Kleiderordnung im Büro 27 Grad und der Sittenverfall ist nicht mehr zu stoppen

(Foto: Illustration Jessy Asmus)

Die hohen Temperaturen weichen die Kleiderordnung in Büros und Ämtern auf. Ist das bei Hitze angemessen oder doch nur eine Ausrede, sich mal ein wenig gehen zu lassen?

Von Christian Mayer

Seit einigen Wochen sieht man die Frauen, vor allem aber die Männer im Büro auf einmal ganz anders. Der auf sein Äußeres bedachte Abteilungsleiter, ein Freund italienischer Designeranzüge, hat ein Poloshirt mit einem dicken Logo an und zeigt seine Unterarme, so als käme er direkt vom Badesee. Der trotz seiner fortgeschrittenen Lebensjahre nahezu knitterfreie Kollege trägt ein kragenloses Etwas und wirkt darin leicht verlottert. Die Jüngeren, Generation Mark Zuckerberg und drunter, sind ohnehin längst auf Shorts umgeschwenkt, sie fordern Geschlechtergerechtigkeit: Wenn bei Frauen kurze Sommerkleider allgemein auf Beifall stoßen, warum gilt die Beinfreiheit dann nicht für Männer?

Früher hätte diese Frage das Potenzial gehabt, einen aus den Socken zu hauen, aber auch das ist ja bereits ein Anachronismus: Heute stecken nackte Angestelltenfüße von Juni bis September oft genug in angeblich atmungsaktiven Turnschuhen oder sogar in Outdoor-Sandalen.

Im Personal- und Organisationsreferat der Stadt München, bis vor wenigen Jahren noch eine zugeknöpfte Behörde, gilt seit dieser Woche: Jeder darf, keiner muss. Per Rundschreiben erhielten die Mitarbeiter die ausdrückliche Erlaubnis, bei der anhaltenden Hitze in kurzen Hosen erscheinen zu dürfen, sofern keine offiziellen Termine anstehen. Eine feste Kleiderordnung gibt es zwar nicht bei der Stadt München, aber wie in den meisten Firmen einen gewissen Mindeststandard, was das Erscheinungsbild angeht. Und da muss man konstatieren: Der Sittenverfall ist offenbar nicht mehr aufzuhalten, wenn Vorstandschefs bei Jahreshauptversammlungen die Krawatte weglassen, Operngäste bei den Salzburger Festspielen auf das Sakko verzichten und der bayerische Ministerpräsident Markus Söder seine Wahlkampfauftritte im Polohemd bestreitet. Das Volk macht es ja vor.

Stilexperten sehen mit Schrecken untrainierte Oberarme

Fast schon etwas lebensfremd klingen daher die Ermahnungen konservativer Stilexperten, die sich an der neuen Laxheit abarbeiten. Der Business-Coach Alexander Plath etwa warnt seine Kunden eindringlich vor kurzen Hemden. Diese seien eigentlich nur "für Bubis" geeignet; ein echter Gentleman ertrage auch die größte Hitze mit "stoischer Gelassenheit" - alles eine Frage des richtigen Stoffes. Die Imageberaterin Katharina Starlay hält von Kurzärmeligkeit im Büro ebenfalls gar nichts, weil diese Art von Freizeithemden bei untrainierten Männern oft am Oberarm ausstülpten und "ungewollte Einblicke" böten. Aber wenn solche Kleiderordnungsfragen überhaupt diskutiert werden müssen, ist ohnehin alles verloren, was früher als Etikette galt.

Was waren das noch für Zeiten, als der Bundeskanzler ganz korrekt im grauen oder blauen Anzug und selbstverständlich mit Hut seinen Sommerurlaub in Cadenabbia am Comer See antrat. Konrad Adenauer trug immer weißes Hemd und Krawatte, selbst wenn er unter Palmen saß oder Boccia spielte. Er blieb aber auch bis zum Ende seiner Tage eine straffe Erscheinung, ganz anders als die Menschen heute, für die Temperaturen über 27 Grad immer eine hochwillkommene Entschuldigung dafür sind, sich ein wenig gehen zu lassen.

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