Süddeutsche Zeitung

Moderne Büros:Nestbau in der Denkerzelle

"Open Space" statt Großraumbüro: Der Arbeitsplatz der Zukunft bietet Raum für Teamarbeit, aber auch Rückzugsmöglichkeiten.

Gestresste, ausgepowerte Mitarbeiter? Die trifft man im neuen Businesspark Köniz bei Bern nur noch selten an. Auch die Kommunikation funktioniert reibungslos in den großzügigen Räumen der Telekommunikationsfirma Swisscom Mobile. Und wer während eines anstrengenden Projekts kurz einen Tapetenwechsel benötigt, streckt sich in einem der Relaxräume auf einer Liege aus. Oder lädt die Batterien durch sportliche Betätigung in der Chillout-Zone auf: am Tischkicker oder Dartboard.

Selbst nach 20 Uhr strahlen die Mitarbeiter des Ravensburger IT- und Leasing Anbieters Columbus noch gute Laune aus. Die Büros, in denen Teams zusammensitzen, sind schick und auf offene Kommunikation hin ausgerichtet. Wer seinen Gedanken einmal eine andere Richtung geben möchte, geht auf einen Kaffee in die Lounge im ersten Stock. Früher, in den alten Räumlichkeiten, saßen die verschiedenen Abteilungen noch abgeschottet in einzelnen Büros. "Ich habe den Eindruck, dass das neue Bürokonzept das Wir-Gefühl verstärkt hat", sagt Wolfgang Wagner, Chef der Tochtergesellschaft Columbus Interactive.

Wie Arbeitsbienen in winzigen Waben

Open Space nennen sich neudeutsch die geräumigen Arbeitsflächen, in denen mehrere Mitarbeiter auf einmal ihren Tätigkeiten nachgehen. Doch wer glaubt, dass es sich nach wie vor um das Großraumbüro handelt, in dem die Angestellten wie Arbeitsbienen in winzigen Waben, genannt Cubicles, zusammengepfercht ihr Tagwerk verrichteten, irrt. "In diesen Büros ging es nur darum, eine möglichst gute Auslastung pro Quadratmeter zu erreichen. Die Arbeitsprozesse waren dabei kein Maßstab für die Gestaltung", erklärt Dieter Boch vom Zürcher Institut für Arbeitsforschung und Organisationsberatung (IAFOB). Das Open-Space-Konzept ist anders.

Was es leisten muss, bringt Hanns-Peter Cohn, Chef des Möbelherstellers Vitra in Weil am Rhein, auf den Punkt: "Um die Effizienz des Teamplayings sicherzustellen, muss eine Art Wechselspiel zwischen Anspannung und Entspannung im Büro gegeben sein." Es sollte Strukturen zur optimalen Zusammenarbeit und Kommunikation, aber auch Rückzugsmöglichkeiten wie bei Swisscom Mobile bieten. Ob Deutsche Bank, Sixt, Accenture, Columbus oder Brose - immer mehr Firmen, die im wieder aufflackernden Kampf um die Talente bestehen wollen, stellen ihren Mitarbeitern Bürowelten zur Verfügung, die deren jeweiligen Bedürfnissen angepasst sind.

Dementsprechend tüfteln viele Möbelhersteller an neuen Konzepten. Der Büromöbelproduzent Sedus Stoll bietet beispielsweise ein "No limits"-Programm an: Möbellandschaften werden immer wieder neu und individuell aufgebaut, je nachdem wer die Räumlichkeiten nutzt. "Das hat den Nebeneffekt, dass sich bei frisch zusammengewürfelten Teams oder Seminarteilnehmern, die sich noch nicht kennen, die Aufbauphase das Kennenlernen verkürzt", erklärt Joachim Sparenberg, Kommunikationschef des Waldshuter Unternehmens.

Lesen Sie, welches Mobiliar dafür sorgt, dass man sich auch im Büro heimisch fühlt.

