Motivation:Ein Hoch auf die Antriebslosigkeit

Lesezeit: 4 min

Gib alles! Immer! Auch wenn das Arbeitsethos es von uns fordert: Man kann nicht immer topmotiviert sein.

Maja Roedenbeck

Eben noch fühlte sie sich müde und dachte enttäuscht: "Schon wieder eine Aufgabe, die mir nicht wirklich Spaß macht." Dann sieht sie das Poster mit den grellgrünen Blitzen. Aus schwarzen Wolken brechen sie hervor, und darunter steht: "Auch der Blitz macht zickzack, aber er trifft." Und plötzlich weiß sie: "Was so ein Blitz kann, kann ich schon lange, Karriere-Zickzack sowieso, aber jetzt wird endlich mal getroffen!" Und ehe sie sich versieht, ist sie wieder voll da, geht total motiviert ins Personalbüro und bewirbt sich für einen Auslandseinsatz. Ob ihr Chef sich das so vorgestellt hat, als er für 39,50 Euro ein Motivationsposter beim VNM-Verlag bestellte und es neben der Tür zum Konferenzraum aufhängen ließ?

iStock, müde

Für Antriebslosigkeit ist in unserer Arbeitswelt kein Platz. Aber jeder Beschäftigte kann nicht jeden Tag 24 Stunden lang begeistert seine Projekte vorantreiben.

(Foto: Foto: iStock)

Im Job einfach nur verlässlich zu funktionieren, ist verpönt. Hochmotiviert muss es am Schreibtisch zugehen. Für bewusst erlebte Antriebslosigkeit ist in unserer Arbeitswelt kein Platz. Zum Glück kann man Motivation kaufen: 2299 Ratgeber gibt es bei Amazon, schon für 6,50 Euro ist was dabei: "30 Minuten für mehr Motivation" von Reinhard K. Sprenger.

Egal wie, der müde Mitarbeiter muss handeln

Eine Alternative: das "Motivationsseminar: Aktiviere Dein Potential" in der Berliner Naturheilpraxis Krohn für 580 Euro. Egal wie, der müde Mitarbeiter muss handeln. Denn wer seiner Antriebslosigkeit freien Lauf lässt oder sie gar erwähnt, ist seinen Job ganz schnell los. "In unserer Gesellschaft wird suggeriert, bei uns sei etwas nicht in Ordnung, wenn wir nicht ewig lebensbejahend auftreten. Dabei hat alles, was existiert, eine Daseinsberechtigung: der Zustand 'motiviert sein' genauso wie der Zustand 'keinen Antrieb haben'", sagt Motivations-Coach Thomas Schmidt aus Roßdorf bei Darmstadt.

Schön, dass das mal einer aus der Trainerbranche zugibt, wo sonst nur das Credo "Unmotiviert? Gibt's nicht!" gilt. So betont Schmidts Kollegin Gabriele Westbrock aus Soest auf die Frage nach dem Sinn der Antriebslosigkeit, dass diese fremdverschuldet sei, aber heilbar: "Wir sind als Erwachsene so schwer zu motivieren, weil unsere Eltern, als wir Kinder waren, unsere angeborenen Impulse wie die Neugier gedämpft haben. Aber diese Impulse stecken noch in uns drin, und wir versuchen alles, um sie zurück in unser Leben zu holen."

Langeweile ist wichtig

Nun verspüren Kinder aber - genauso oft, wie sie neugierig Neues ausprobieren - auch Langeweile. Langeweile ist wichtig, heißt es dann im Erziehungsratgeber, ist ein Zustand, der einem Kreativitätsschub vorausgeht. Antriebslosigkeit ist wichtig, ist ein Zustand, der einem Motivationsschub vorausgeht. Warum gilt dasselbe nicht für Erwachsene?

Es wäre übers Ziel hinausgeschossen, die Motivation gleich zum Teufel zu wünschen. Natürlich geht die Arbeit leichter von der Hand, wenn man Lust auf sie hat. Aber: Anstatt sich darüber zu grämen, dass das nicht immer der Fall ist, könnte man auch einfach versuchen, sich daran zu gewöhnen. "Es frustriert nur, dem Ideal des ständig zu Höchstleistungen motivierten Menschen nachzulaufen, das wir selten einmal erreichen", bestätigt Coach Thomas Schmidt. "Denn so erleben wir eine ewige Abweichung zwischen unserem Leben und dem Ideal." Demnach produzieren Chefs, die ihre Mitarbeiter zu Motivationskursen schicken, und Magazine, die einem die neuesten Motivationstipps aufdrängen, genau das Gegenteil von dem, was sie wollen: eine Überdosis an Anforderungen, die ganz schnell demotiviert.

