einer Werkstatt, in der Behinderte arbeiten. Das Ergebnis: "Die Produktivität stieg stark an, und die Mitarbeiter waren motivierter", sagt Oliver Korn, Professor an der Hochschule Offenburg, der das Projekt wissenschaftlich betreut. Das Spieldesign wurde auch bei Trainern und Mitarbeitern von Audi getestet. Der Ingolstädter Autohersteller interessiert sich dafür, Gamification-Elemente bei der Aufbereitung von Autoteilen zu integrieren. Darüber entschieden wird aber erst nach Ablauf der Testphase Ende des Jahres.

Eine andere Untersuchung der TU und der LMU München mit Beschäftigten der Logistikbranche, die Produkte zum Versand zusammenpacken, zeigte, dass sich die Arbeiter durch digitale Spielelemente motivierter und autonomer fühlten. Auch waren sie in den Tests produktiver und machten weniger Fehler. "Es muss aber noch überprüft werden, ob diese Effekte im realen Industrieeinsatz und über einen längeren Zeitraum bestehen bleiben", sagt der Betreuer der Studie, Markus Klevers.

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