Bei Vitra gab man dem Open-Space-Konzept den kuscheligen Namen "Net' n'Nest". Net soll für den Austausch untereinander stehen, während Nest zum Beispiel auf sogenannte Denkerzellen, in denen man ungestört überlegen oder telefonieren kann, hinweist. Entsprechendes Mobiliar sorgt dafür, dass sich die Leute auch im Büro heimisch fühlen. So entwarf Design-Guru Philippe Starck einen Schreibtisch namens "BaObab", hinter dessen organisch geformten Rundungen man sich auch im harten Joballtag geborgen glaubt. Und das französische Brüderpaar Ronan und Erwan Bouroullec kreierte für Vitra ein Alkovensofa mit 1,60 Meter hohen Rückenlehnen, das als Raumteiler oder als Platz für konzentriertes Arbeiten genutzt werden kann.

Investitionen in funktionale Open-Space-Bürowelten von Vitra, Sedus Stoll oder anderen Möbelherstellern, die ihren Nutzern zugleich ein gewisses Maß an Wohlfühlfaktoren bieten, sind nicht gerade günstig, doch sie zahlen sich aus. "Es ist eine signifikante Korrelation zwischen Ausstattung und Effizienz zu beobachten", sagt - wen wundert's - Sparenberg. Aber die Einschätzung des Möbelmachers wird durch konkrete Zahlen des Fraunhofer-Instituts für Arbeitswirtschaft und Organisation in Stuttgart gestützt: Die Untersuchung "Office Excellence Check" hat gezeigt, dass sich die Produktivität im Büro um bis zu 36 Prozent steigern lässt - vorausgesetzt, den Bedürfnissen der Mitarbeiter wird Rechnung getragen. Etwa durch optimale Licht- und Klimaverhältnisse oder ergodynamische Möbel, die verschiedene Bewegungen mitmachen, denn der Mensch ist nicht nur zum Sitzen geboren.

Wer zufrieden ist, leistet mehr

Zu den größten Herausforderungen im Open-Space-Büro zählt Lärm. Doch der lässt sich schon durch die räumliche Abschottung verschiedener Teams durch Vorhänge, Trennwände oder Pflanzen stark reduzieren. Perforierte Möbel schlucken bis zu vierzig Prozent an Schall, und Headsets helfen Leuten, die von Vieltelefonierern umgeben sind, die Konzentration durchzuhalten.

Auch in Sachen Licht hat sich viel getan. Vorbei sind die Zeiten, in denen im Großraumbüro alle gleichermaßen von denselben Neonröhren geblendet wurden. Heute regulieren viele Mitarbeiter über die Telefontastatur eigenständig die Beleuchtung an ihrem Arbeitsplatz. Damit verbunden ist auch eine psychologische Komponente. "Je größer der Grad der individuellen Selbstbestimmung ist, desto besser fühlt man sich", sagt Boch vom Zürcher IAFOB. Und wer zufrieden ist, leistet mehr.

Wichtiger als Farben, die die Befindlichkeit der Büroarbeiter kaum beeinflussen, sind Pflanzen. Zudem liefern sie Sauerstoff. Erforderlich ist allerdings ein zentrales Konzept mit integrierter Pflege, damit welke Blätter nicht auf Tastaturen fallen und wild blühende Gewächse nicht irgendwann Schreibtische überwuchern. Und: "Damit sich die Leute wirklich wohlfühlen, muss alles so sauber und ordentlich aussehen wie in einer Hotellobby", weiß Psychologe Boch.

Vanillekipferlduft fürs Büro

Optimale Arbeitsbedingungen für Innovation und Leistung sind erst gegeben, wenn "alle fünf Sinne positiv angesprochen werden", sagt der Stuttgarter Innenarchitektur-Professor Rudolf Schricker: zum Beispiel der Geruchssinn durch Kaffee- oder Vanillekipferlduft. Doch lässt die Beduftung im Büro - in Kaufhäusern längst Alltag - noch auf sich warten. Genauso wie Ablagen für Getränke oder Sandwiches an Möbeln, "obwohl wir oft genug am Arbeitsplatz Kaffee trinken oder etwas essen", meint Schricker.

In einem Punkt allerdings unterscheidet sich das Open-Space-Konzept nicht von seinem Vorgänger, dem Großraumbüro. Wo viele Personen aufeinandertreffen, menschelt es. Dieses Konfliktpotential kann auch der beste Architekt nicht wegplanen. Da helfen nur Spielregeln.

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Quelle:
SZ vom 27.10.2007
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