Ohnehin stellt sich die Frage, worauf all diese Mutmacherprodukte hinarbeiten: eine Berufswelt, in der jeder Beschäftigte jeden Tag 24 Stunden lang begeistert seine Projekte vorantreibt? Das könnten wir gar nicht durchhalten, sagt Berater Schmidt.

Experten unterscheiden zwischen Motivation und Motiviertheit, also zwischen den grundsätzlichen Beweggründen, die uns im Leben leiten, und dem aktuellen Gefühl, etwas mit Begeisterung zu tun. Es hat keinen Sinn zu klagen: "Mir fehlt die Motivation!" Denn: "Irgendeine Art von Motivation ist immer in uns vorhanden, Motivation ist erst einmal nur das Motiv, das uns bewegt", erklärt Schmidt. Was auch immer wir tun oder lassen, es fehlt also nicht an einem tieferen Sinn, sondern höchstens an akuter Begeisterung. Klingt schon viel weniger schlimm.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, warum etwa Verdienstprämien und Medaillen für den "Mitarbeiter des Monats" in Sachen Motivation nichts bringen.

Ein Hoch auf die Antriebslosigkeit

Zwischenziele setzen

Man könnte jetzt skandieren: Nieder mit den Motivationssprüchen! Ein Hoch auf die Antriebslosigkeit! Besser wäre es zu differenzieren: Wenn es nur darum geht, eine unangenehme Aufgabe hinter sich zu bringen, können vielzitierte Expertentipps helfen, wie beispielsweise: "Setzen Sie sich Zwischenziele!" Bezogen auf die zweifelhafte Anforderung, chronisch grundbegeistert zu sein, die die arbeitende Bevölkerung unglücklich macht, bringt Tricksen allerdings wenig. Deshalb ist auch die Chakka-Mentalität der US-Motivationstrainer aus den neunziger Jahren überholt. "Kurzfristig mag es wirkungsvoll sein, tausend Menschen auf einmal anzuheizen und sie davon zu überzeugen, dass sie zu allem fähig sind", sagt Westbrock. "Aber die Glücksgefühle aus so einem Seminar in die Realität hinüberzuretten, wo man eigentlich an seinen inneren Blockaden und Einstellungen arbeiten müsste, ist dann eine ganz andere Geschichte."

Heute weiß man, dass Motivation für jeden etwas anderes bedeutet. Nur in den Chefetagen ist das noch nicht angekommen. Unternehmensberater Reinhard Sprenger erklärt, warum etwa Verdienstprämien und Medaillen für den "Mitarbeiter des Monats" in Sachen Motivation nichts bringen: "Diese Art von Belohnungen fördern nicht, sie zerstören nur die Zusammenarbeit." Und trotzdem werden Zusatzzahlungen für besondere Leistungen eher als die längst fällige Gehaltserhöhung bewilligt.

Vielleicht kommt irgendwann der Tag, an dem ein Angestellter seinem Chef gestehen darf: "Ich bin im Moment ein wenig lustlos, und Sie können weder mit einem Blackberry noch mit einem Extraurlaubstag etwas dagegen tun. Sie haben aber nichts zu befürchten, denn ich bin ein verantwortungsbewusster Erwachsener und weiß, dass die Arbeit auch unmotiviert erstklassig erledigt werden muss."

Eine solide Grundmotivation tut's auch

Coach Schmidt hält das für einen angemessenen Umgang mit der Antriebslosigkeit: "Man motiviert sich in so einem Fall einfach dadurch, das zu tun, was getan werden muss. So schultert man stolz seine Selbstverantwortung und bringt sich in einen positiveren Grundzustand." Auch Gabriele Westbrock warnt davor, sich von dem stets proaktiven Überflieger-Kollegen einschüchtern zu lassen: "Dem geht es nicht anders als jedem von uns. Auch er macht unangenehme Arbeiten nicht gern. Aber er hat die Notwendigkeit erkannt, sie zu erledigen, um sein Ziel zu erreichen." Eine solide, unaufgeregte Grundmotivation tut's auch.

Zur SZ-Startseite